Gigant BOOT 2015 

Auch nach mehreren Jahrzehnten Messebesuchen wird man auf der Düsseldorfer BOOT, der größten Bootsmesse der Welt, erschlagen. Das Angebot ist, nicht nur von der Größe der Yachten her, überwältigend. Und wer nicht ein paar Tage Zeit zur Verfügung hat, der kann nur einen groben Überblick bekommen, wenn er sich nicht auf ein, sehr enges, Programm konzentriert.

Wobei man als Fahrten-Segler wohl ohnehin die Motorboote, die Speedboote, die Hausboote, die Jollen auslässt. Trotzdem ein kurzer Blick auf die Megayachten mit den tausend PS - tschuldigung: mit den vielen "KWs" - im Motorraum ist doch in jedem Fall eindrucksvoll, wobei man sich fragt, warum das Geschäft mit diesen Wohnmonstern, die die Geissenyacht aus dem Fernsehen als kleine Hundehütte erscheinen lassen, immer noch offensichtlich blüht, wo doch angeblich nahezu alle Steuerschlupflöcher geschlossen sind. Es sei gegönnt, obwohl Neidgefühle schon aufkommen, wenn Kunden mit dem Maybach vorgefahren werden, statt wie wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Aber auch bei den Segelyachten stünde den Kunden die Edelmarke von Mercedes gut zu Gesicht, wenn Sie sich auf ihre Zweitwohnung in Form einer Segelyacht für bis zu 6 Millionen chauffieren lassen. Wobei ich mich frage, warum ich in dieser Preisklasse überhaupt noch unter Segel mit all den Einschränkungen, die diese Fortbewegungsartmit sich bringt, unterwegs sein möchte. Denn direkt in den Wind kann ich doch trotz Hydraulikwinschen, vollautomatischer Segel und sonstiger Hightec-Hilfen nicht segeln. Da muss dann schon der Diesel mit ran. Wie bei uns in den "kleinen" Yachten auch. Der Wind ist der Gleichmacher. Schön!

Trotzdem, ein Genuss ist es schon, von einer solchen Yacht mindestens zu träumen, wenn man hinter den Ruderrädern der 82-Fuß-OYSTER steht, und sich vorstellt, wie sich der weit entfernte Bug der 25-Meter-Yacht bei raumem Wind hebt und mit leichtem Rauschen in die See senkt, während die zahlreichen Speedo-Anzeigen wohl um die 15 Knoten plus anzeigen. Nebenbei, ein typischer Düsseldorfer Superlativ: Die Möglichkeit, diese Traumyacht in der warmen Halle zu besichtigen, ist eine logistische Meisterleistung: Es ist die größte Segelyacht, die jemals in einer Halle ausgestellt wurde.

Etwas kleiner, aber immer noch finanziell unerreichbar (für unsereiner) ist die 64er Hallberg Rassy. Da läßt es sich schon eher vorstellen, auf einem Ankerplatz in der Südsee bei Aircondition und geschlossenen Luken zum Schutz gegen die Mosquitos im edlen Salon den letzten Bondfilm zu konsumieren. Und es ist schon denkbar, dass man dorthin mit eigener Kraft gekommen ist. Werftchef Rassy erklärt einem Dutzend Millionären im Salon, wie man diese immer noch riesige Yacht auch per Knopfdruck zu zweit über die Weltmeere segeln(!) kann. Und im Hafen? Kein Problem  meint er, das vollautomatische Bug- und (!) Heck-Strahlruder würden das Problem schon lösen, auch bei ablandigem Wind. Und die Unterhaltskosten? Rassy spricht von "ein bis zehn" Prozent, wobei ich mir kaum vorstellen kann, dass auch der lässigste Millionär so eine Traumyacht unversichert lässt, und dann liegen wir in der Südsee  schon bei zwanzig bis dreißig tausend Euro. Im Monat! Bleibt also ein Traum. Ein Detail im riesigen Salon allerdings nicht, das ist der versenkbare Fernseher, auf den man, so man will, auch die Seekarten mit aktueller Position zaubern kann. Rassy: Das ist ein ganz normaler Fernseher, auf den der Ausgang des Plotters geschaltet wird. Käme also auch für meine Yacht in Frage - und das nagende Thema Vestas wäre endgültig ein Thema von gestern.

Ansonsten: Alle Namhaften waren da und genaugenommen gibt es da nichts zu berichten, wenn man von dem Kleinkram (helles Holz, Center-oder Achterkabine etc mal absieht). Für mich überraschend, dass die französische Spitzenfirma Amel immer noch an dem uralten Konzept eines Zweimasters (Ketsch) festhält. Warum? Die werden ihre guten Gründe haben, aber im Jahr 2015 erschließen sie sich mir nicht mehr.

Die Zahl der Mehrrumpfboote scheint zugenommen zu haben, aber die Multi-Hull-Szene ist noch weit genug davon entfernt, das Kommando bei den seegehenden Yachten zu übernehmen. Gut so, denn Einrumpfyachten werden auch in hundert Jahren ihre Daseinsberechtigung haben. Suum cuique!

