Segeln in Grenzbereichen(1)

von Manfred Jabbusch 


Manfred Jabbusch hatte mit seiner White Witch”, einer Hallberg Rassy 352, also einer typischen Fahrtenyacht,  die Welt erfolgreich umrundet - siehe hier. Nach dem Ende des 6-Jahrestörns um den Globus wollte Manfred seine altgediente Yacht verkaufen. Er fand auch gleich einen Interessenten, der allerdings eine kleine Bedingung für den Kauf hatte: Geliefert werden sollte die Yacht von Trinidad aus nach Perth - Australien. Es gab nur einen Kaufwilligen für das 22 Jahre alte 10-Meter-Schiff. Also hatte der Skipper kaum eine Wahl...      


Mit einer Fahrtenyacht in die brüllenden Vierziger

Ja, es ist geschafft. Am 13. April 2006 bin ich unversehrt und gesund von Kapstadt kommend in Trinidad gelandet. Nach diesem 42-Tage-langen Törn über 5700 Meilen, der auch, wie sich jetzt bestätigt hat, der Abschlusstörn meiner 6-jährigen Weltumsegelung sein sollte, fiel ich erst einmal in ein tiefes emotionales Loch. Ihr kennt das bestimmt auch. Hat man ein Ziel erreicht, ist man erst einmal alle, müde, hungrig und durstig, hat zu nichts mehr Lust. So ging es auch mir. Ich “fraß” und “soff”- ohne Appetit und Hunger - alles in mich hinein (leider macht einen das Fastfood der Karibik nicht gerade an), schlief viel und wusste nicht so genau, wie es weitergehen sollte. Lasse ich das Schiff zum Verkauf in der Karibik oder fahre ich weiter ins Mittelmeer? Wie lange wird der Verkauf dauern? Fragen, die ich schon lange vor mir herschob - jetzt galt es die richtigen Entscheidungen zu treffen.  

Schneller Verkauf der White Witch

Doch dann, der Mensch ist ja so wundervoll motivierbar, straffte mich das Email eines Kaufinteressenten von einer Sekunde zur anderen. Er hatte meine englische Anzeige im Internet und dem englischen Magazin
“Yachting Monthly“ gesehen. Wir machten einen Termin aus und ich wühlte 3 Tage bei 35° Hitze, um White Witch "schön" zu machen.

Joe, der Interessent, ist Australier und arbeitet in Trinidad für einige Monate als Konstruktionsleiter von Offshore Öl-/Gasplattformen. Er kam an Bord, sah die brave, hübsche White Witch und war auf seine nüchterne, sachliche Weise sofort begeistert. Wir segelten dreimal, spielten Golf und bereiteten den Vertrag vor. Die Wellenlänge zwischen uns stimmte und nach einigen Verhandlungen und Sundownern konnte ich mein Schiff gut an ihn verkaufen.

Für uns beide war das wie ein Wunder,denn es war das erste Schiff, welches Joe sich angesehen hatte, und er war mein erster ernsthafter Interessent! White Witch gefiel Joe auf Anhieb, insbesondere, weil sie ja voll ausgestattet ist - um loszufahren, genügen ihm eigentlich Zahnbürste und Badehose. Ich versprach, White Witch alleine oder mit ihm im Herbst 2006 und Anfang 2007 in mehreren Etappen nach Perth/Australien, seinem Wohnort, zu segeln. 

So fand die Weltumsegelung ihr Ende, White Witch ging in andere Hände über und ich durfte noch ein paar Wochen mit ihr segeln.

Törnplanung

Wie soll ich von Trinidad nach Fremantle, dem Hafen vor Perth/Australien fahren und wann?

Beim “Wie?“ standen folgende Alternativen zur Diskussion:

  • durch den Panamakanal, Pazifik, Torres Strait, Darwin nach Perth, ca.   11.000 NM oder

  • über den Atlantik nach Kapstadt, rund Kap der Guten Hoffnung (auch   Kap der Stürme) und

  • dem Indischen Ozean direkt nach Perth/Australien, auch ca. 11.000 NM 

Das “Wann?” ergab sich automatisch. Die Pacifikroute hätte ich erst im Frühjahr 2007 beginnen können und  wäre frühestens nach einigen Stops an den schönsten Orten im Oktober 2007 (vor der Zyklonsaison) in Fremantle. Sicher der wärmere, nicht so gefährliche Törn - meistens in Passatwinden segelnd.

