Das Südsee Sailbatical

von Miriam Andres & Urs Rothacher
Nicht-Weltumsegler


Und plötzlich war sie da, die Möglichkeit auf Langfahrt zu gehen!

Schon als Jugendlicher hatte ich Weltumsegler - Bücher verschlungen, Bobby Schenk, Wilfried Erdmann und andere. Doch das Meer ist von Zürich aus weit weg, und so vergnügten wir uns mit 420er zu 505, 49er und SL33 auf den Schweizer Seen und Küstengewässern. Der Traum, auf Langfahrt zu gehen, verblasste zwar zwischen Karriere und Kindern, aber ganz vergessen war er nie.

Die Rückkehr des Traums begann in Form eines Excel Spreadsheets, auf dem wir ein Dutzend Wunschboote via 47 Parametern verglichen. Das war etwas übertrieben, aber half uns sehr mit objektiven Kriterien beim Finden des für uns passenden Bootes. Doch noch bevor wir uns entschieden hatten, hörten wir von einem nahezu perfekten Boot. Der einzige Haken: es lag sprichwörtlich auf der anderen Seite der Welt im Hafen von Noumea, Neukaledonien.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten auch wir geplant, mit der klassischen Route von Europa aus via Atlantik und Panamakanal irgendwann in den Pazifik zu segeln. Enthusiastisch verfolgten wir die Blogs von Freunden und Unbekannten, besuchten Bobby’s Blauwasserseminar, lasen Segelblogs und vor allem Segelberichte mit Kindern, denn unsere damals 4-, 6- und 8-jährigen Jungs würden natürlich ein Teil der Crew sein.

Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than the ones you did do. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.
-- attributed to Mark Twain
 

Mit der Planung kamen die Zweifel. Wollten wir wirklich für mehrere Jahre aussteigen, Karrieren auf Eis legen, einen fünfköpfigen Haushalt auflösen und alternde Eltern zurücklassen? Schule an Bord, würden wir das alleine zu schaffen? Aus Gesprächen mit Seglern und Seglern mit Kindern blieben drei Eindrücke:

 
1. Die Südsee ist die Reise wert, und mit das Schönste was ein Segler erleben kann.
2. Bis in die Südsee ist es ein langer Weg und nicht wenige sind erschöpft (emotional, physisch und finanziell) und einige Kinder, vor allem die ‘pre-teens’ und ältere hatten genug erlebt und wollten nichts lieber als zurück zu ihren Freunden.
3. Auch Traumstrände können mit der Zeit langweilig werden und bieten kaum intellektuelle Herausforderungen.


Das gab uns mehr als zu denken. Und mit der Option auf ein Boot im Pazifik reifte die Idee, unser Segelprojekt dort anzufangen , wo andere aufhörten; im westlichsten Südpazifik. Des Weiteren würden wir uns neun Monate Auszeit gönnen. Das war der Plan.

In der Kürze liegt die Würze
- Deutsche Redensart


So flogen wir für ein Wochenende nach Noumea , um unser ‘Traumboot’ in echt zu sehen, segeln, und begutachten. 48 Stunden später waren wir stolze, wenn auch noch etwas ungläubige Besitzer der ‘MOANA’ , eines 5X Outremer Katamarans. Gespräche mit den nun Vor-Besitzern und Eltern eines 11-jährigen Jungen sowie weiteren Langfahrt-Familien bestätigten unsere Beobachtungen und bestärkten uns in unserem Plan.


Kaum zu Hause ging es mit Enthusiasmus an die Planung: Einreichung von beruflichem Sabbatical, Erklärungen und Vertröstung von Verwandtschaft und Freunden, Gesuche an Schule und Kindergarten, Untervermietung des Hauses, medizinische Vorsorge und Packen. 

Im Herbst schlossen wir unsere Wohnungstür und reisten mit viel Gepäck, Kindern und einer riesigen Vorfreude nach Noumea. Neukaledonien bot uns als unerfahrenen Blauwasserseglern ein einmaliges Trainings- und Experimentierrevier. Die weltgrösste Lagune, geschützt von langen Barriereriffen, bot flaches warmes Wasser, einsame Koralleninseln, spektakuläre Unterwasserwelt, aber auch eine funktionierende Infrastruktur mit Hafen, Einkaufsmöglichkeiten sowie den nötigen Fachkräften rund um eine Yacht.

Nach über zwei Monaten nahmen wir schweren Herzens von Neukaledonien Abschied, aber freuten uns auf Australien mit seiner Fauna und Flora und der ‘no worries mate’ Einstellung seiner Bewohner. In zwei Monaten tingelten wir von Bundaberg die Ostküste entlang bis nach Sydney, dessen spektakulären Hafen wir kreuz und quer absegelten und sogar an Regatten teilnehmen konnten.

