THALASSA im Indischen Ozean


Als wir im letzten Jahr in Malaysien, in der wunderschönen Marina Sebana Cove landeten, war ich bester Stimmung. Denn der erste Eindruck dieser Marina war großartig und am Schiff schien alles in Ordnung. Zum ersten Mal seit langem hatte ich keine "Pflichtenliste" abzuarbeiten. So hoffte ich. Aber es kam ganz anders....

  April 2005 - In der Piratenstraße von Malacca

Ein kurzer Check des Getriebeöls im Saildrive an Steuerbord änderte alles. Den Ablauf des Abends, der nächsten Wochen und des nächsten Jahres. Massive Mayonnaise statt klarem Öl fand mein Ölstab. Sofort war klar, dass dies ein größeres Problem sein würde. Denn durch häufiges Arbeiten am Unterwasserschiff mit dem Freediver hatte ich mir den einen oder anderen teuren Slipaufenthalt erspart, aber das weißliche Ölgemisch signalisierte ein großes Problem. Der - fast immer überflüssige -  Blick in die Trouble-Shooting-Liste des Betriebshandbuchs bestätigte meine Sorgen: "Kontaktieren Sie Ihren Händler!". Immer, wenn ich derartige Listen checke, ende ich mit diesem völlig wertlosen Hinweis.

Eines war klar: Im Getriebe war Seewasser und das musste sofort raus, wenn nicht die gesamte Mimik wegkorrodieren sollte. Sagt sich so einfach, aber tatsächlich ergaben sich nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten. Absaugen über die Öffnung für den Peilstab ging nicht, und in unmittelbarer Umgebung dieser Marina gab es keinen Travelift mit der notwendigen Breite für den Beam der THLASSSA, also für 7 Meter 30. Auch nicht in Singapur! Da war nun guter Rat teuer. 

Den bekam ich von meinen Yachtsfreunden von der La Rossa und von der Harlekin. Was ich vorher für unmöglich gehalten hatte, gelang. Nämlich das Öl-Wasser-Gemisch aus dem Saildrive, der ja außen unter dem Schiff einen halben Meter tief im Seewasser platziert ist, nicht nur zu entfernen, sondern es auch gegen sauberes Getriebeöl zu ersetzen. Wie? Siehe  Trick-Siebzehn-Kiste!

Das war natürlich nur die halbe Miete. Denn, um diesen Saildrive wieder einsetzen zu können, musste die Ursache für das Eindringen gefunden und beseitigt werden. Und das geht halt wirklich nur, wenn das Schiff auf dem Trockenen steht.

Also, obwohl wir für heuer ganz anderer Reisepläne hatten (nämlich zurück nach Indonesien zu segeln), mussten wir umdenken. Wir brauchten in erster Linie einen Platz, wo unser Schiff rausgeholt werden konnte. Beachen, also am Strand Trockenfallen? Ein halbe Sache, denn der Saildrive sollte ja ordentlich repariert werden und das geht nicht so auf die Schnelle zwischen den Gezeiten.

Eine Werft im Osten Malaysias, nur 200 Meilen von der Sebana entfernt, klärte sich schließlich bereit, einen Slipwagen für die THALASSSA zu bauen. Doch als es ins Detail ging, schien mir das alles zu wacklig. Dutzende von Ratschlägen erhielten wir, wo wir angeblich rauskonnten, aber alle Anfragen fanden ein schnelles Ende, als die Breite der THALASSA ins Gespräch kam. Schließlich mussten wir klein beigeben und uns für Phuket, Lumut oder Langkavi entscheiden. Das waren nicht nur 500 Meilen Entfernung (mit einer Maschine, denn der zweite Saildrive war ja nicht einsatzfähig), sondern es war gleichzeitig durch die Straße von Malacca, die einen bodenlosen Ruf genießt und die ich eigentlich meiden wollte.

Diese Seestrasse zwischen Malaysien und Indonesien ist nicht nur die verkehrsreichste auf der ganzen Welt, sondern besonders berüchtigt wegen der zahlreichen Piratenüberfälle. Mehr als 150 waren in den letzten Jahren verzeichnet worden - ganz offiziell. Allerdings wurden Yachten getröstet: Es handele sich fast(!) ausschließlich um Überfälle auf die Berufsschifffahrt und auf Fischerboote. Die Piraten hätten es meist nur auf Entführungen und Geiselnahmen von Mannschaft und Kapitän abgesehen und deshalb an Yachten keinerlei Interesse. So kidnappten wenige Wochen zuvor wahrscheinlich indonesische Piraten einen riesigen malaysischen Schlepper samt Mannschaft. Und dieser Schlepper ist bis heute verschwunden, obwohl seitens des malaysischen Militärs eine fieberhafte Suche nach dem Tugboot begann. Das beruhigte uns etwas, denn die Piraten würden sich bei der erhöhten militärischen Präsenz wohl einige Zeit nicht aus ihren Schlupflöchern in den Mangrovensümpfen auf der indonesischen Seite der Malacca-Straße raustrauen. Dachten wir.