Die Atlantik-Indic-Route müsste ich spätestens im Oktober 2006 starten, um im südlichen Sommer, Nov.- März, rund “Cape Hope” und durch die “Roaring Forties “ einigermaßen unversehrt durchzukommen. Ich wäre dann Anfang März 2007 in Fremantle. Ein schwieriger, anstrengender Törn, der zudem mit langer Kreuz an der Ostküste Südamerikas und durch das gefährliche, kalte Südpolarmeer führt.

Joe ließ mir freie Hand und erklärte sich sogar zur Übernahme einiger Kosten bereit. Ich entschied mich, hoffentlich richtig, für den Atlantik-Indic-Törn und plante im Oktober bis Dezember 2006 nach Kapstadt zu segeln, um dann Anfang Januar 2007 von Kapstadt nach Fremantle zu starten.  

Noch einmal wollte ich das Abenteuer und meine Grenzen spüren, in Grenzbereichen segeln. „White Witch“ ist ja eine hochseetüchtige, stabile Yacht, die ihr Können auf allen Weltmeeren bewiesen hat. Das würde sie bei guter Vorbereitung sicher auch jetzt tun.

Beim Studium der “Pilot Charts für den Atlantik”, zeigten sich schnell die Schwierigkeiten, die auf uns zukommen sollten. Die “Pilot Charts” visualisieren die statistischen Werte für Windrichtung, Windstärke,  Strömungen, Eisgrenzen, Temperaturen etc. für die einzelnen Monate und Seegebiete. Zunächst müssen die ersten 2000 Meilen entlang der NE Küste von Südamerika überwunden werden. Wind aus SO und zeitweise starke Gegenströmung bis zu 3 KN erwarten uns. Kreuzen ist angesagt. Ihr kennt ja die Kriterien des Kreuzens?!: 2-facher Weg, 3-fache Zeit und 4-facher Ärger. Es wird auch mir nicht erspart bleiben. Aber ich leide gerne und werde mich zu motivieren wissen (um wie viel schwieriger es sein werden würde, sollte ich noch erfahren). Außerdem müssen wir die Kalmen nördlich des Äquators, in denen schwache, wechselnde Winde (oder Flauten) vorherrschen, überstehen. Alle Nachforschungen bei Erfahrungsträgern zu diesem Abschnitt waren erfolglos. Freunde rieten ab: “2000 Meilen kreuzen, bist Du wahnsinnig?“ Ich bin doch aber sicher nicht der Erste, der diesen Törn wagt?! Hinter dem Kap San Roque geht es dann hoch am Wind mehr südlich an der Insel Trinidade vorbei, bis ich auf Westwinde stoße, die mich um das zentrale Südatlantikhoch nach Kapstadt bringen. Ich veranschlage für die ca. 5500 NM direkte Strecke 5-6 Wochen nonstop zu fahren.

 

Vorbereitungen  

Am Abend vor dem Einwassern bekamen wir noch “Sundowner”-Besuch meiner amerikanischen Freunde John und Ricarda. Sie waren meine ersten Kontaktpersonen, als ich 2000 das Schiff in St. Maarten /Karibik kaufte. Welch ein Zufall, sich wieder zu treffen - wie sich der Kreis schließt. John ist der wohl beste Mechaniker in der Karibik und er hatte mir damals sehr geholfen. Leider musste ich noch schmerzhaft den Diebstahl von einigen Euros und meinem Handy in Kauf nehmen. Ich war ein paar Minuten nicht an Bord und schon hatte das jemand beobachtet und sich bedient. Den Dieb hielt auch das schwerste Erdbeben nicht ab, welches Trinidad je erlebt hat. Das Schiff schwankte an Land bedrohlich hin und her - zum Glück passierte nichts.