Ende Februar querten wir die berüchtigt wild stürmische Tasman Sea nach Neuseeland mit teilweise sehr wenig Wind oder Flaute. Sogar die Albatrosse dümpelten mangels Wind zum Fliegen neben uns. Wir erkundeten den nördlichen Teil der Nordinsel und genossen Hau raki Gulf, die vorgelagerten Inseln (Great Barrier Island, Poor Nights Islands) und die wunderschöne Bay of Islands , deren grasbewachsene Inseln immer noch als das grünste Grün aller Zeiten gelten.

Bei erstbester Gelegenheit nach der Zyklon-Saison verliessen wir das inzwischen nasskalte grau-herbstliche Neuseeland mit Kurs auf Tonga , welches wir in schnellen sechs Tagen erreichten. In vier Wochen segelten wir das Königreich Tonga mit seinen vielen unbewohnten Inseln von Süden nach Norden ab, um dann von der nördlichen Ha’apai Gruppe nach Fiji überzusetzen. Tonga, aber vor allem Fiji , waren von der Zerstörung von Zyklon Winston gezeichnet.


In Fiji genossen wir das freundliche ‘Bula’ der Menschen, einsame Buchten, volle Märkte trotz Zykonschäden, und trafen in Savusavu und im Westen viele weitere Segler, vor allem auch solche mit Kindern.

 

 

Unsere Auszeit endete in Fiji. Nach neun Monaten barfuss, meist salzgetränkt und mit Korallensand gepudert, kehrten wir nach unzähligen und unglaublichen Abenteuern und Geschichten heim. Es war herrlich, aber auch herrlich anstrengend. Neben Navigation, Bootshaushalt, Essensvorbereitung mit dem fast täglichen Verarbeiten von 750 g Mehl, Schule, Beschäftigung der Kinder und den ewigen Unterhaltsarbeiten und Reparaturen (auch bei neu und neueren Booten) war der Tag zu Ende und alle k.o. 
Kaum zu glauben, aber wir genossen die ‘ruhigen’ Stunden zu Hause, mit den Kindern in der Schule und träumten schon bald vom nächsten ‘Sailbatical’…

Kosten

«Die Kosten des Langfahrtsegelns sind nichts gegenüber den Kosten, nicht zu arbeiten»
-- Junger Norwegischer Weltumsegler, Fiji, Juli 2016


Da die Zeit limitiert ist, sollten Arbeiten am Boot minimal sein und können oftmals nicht selbst ausgeführt werden. Ein Sailbatical ist daher kaum mit sehr wenig Budget zu erreichen.

Anderseits ist eine ‘teure’ Reise von 9-12 Monaten unter dem Strich immer günstiger als ein jahrelanges Cruisen. Insbesondere, wenn man den Lohnausfall berücksichtigt. Zudem sind die Kosten besser kalkulierbar.

Sicherheit
«Alles lief o.k., aber Du weisst nie wie o.k. Du bist, bis alles schiefgeht» 
-- Grant Dalton, Team New Zealand, December 2012

Die Südsee hat weder Piraterie noch sind die klassischen Tropenkrankheiten wie Malaria oder Dengue verbreitet. Auch Krokodile und Würfelquallen leben erst weiter im Westen.

Neben der ‘klassischen’ Sicherheitsausrüstung hatten wir auch AIS und Personal-AIS in jeder Schwimmweste, redundante Satellitentracker und Kommunikation (Iridium Go, unlimited data plan, USD125/Monat), kleinen ‘Grabbag’ auch im Beiboot, sowie eine sehr umfassende Bordapotheke.
Eine Teilnahme an einem ‘WS Offshore Personal Survival’ Kurs (früher ISAF Offshore Safety) macht Spass und ist empfehlenswert.

Wahl der Yacht und Ausrüstung
«Leistung, tiefe Kosten, Komfort; man kann zwei davon haben, aber nie alle Drei!»
-- Dick Newick, legendärer Yachtdesigner

Die meiste Literatur, aber auch Blauwasserseminare etc. beschreiben und optimieren meist nur die klassische ‘Barfuss’-Weltumsegel-Route… Ein Sailbatical folgt einer fundamental anderen Philosophie, was zu anderen Anforderungen an Yacht und Ausrüstung führt.

Im Gegensatz zu einer jahrelangen Weltumsegelung ist bei einem Sailbatical die Zeit knapp und sollte nicht mit wochenlangem im Hafen basteln oder auf Ersatzteile warten verbracht werden. Somit sind der Initialzustand und die Zuverlässigkeit des Bootes und seiner Systeme zentral für das Gelingen eines Sailbatical. Der wohlbekannte und bei Yachten ausgeprägte «Badewanneneffekt» (ein Begriff aus der Technik zur Beschreibung der Zuverlässigkeit), welcher aufzeigt, dass die Zuverlässigkeit von ganz neuen oder alten Yachten am tiefsten, also am geringsten ist, spricht für ein Bootsalter von 2-6 Jahren.
Wenn die Yacht Teil einer erfolgreichen Serie ist, wird sowohl die Wahrscheinlichkeit von bösen Überraschungen, wie auch der Aufwand , Probleme zu beheben, reduziert. Auch der Widerverkaufswert ist für solche Boote deutlich höher als für ‘one-off’ Projektboote. Es gilt auch, so wenig kritische (oder neue…) Systeme wie möglich an Bord zu haben, für diese aber Ersatzteile mitzuführen oder sogar gleich zwei identische Systeme zu installieren (z.B. Autopiloten)