Aber ein paar Tage später schlugen die Piraten wieder zu. Was daran besonders übel war, war die Tatsache, dass dieser Überfall auf einen japanischen Frachter mitten im Verkehrstrennungsgebiet stattgefunden hatte. Unmittelbar vor dem riesigen malayischen Hafen von Port Klang. Es waren nur drei Piraten die mit Schusswaffen der 22 Mann starken Crew lächerliche 20000 Dollar abgenommen hatte. Wir hatten andere Sorgen, die THALASSA musste aus dem Wasser und das war eben nur nach einer Passage durch die Piratenstraße möglich.

Unser Plan war, nur untertags zu "segeln", denn nachts war - so dachten wir - die Chance, überfallen zu werden, ungleich größer. Aber das war nicht der einzige Grund, nachts einen Ankerplatz aufzusuchen, was nicht besonders schwer sein würde, denn Ankerplätze bei durchgehend zehn bis 30 Meter Wassertiefe in der gesamten Straße, waren praktisch immer unter den Kielen. Nein, das größere Problem, so waren wir gewarnt, waren die Fischer und deren wahllos ohne Systematik ausgelegte Netze, die nahezu überall auch auf Propeller oder Ruderblätter lauerten und nachts eben gar nicht zu erkennen waren. Was mich aber am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass ich auf dieser hunderte von Meilen langen Strecke praktisch nur eine Maschine zur Verfügung hatte, denn der defekte Saildrive war ja nur konserviert, nicht repariert.

Nun könnte man sagen, dass ein Katamaran mit einer Maschine ja genauso gut gerüstet ist wie jeder normale Mono. Das ist nicht richtig, denn ein Kat fährt zwar unterwegs mit einer Maschine ganz leidlich - ja man merkt nicht einmal die Assymetrie am Ruder, aber beim Manövrieren ist man erheblich behindert. Abstoppen des Schiffes mit einer Maschine geht nicht, da würde lediglich das Schiff zu drehen beginnen. Geradeaus losfahren haut auch nicht hin, denn, wiederum, beginnt der Kat zunächst zu drehen, bis er endlich drei Knoten Fahrt zustande bringt, mit denen - bei ruhigem Wetter - er sich auch steuern lässt.

Hinzu kommt, dass man bei dem dichtesten Schiffsverkehr, den die Welt kennt, ja kein sehr angenehmes Gefühl hat, wenn man in seiner Manövrierfähigkeit behindert ist. Auf den Zwangswegen, wenn man denn dorthin abgedrängt wird, kann man nicht erwarten, dass einer der Riesentanker Rücksicht auf einen nimmt, wenn er überhaupt erkennen könnte, dass die kleine zweibeinige Spinne unter ihm Schwierigkeiten hätte. Würde auch gar nichts helfen, denn die Verkehrstrennungssystem sind hier so schmal, dass ein  Großer gar nicht abstoppen könnte, ohne Gefahr zu laufen, einem Kollegen in die Quere zu kommen.

Also, mit ziemlich schlechtem Gefühl motorten wir aus der Sebana raus in die Straße von Singapur hinein, wobei wir uns ständig am rechten Fahrbandrand des Zwangsweges hielten. Es wehte kein Lufthauch, was wir erwartet hatten. Das Wetter war gut, es war kein Gewitter am Horizont auszumachen, was uns beruhigte, denn während unseres Aufenthalts in dieser Gegend  hab ich eine Menge Respekt vor diesen gewaltigen Energieentladungen der Natur bekommen. Diese Gewässer gelten als gewitterträchtigstes Gebiet der Welt, was wir aus der sicheren Marina heraus oft genug beobachten haben können. Den deutschen Yachten MENEVADO und HARLEKIN wurde es ziemlich hautnah vor Augen geführt, als beide im gleichen Gewitter Schäden an der Elektronik von einigen zigtausend(!) Euros erlitten. Vorsoge gegen Gewitter? Fehlanzeige, vielleicht hilft ja beten!

Am ersten Tag schafften wir immerhin so an die 60 Meilen. Nicht schlecht für eine Maschine. Die bringt es auf knappe viereinhalb Knoten. Den Rest verdankten wir dem zeitweise mitlaufenden Strom. Kurz bevor die Dunkelheit einbrach, fiel der Anker auf wenige Meter - im freien Feld. Komisches Gefühl, so mitten auf dem Meer zu ankern, aber hier durchaus üblich...

Mit dem ersten Morgenlicht waren wir schon wieder unterwegs. Dabei gab es am frühen Morgen eine Schrecksekunde, als der Starter (des "guten" Motors) nur kurz klickte, aber sonst stumm blieb. Vielleicht hab ich schon an die hundert Autos in meinem Leben gefahren, aber bei voller Batterie hab ich noch nie erlebt, dass der Starter nicht wollte. Bei Schiffen sind wir halt - technisch gesehen - noch ein halbes Jahrhundert zurück. Beim zweiten oder dritten Versuch zeigte sich das Starterrelais gutmütig, der Startermotor drehte den Diesel kräftig an. Durchatmen!