White Witch hatten wir in Chaguaramas/Trinidad in der IMS-Marina auf Land gestellt und vor Regen, Sturm und der sengenden Sonne geschützt. Joe hatte vorbereitend neues Antifouling aufgebracht, so dass vor dem Start, der Anfang Oktober geplant war, keine Megaarbeiten mehr erforderlich waren. Dennoch gab es in den 10 Tagen - unter anderem - noch genügend zu tun:

- Boot ins Wasser bringen

- Totalen Check des Bootes, des Riggs sowie aller technischen Geräte

- Watermaker reparieren

- Auspuffwassersammler schweißen und laminieren

- Wasser und Diesel tanken

- Ölwechsel

- Ruderkoker neu abdichten und fetten

- Windsteueranlage (Pacific Plus) komplett zerlegen und überprüfen

- Neue Batterien (Joe’s erste größere Investition)

- Törnplanung aktualisieren

- Wetterberichte einholen

- Proviant für 3 Monate bunkern

- Ausklarieren

Unter anderem stellten wir im Masttop fest, dass der Fallführungsbügel, der das Fockfall von der Furlex 200S-Rollreffeinrichtung abhält, gebrochen war. Dadurch kann das Fockfall sich im Zweifelsfall um die Reffeinrichtung vertörnen und die Fock nicht mehr eingerollt werden. Dramatisches Auswehen der Fock mit schnellem Zerfetzen ist dann meist die Folge, meistens im ungeeigneten Moment. Zum Glück konnte ich das Teil vor Ort besorgen und montieren.

Anker auf nach Kapstadt!

Am 6. Oktober hieß es “ Anker auf” und los ging es, wie schon so oft, bei Vollmond. Ich liebe das, gibt es doch mehr Licht und mildert die Nervosität der ersten Nächte.

Ich werde nachfolgend nicht meine detaillierten Logbucheinträge wiedergeben, sondern mich auf die Highlights beschränken.

6.-13. Oktober 2006 - Tage1-7

Ständig wechselnde Winde, meist aus SO, der falschen Richtung. Mehrere Tiefs zogen durch, wobei jede Wolke andere Winde bringt. Das heißt, sich ständig, Tag und Nacht, mit dem Trimm des Schiffes zu beschäftigen. Freund Hilmar, ehemals SY Vagabund,  wurde mit seinen per Sailmail geschickten Kommentaren zum aktuellen Wetter zu meinem Törnberater erklärt. Nur konnte er das Wetter leider auch nicht gesund beten. Trotzdem danke, lieber Hilmar. Mehrfach lag ich bekalmt mit heruntergelassenen Segeln und konnte/musste relaxen.

Ameisen wollten unbedingt mitfahren. Einige hatten sich während der Hardstandzeit im Ankerkasten eingenistet, wenige entdeckte ich im Schiff. Eines Nachts trank ich meinen Tee und wunderte mich ob der kribbeligen Beikost. Ich machte das Licht an und sehe mindestens 10 Ameisen im Tee. Schnell spuckte ich meinen Trank aus, nicht ohne von einer in die Zunge gebissen zu werden. Uhhh.

Am nächsten Abend gönnte ich mir eine Büchse Pfirsiche und stellte ihnen die nicht ausgeleckte Schale ins Cockpit. Nach 3 Stunden leuchtete ich mit der Taschenlampe und siehe da: eine ganze Schar genossen in wilder Ekstase den restlichen Pfirsichsaft. Ihr Tod kam schnell. Der Rest ist verhungert oder wegen Seekrankheit gestorben - habe lange keine mehr gesehen.

Am 13.10. konnte ich den nächsten Waypoint 08°20’N 052°46’W zum ersten Mal direkt ansteuern. Alle Versuche, weiter nach Osten zu kommen, um den späteren Strömungen auszuweichen, misslangen.

14.- 20. Oktober 2006 - Tage 8-14

Immer mehr wird unsere Geduld auf höchste Proben gestellt. Es geht zeitweise rückwärts. Am meisten drückt mich der Termindruck, dem ich mit dem Flugtermin am 14.12. zurück nach Deutschland ausgesetzt bin. Glaube, diesen Termin nicht halten zu können. Versuche jetzt mehr unter Land zu kommen, da ich dort im Bereich der 100 Meter-Tiefenlinie weniger Strömung erhoffe. Habe derzeit 2-3 KN Gegenstrom. Das heißt, ich fahre mit 5 KN Geschwindigkeit (sieht schnell aus) durch das Wasser, mache aber nur 2 KN über Grund. Daraus resultieren die geringen Etmale von 30-50 Meilen.