Viele schöne Routen haben Abschnitte, auf denen der Wind oftmals nicht ausschliesslich von achteraus kommt und sogar in Passatwind-Regionen weht der Wind nicht selten aus unüblichen Richtungen. Man muss also bereit und in der Lage sein, nicht nur vor dem Wind zu segeln.
Dies hat noch einen weiteren Vorteil, denn in manchen Inselstaaten (z.B. Fiji, Neukaledonien) liegen die Häfen zum Einklarieren im Zentrum oder sogar Westen, im Lee der schönsten Segelreviere; um diese zu erleben, muss man nach dem Einklarieren gegen den Passatwind zurücksegeln.
Eine schnelle Yacht erlaubt es, die nötigen Überfahrten innerhalb des vorhersagbaren Wetterfensters von 4-6 Tagen zu beenden. Damit wird die Wahrscheinlichkeit, in einen grossen Sturm zu geraten, sehr klein, was Nerven, Material und Familie schont. Auch können kürzere Wetterfenster genutzt werden, was das Rumwarten auf ‘passendes’ Wetter minimiert.
Das oftmals gehörte: «Das Schiff und der Skipper müssen keine tollen Segelfähigkeiten haben; man verbringt eh die meiste Zeit vor Anker" mag für Weltumsegler gelten, die Jahre Zeit haben, und auf perfektes Wetter zum Segeln warten können, aber nicht, wenn man die Südsee in 8 bis 12 Monaten kennenlernen möchte. Schließlich sind wir Regattasegler.

Yachten, die ausschliesslich mit 5 Knoten vor dem Wind schaukeln können, mögen zwar romantisch und ‘klassisch’ aussehen, sind aber für ein Sailbatical ungeeignet. Ansonsten gleich auf Mast und Segel verzichten und einen der ausgezeichneten Powercats wählen; das spart trotz höherer Treibstoffkosten eine Menge Zeit, Geld und Ärger.

Bootskauf oder Langzeit-Charter

Langzeitcharter sind bei verschiedenen Charterfirmen möglich, haben allerdings den Nachteil, dass die Charterboote selten für Langfahrt ausgerüstet oder verfügbar sind. Die Preise sind hoch, denn der Vermieter muss Abschreibung, Versicherung, Steuern und etwa 10% des Bootswertes für Unterhalt und Erneuerungen einrechnen.

Glücklicherweise sind im Südpazifik sehr viele ausgezeichnete und bewährte Gebrauchtboote zu guten Preisen verfügbar. Der Markt ist gross und in Neuseeland ist eine preisgünstige (keine Steuern für fremde Boote) und kompetente Marinaindustrie, um die Yacht auszurüsten. Bei einem Kauf sollte man versuchen, mit dem Broker gleich eine reduzierte Kommission für den Widerverkauf zu vereinbaren. Die marktüblichen 6 - 10% sollten so auf 2 - 4% runtergehandelt werden können.

Entscheidend die Gesamtkosten des Sailbaticals ist der Wiederverkaufswert der Yacht; generell sind Serienboote einer Werft mit gutem Ruf mit Abstand am einfachsten und risikolosesten verkaufbar. Im Südpazifik liegen eine Menge guter Yachten. Sie sind voll ausgerüstet und bereit zum Lossegeln, viele zwischen 280k-350k €.

Das führt für ein Sailbatical zu Bootskosten von EUR 30k-80k.

Wir kennen aber mindestens einen Fall, wo das Boot zum selben Preis weiterverkauft wurde. Und Andere die den Kahn nicht loskriegen…. So wie hierzulande eben auch.

Beim Kauf in der Ferne unbedingt als Erstes eine vollständige Mängelliste verlangen sowie einen aktuellen Video-Spaziergang (auf YouTube ‘privat’ hochladen). Dies spart viel Zeit, unnötige Reisen und beidseits Enttäuschungen. Nicht erschrecken, wenn die Mängelliste lang ist, auf aktiven Booten ist immer allerlei kaputt. Erst dann mit erfahrenem, unabhängigem Surveyor das Boot besichtigen und mit Mängelliste abgleichen.

8 - 12 Monate Südsee-Sailbatical
“A ship in harbor is safe. But that is not what ships are for.” 
-- John A. Shedd

9 monatige Reise

Je nach Erfahrung der Mannschaft sollten die Überfahrten von und nach NZ von/mit einem lokalen Skipper gemacht werden.

Zusatz für 12 monatige Reise

 

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