Auf dem Zubehörmarkt hab ich kein - aus meiner Sicht - nennenswertes Produkt entdeckt, das mich überrascht hätte. Erfreut hab gesehen, dass unter den Entsalzungsanlagen die Echotec aus Trinidad wieder vernünftig vertreten ist. Man merkt es dem Konzept dieser Anlage und ihren Leistungswerten an, dass sie von einem Langfahrtsegler mit viel Herz für die Technik, nämlich dem Deutschen Michael Bauza entwickelt und gebaut wurde. Angetrieben mit "unseren" 12 Volt bringt sie mit 20 Ampere um die 50 Liter - ungefähr so. Das bedeutet in der Praxis nicht die albernen Werte "pro 24 Stunden" (wer fährt schon rund um die Uhr mit Maschine), sondern volle Tanks pro Flautenloch. Und in der Zuverlässigkeit, das ist der Schwachpunkt generell bei Watermaker, wie ich aus sehr leidvoller Erfahrung bestätigen kann, dürfte sie vielen anderen vergleichbaren Anlagen weit überlegen sein. Für mich aber der erwähnenswerte Clou der in Deutschland vertriebenen Echotec: Importeur und Yachtsegeler Thomas Logisch (tomlogisch.com) baut die Anlage überall in Europa in die Yacht ein zu einem durchaus mäßigen Preis, der knapp bei 1000 Euro liegt. Watermaker müssen nämlich exakt fachgerecht angebracht werden, für einen technisch versierten Handwerker kein Problem, aber wer unter uns ist das schon? Und die "local Specialists", an die wir im kleinen Yachthafen bei technischen Schwierigkeiten so oft verwiesen werden, sind doch häufig nichts anderes als ehemalige Fischer, die sich bei Aufkommen des Yachtgeschäfts mit einem Werkzeugsatz aus dem Baumarkt versorgt haben. Finger weg von meinem Watermaker! Wer einen Hydrogenerator sucht, ein aussenborderähnliches Gerät am Heck, das Strom erzeugt, ist bei dieser Firma ebenfalls gut aufgehoben.  

Die so wichtigen Rettungsmittel sind in ihrer Entwicklung ziemlich ausgereizt. Vollautomatische Rettungswesten sind Standard (das war nicht immer so!) und - noch besser - bei 75 Prozent aller in die Sportschifffahrt ausgelieferten Westen ist der Lifebelt eingearbeitet. Wenn Du also Dich per lebenswichtiger Lifeline sicherst, trägst Du auch die Rettungsweste - beim Hochseesegeln die einzig richtige Reihenfolge. Warum aber der Kunde nunmehr Rettungswesten und Ölzeug in Schwarz, Dunkelblau oder Dunkelgrau, nächtens doch ideale Tarnfarben, überwiegend wünscht, bleibt Marktgeheimnis.

Zwei nette Bucherscheinungen sind noch erwähnenswert: Der neue AEQUAT0R-Verlag hat die ungewöhnliche Weltumsegelungs-Geschichte von Sebastian Pieters herausgebracht. Es ist die wahre und sehr erfrischende  Geschichte eines 20-jährigen Schülers, der ohne Segelkenntnisse, ohne Partnerin und praktisch ohne Geld von einer eigenen Weltumsegelung anfängt zu träumen und das dann auch, freilich mit Hilfe seines Lehrers und einer Mitseglerin (gefunden im Internet!) realisiert - (siehe auch hier!). Er wird auch noch am zweiten Wochenende auf der Eventbühne der BOOT von dieser Unternehmung und ihrer Geschichte erzählen und das preiswerte Buch signieren.

Keine Weltumsegelung - noch nicht - haben die Sailing Conducters (so heißt auch das Buch aus dem Delius-Klasing-Verlag) zu bieten, aber gerade deshalb ist ihre Geschichte orginell: Die beiden deutschen Toningenieue (links und rechts auf dem Foto unten - dazwischen v.l.n.r. ARC-Erfinder Jimmy Cornell, YACHT-Chefredakteur Jochen Rieker und Bobby Schenk) begeben sich per 9-Meter-Segel-Yacht von Australien aus auf Heimatkurs und wollen überall die beste Musik "sammeln". Erfrischend amateurhaft ist die Herangehensweise an die Hochseesegelei  nach der "Try and Error-Methode", geht schon irgendwie. Professionell dagegen die Musik, die man auf der beiliegenden CD gleich mal abspielen kann. Ein Tip für Segelvereine: Die beiden sehr lässigen Jungs sind beim gigantischen Delius-Klasing-Branchenabend als Rahmenprogramm (mit Cello) vor 400 Zuseher aufgetreten, was sich auch für annehmbares Honorar bei einem Clubabend statt der üblichen Dia-Vorträge eignen würde.

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Page by Bobby Schenk
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