 

21.-26.Oktober 2006 - Tage 15-20

Stelle alles auf äußerst minimalen Verbrauch um: Essen, Getränke, Stromverbrauch, Dieselverbrauch, da ich nicht weiß, wie lange ich hier noch herumgammle. Habe nur noch für 40 Stunden Diesel. Die brauche ich alleine, um die Batterien zu laden. Ich glaube, jetzt habe auch ich meine physischen und psychischen Grenzen erreicht. Funke ein passierendes Cargoboot  an, ob mir Diesel verkauft werden kann. Nach langem hin und her bekam ich eine diplomatische Ablehnung  -- „Please call and ask my manager in Singapur”.

Zu meinem Geburtstag bekam ich Glückwünsche von allen Seiten und packte Mariannes Geschenke aus. Oh, wie treffend hatte sie mir das Buch  „ Der Schatten des Windes“ eingepackt - als wenn sie es geahnt hatte. Ansonsten war Geduld, Geduld und noch mal Geduld angesagt.

 

27.- 31.Oktober 2006  - Tage 21-25  - noch 3900 Meilen bis Capetown

Die Wende! Habe entschieden, in Belem oder Fortalezza/Brasilien zwischenzulanden, um zu tanken.

Mit Marianne habe ich den Flug auf den 21. Dez. verschoben. Jetzt bin ich von diesem für mich gewaltigen Termindruck befreit. Es lassen sich eben Termine nicht wie beim Autofahren einhalten. Deshalb sage ich immer, wenn ich nach einem Ankunftstermin gefragt werde: „Ich kann sagen, wann ich bin, aber nicht wo; oder ich sage, wo ich bin, aber nicht wann“. Termindruck kann sich schnell in Fehlern und Nachlässigkeit auswirken. Unnötige Risiken sind die Folge. Das Meer aber verzeiht nichts. Es kennt kein Lob oder Tadel, nur die Realität zählt.

 

27. Oktober - Position N01°52’  W047°28’.

Wohl im schlimmsten Moment kann ich einen Langustenfischer anhalten, der mir 100 Liter Diesel verkauft. Spannend der Ablauf. Er fährt parallel zu der unter Autopilot langsam segelnden White Witch im Abstand von ca. 5 Metern.

Über eine Trosse gebe ich, Seefahrer kennen die Hosenboje, die Kanister hinüber, die dann auf gleichem Weg gefüllt zurückkommen. Zum Schluss tauschen wir noch Geschenke aus. Ich bekomme 4 Langusten und gebe 1 Flasche Whisky hinüber, die mit großem Hallo in Empfang genommen wird. Wunderbar, diese spontane Hilfe.

Die hübschen Langusten mussten unter meiner Machete dran glauben - ich hatte 3 Tage lang die schmackhaftesten Gerichte.

 

Nur ist das nicht alles. Ich komme in 20-100m flaches Wasser mit weniger Gegenstrom, es setzt mehr Wind ein. Ich schwöre mir, einen Abstand von 10 Meilen zur Küste zu halten, da ich ja ständig in Legerwall liege. Beschließe an Belem vorbei bis Fortalezza zu segeln, um dort einen kurzen Zwischenstop zum Bunkern zu machen. Fortalezza liegt direkt auf dem Weg, während Belem 100 NM im Inland liegt.

Und dann überquere ich zum neunten Mal während der Weltumsegelung den Äquator. Feiern ist nicht angesagt, nur ein Dank an Rasmus, Poseidon und meine brave White Witch.

 

1.-5. November 2006 - Tage 26-30 - noch ca. 200 Meilen bis Fortalezza

Stürmische Tage und Nächte - es bläst ständig gegenan mit 6-7 Windstärken und 3-4 Meter hohen Wellen. Obwohl ich das 2te Reff eingezogen habe, reißt das Großsegel. Bei Wechsel des Segels vertörnt sich das Großfall im Masttop. Soll ich bei dem Seegang in den Mast steigen? Ich versuche es, muss aber 2m vor Erreichen des Masttops aufgeben. Ich werde derart umhergeschleudert, dass ich um mein Leben bange. Kann mich auch nicht halten, da durch den Salzsprühnebel alles glitschig feucht ist. Bin kurz vorm Herzinfarkt, Puls bei 180 (160 ist mein alterbedingtes Maximum). Mir gehen dramatische, makabre Gedanken durch den Kopf: 