Zwischenzeitlich hatten wir Kontakt zu anderen Yachten aufgenommen. Nein, nicht über Funk, sondern über Handy, das hier an der gesamten Malaysischen Küste bestens und ohne nennenswerten Abdeckungslücken funktioniert. Die deutsche Yacht NIN mit Aline und Michael saß in Port Dixon und die beiden überredeten uns leicht, in diese Marina zu kommen. Wobei mir bewusst war, dass ein Einlaufen praktisch nur bei absoluter Flaute für uns möglich war. Aber zunächst hatten wir andere Schwierigkeiten.

 

Wir motorten über das ölige Wasser, als es plötzlich rummste und ruckelte. Sofort war klar, dass wir von einem Fischnetz gefangen waren. Glücklicherweise lief die eine Maschine noch, sodass wir möglicherweise mit dem "kranken" Motor das Netz erwischt hatten. Keine 50 Meter von uns entfernt stand ein vielleicht 20 Meter langes Fischerboot mit der Mannschaft am Heck, die versuchten ihr Netz an Bord und damit uns an ihr Heck zu ziehen. Es half alles nichts, ich musste mit Schnorchel und Maske ins schmutzige Wasser. Der Anblick war unsympathisch. Beide Rümpfe, beide Ruder und nunmehr auch die beiden stehenden Schrauben waren von einem dichten Knäuel von Leinen mit armdicken Strängen umwoben. Vom eigentlichen Netz war noch nichts zu sehen, das hing offensichtlich an dem "Schnürlzeugs". Es dauerte vielleicht eine halbe Stunde, bis ich die beiden Kiele, die beiden Schrauben und die beiden Ruderblätter unter ständigem Abtauchen klariert hatte. Das kann sicher auch mit einem langkieligem Mono passieren, aber bei einem Kat mit "modernem" Unterwasserschiff hat man halt die sechsfache Chance, hängen zu bleiben.

Den nächsten Tag motorten wir nach Port Dixon.  Der Windmesser zeigte den ganzen Tag über nur zwischen drei und sechs Knoten. Aber dieser Hauch war fast zuviel, um in die Marina einzulaufen. Nur Dank der Hilfe von Michael und anderen Yachties war es möglich, den Kat in die Box dieser modernen Marina zu manövrieren. Es ist unglaublich, wie schwer so ein Fahrtenkat, ein riesiger Windfang, zu handhaben ist, wenn nur ein Maschine eingesetzt werden kann.

Port Dixon ist eines jener Mega-Projekte, die in Malaysien zu Dutzenden in der Gegend rumstehen. Meist finanziert mit Petrodollars scheint es niemand zu stören, wenn diese Prachtbauten ihre Kosten nicht einspielen.

Was zum Vorteil der Yachtsleute ist, die für wenig Geld eine luxuriöse Bleibe für die Schiffe finden. Feudale Schwimmbäder - mit Handtuch-Service versteht sich - stehen dann den paar Seglern kostenlos zur Verfügung. Ein schätzenswerter Vorteil bei den heißen Temperaturen, die praktisch nie unter 35 Grad am Tag absinken. Aber auch ansonsten lässt es sich in Malaysien gut leben. Taxis kosten nur ein paar Pfennige, sodass man sich nicht mal die Mühe machen braucht,  ein Auto billig zu mieten. Für ein paar Euro kann man den halben Tag zum Einkaufen fahren, während der (Taxi-) Chauffeur geduldig wartet, bis man in den modernen Supermärkten sich mit preiswerten Lebensmittel eingedeckt hat.

Eine bedenkenswerte Lebensauffassung hat uns unser (Stamm-)Taxifahrer über sein Land vermittelt: "Das Hobby aller Malaysier ist Geldverdienen. Deshalb arbeiten alle Malaysier. Deshalb sind alle Malaysier happy!"

Wenn es denn so einfach wäre! Aber Tatsache ist, dass die Leute hier auf uns einen wunderbar lockeren, charmanten Eindruck machten. Von Geldgier keine Spur. Im Gegenteil: Selten waren wir in einem Land, wo wir den Eindruck absoluter Ehrlichkeit hatten. Dein Schiff brauchst Du hier nicht zu verschließen. Ein Großteil der Einwohner sind Inder. Obgleich sie gegenüber den Malayen von der Verfassung eindeutig (noch) benachteiligt sind, spürt man als Besucher von  sozialen Spannungen unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen nichts.

Gewöhnungsbedürftig für Europäer ist das Auftreten der Frauen, die man praktisch niemals ohne Kopftuch sieht. Die Beine sind ebenfalls bis zu den Fersen peinlichst verhüllt. Trotzdem machen die Frauen in der Unterhaltung einen lockeren, keineswegs prüden Eindruck. Ein wenig zurückhaltend sind sie schon, um nicht zu sagen schüchtern. Unterdrückt wirken sie jedenfalls nicht.

Drei Tage lang genossen wir diesen herrlichen Club mit all seinen Annehmlichkeiten, bevor wir uns vornahmen, am nächsten frühen morgen Richtung Langkavi weiter zu segeln. 

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