„Treibende Segelyacht gefunden. Toter Skipper hängt im Lifebelt im Mast“. Im Mast zitternd kommt mir die richtige Idee. „ Nimm ersatzweise die Dirk als Großfall“ - warum nicht gleich. Ich hangele mich vorsichtig nach unten und bin total fertig. Wechsle Dirk und Großfall. Unglaublich, zu welchen Leistungen man in Stresssituationen fähig ist. Alles ist wieder gut.

White Witch kommt nur langsam voran, denn Wind und Wellen bringen eine Abdrift von 20-30°. Demnach ist nur ein Wendewinkel von 80-90° erreichbar, bis zum anderen Bug sind das 160-180°. Im schlimmsten Fall kreuzen wir hin und her, ohne eine Meile gut zu machen. Ich nutze jede kleine Winddrehung, egal, ob Tag oder Nacht ist. Merke es nur an der Dunkelheit, denn ständig hält die Arbeit mich auf Trab. Ähnlich wie in Regatten versucht man immer noch höher an den Wind zu gehen, wohlwissend, dass es außer Speedverlusten nichts bringt. Lerne immer wieder, nicht gegen die Natur und die Gesetze der Physik anzukämpfen. 

Alles im Cockpit ist nass. Kaum hat die Sonne ein wenig abgetrocknet, steigt  wieder eine Welle ins Cockpit und stellt den alten Zustand her. Versuche jede freie Minute zu schlafen, auch am Tage – meist im nassen Cockpit.

5. November 2006 - Stopover in Fortalezza/Brasilien

Die letzten zwei Tage kann ich gut kreuzen, teilweise Fortalezza anliegen. Muss noch ein Ölfeld (Sperrgebiet) umfahren und werde bei Vollmond nachts anlanden.

 

 

Fortalezza hat eine kleine Marina im 5 Sterne-Hotelkomplex Marinapark, Pos. S 03°43’ W038°31’.
Nachts auf eine Stadt mit ihren hunderttausend Lichtern zuzufahren - siehe Foto -, ist eines, eine Hafeneinfahrt zu finden, ist eine ganz andere Sache. Ich habe zwar elektronische Detailkarten. Nur stimmen sie auf 100m genau?

Ich nähere mich im Schritttempo an. Links vor der Hafeneinfahrt liegt ein Wrack, natürlich unbeleuchtet. Höre schon die Brandung am Ufer. Auch noch Niedrigwasser - nur 5m Tiefe. Scheiße, wo ist die Hafeneinfahrt, die ist doch groß genug? Oh, ein rotes Licht. Ist das die Positionslampe BB der Hafeneinfahrt? Nach der Karte nicht. Dann sehe ich sie, direkt auf Kurs und fahre langsam herein. Keine Marina zu sehen. Durch die Ebbe nur noch 2 m Wassertiefe unterm Kiel. Stahlseile versperren mir den Weg. Ich ankere zur Nacht direkt in der Hafeneinfahrt - die war natürlich nicht beleuchtet. Gehörte das rote Licht vielleicht zu einer Nachtbar?

Geschafft, ich war froh, heil angekommen zu sein und konnte nach einem Monat mal wieder ein paar Stunden durchschlafen.

Der Anblick von Fortalezza durch die salzverkrusteten Windshieldfenster ist “berauschend”. Die Marina lag direkt vor mir, so konnte ich am nächsten Morgen einlaufen und mich an den Steg legen mit Anker achtern aus.

Nette Seglerinnen halfen mir beim Anlegen und gaben mir gleich auch noch Brot und Butter herüber. Ist übrigens eine, wenn auch mehr und mehr in Vergessenheit geratene, nette erste Begrüßung eines Langfahrtseglers. Mit Armando, dem sehr hilfsbereiten Hafenmeister, aussehend wie der wohlbeleibte Maradona, konnte ich gleich alles organisieren, so dass nach 3 Tagen „alle Wunden geleckt“ waren. Segel repariert, Diesel getankt, Vorräte aufgefüllt, Wäsche gewaschen, ein-/ausklariert. Beim Klarieren des vertörnten Großfalls entdeckte ich, dass der Fockfallbeschlag, den ich in Trinidad ersetzt hatte, schon wieder durchgescheuert war. Also tauschte ich das sägende Drahtfall gegen ein Taufall aus und brachte eine provisorische Lösung als Rückhalt an. Hoffentlich hält sie bis Capetown.

Nebenher habe ich die Hotelküche am Pool genossen. Fortalezza ist eine 4-Millionen-Stadt, die musste ich nicht unbedingt besichtigen. Mir reichten die Taxifahrten zum Einkaufen bzw. klarieren. Die nächsten 200 Meilen bis zum Kap San Roques werden noch hart, dann hoffe ich mehr nach Süden drehen und einen Schrick in die Segel geben zu können.

Erstaunlich, wie schnell der Mensch doch schlimme Dinge und Entbehrungen vergisst. Ich freue mich, wieder weiterfahren zu dürfen. Schließlich habe ich noch einige Meilen bis Kapstadt.

 

Weiter geht die Reise nach Kapstadt

Am 8. November machte ich mich wieder auf den Weg - “nur noch” 3750 NM. Meine Strategie geht hoffentlich auf. Versuche die 200 NM zum Kap San Roque dicht an der Küste entlang zu kreuzen, um dann in offenes Wasser zu kommen und die Strömung und besseren Wind mit mir zu haben.

Der Wind gibt sich brav und macht das Kreuzen nicht so schwer. Vielleicht habe ich indes auch genug Übung. Habe jetzt auch Zeit genug, an Joe einen aktuellen Statusbericht zu geben. Schließlich hat er ein Recht auf Information. Dabei mache ich ihn auf das Alter der Segel und die strapaziösen nächsten 9000 NM aufmerksam und empfehle den Kauf eines neuen Satzes. Der könnte im Dezember nach Kapstadt geschickt werden.

Immer wieder fällt mir das viele Wasser in der Bilge auf. Ich führe es auf den Ruderkoker zurück und versehe ihn mit einer neuen Dichtung und ordentlich Fett. Eine fürchterliche Arbeit bei der Lage, die WW schiebt - und nutzlos, wie ich feststelle. Ich gehe alle Leckmöglichkeiten systematisch durch und entdecke ein in den 6 Jahren nicht festgestelltes Phänomen. Bei starker Krängung auf Stb saugt das System nach Abpumpen des angesammelten Bilgenwassers Seewasser von außen an, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren, die Bilge füllt sich, bis der Seewasserspiegel erreicht ist. Immer, wenn die Pumpe abgepumpt und abgeschaltet hat, wiederholt sich der Vorgang. Ich baute einen Hahnepot ein und es wurde sofort besser. Der Fehler ist schnell erklärt. Vor 3 Jahren hatte ich die Bilgenpumpe incl. Switch ausgetauscht. Die neue Pumpe von Wabsco hat kein Rückschlagventil. In Kapstadt werde ich eines installieren, denn so eine lebensgefährliche Situation kann ich nun wirklich nicht gebrauchen!

11. November 2006 -Pos S05°04’ W035° 24’-noch 3500 NM bis Kapstadt.

Habe heute Mittag bei mäßigem Wind und guter Welle das Kap San Roque, die östlichste Landmarke Südamerikas querab. Das langersehnte Ziel wollte ich eigentlich schon vor 14 Tagen erreicht haben - das Kap stellt in mehrerer Hinsicht eine Wende dar.

Bisher kreuzend werde ich jetzt bei mehr südlichem Kurs anliegen können - das Windsystem des Südatlantik wird ab dem Kap wirksam - Wind und Strömung drehen sich entgegen dem Uhrzeigersinn. Versuche deshalb White Witch nach Süden zu leiten, um dann ab ca. 20° S sukzessive auf Westwinde zu stoßen. Gönne mir eine der letzten frischen Mangos!

14. November 2006 - ereignisreiche Momente. 

Joe hat der Anschaffung eines neuen Segelsatzes zugestimmt. Habe ihm versprochen, die Segel nur im Bedarfsfall, wenn die alten auseinanderfallen, zu nutzen. Ich hatte die Segel in Fortalezza vermessen und schon Angebote von LeeSails/Hongkong und Rolly Tesker/Thailand eingeholt. Das geht heute ja alles zügig per Email. Ich nenne die beiden Segelmacher bewusst, denn sie sind unter Langfahrtseglern gut bekannt, liefern sie doch hervorragende Qualität zu moderaten Preisen.

Fast wären die Segel gar nicht mehr nötig gewesen! Wir gondeln im letzten Büchsenlicht bei Sundowner und spärlichem Abendessen gemütlich dahin, als ich in meinem Rücken plötzlich etwas spüre. Wie ein Geisterschiff kreuzt ein riesengroßes Containerboot in 200m Abstand gerade mein Kielwasser. Kann die Schweißnähte erkennen, so nah ist der Riese. Verdammt, ich habe ihn nicht kommen sehen! Shocking, unaufmerksam, unverzeihlich, mache mir große Vorwürfe! Hat es mich gesehen, hat es seinen Kurs meinetwegen geändert, die Fahrt vermindert? Hoffnungsvolle Gedanken.... Zum Glück hatte ich schon das Blitzlicht im Masttop eingeschaltet.

Heute im Morgengrauen sehe ich eine schwarze Wolkenwand vor mir - Abstand 1/2 Meile. Schnell ziehe ich das bereitliegende Ölzeug und Sicherungsleine an, springe an Deck und verkürze Groß- und Genuasegel auf 2 Reffs. Dauert 3 Minuten. Plötzlich setzt das Gewitter mit einem Riesenpeitschenschlag ein. Gewaltige Regenmassen stürzten bei 10 Windstärken auf White Witch ein. Brutal krängend stürmt sie voran. Es ist stockfinster, ein Riesenlärm und keine Sicht - Geisterbahn fahren ist lustiger. Bin ich froh, schnell reagiert zu haben. So schärfen Ereignisse die Sinne.

16. November 2006

Heute nacht, ich schlief im Cockpit, wurde es plötzlich sehr hell. Der Mond konnte es nicht sein - also nur noch die Toplaterne. Tatsächlich war der Halter gebrochen, die Laterne hing am Masttop und ging 2 Stunden später baden. Ich hatte bei der konfusen Welle keine Chance - und schon gar nicht bei Nacht - in den Mast zu steigen. Jetzt leuchtet sie in 5000 m Tiefe des Atlantiks. Von den Ereignissen der letzten Tage gewarnt, packte ich zum ersten Mal überhaupt die Sturmsegel aus und bereitete sie zum schnellen Setzen vor. Seit 6 Jahren lagen sie, noch originalverpackt, im Schiff. In den “Roaring Forties” oder vielleicht schon im Südatlantik werde ich sie brauchen. Sie sind orangefarben, aus schwerem Dacron, jeweils 8qm groß. Ich sollte sie im Bedarfsfall beide in 1/2 Stunde setzen können.

Der starke Wind hält an, die 3-4 m hohen Wellen setzen White Witch ordentlich zu.

Wegen der schlechten Funkverbindung putze ich die Antenne. Eine schwindelerregende Arbeit, muss das Verbindungskabel doch vom Achterstag in 2m Höhe gelöst werden. Die Wellen schleudern mich hin und her, ich muss mich anseilen. Schließlich habe ich es geschafft und tatsächlich wird die Funkqualität  spürbar besser. Gehe jetzt mit Sailmail über die Funkstationen in Chile oder Afrika/Maputo. Wer weiß, wie die Funkverbindung auf dem Weg nach Perth sein wird. Halte jetzt Kurs auf die Insel Trinidade und bin damit auf gleichem Kurs wie Moitessier und Wilfried Erdmann - ist aber auch der logische Weg.

18. November 2006 - Pos S16°58’ W030°57,6’ - 2850 NM bis Kapstadt

Die Funkverbindung ist sehr schlecht. Ich prüfe noch einmal alle Anschlusspunkte auf Korrosion und “poliere” die Endstellen des Antennenverbindungskabels, welches die Achterstagantenne mit dem Tuner verbindet. Das war wieder eine halsbrecherische Arbeit, denn das Kabel muss 2m über Deck abgeschraubt werden. Bei dem Seegang rollt White Witch beigedreht immer noch schlimm, ich werde hin- und hergeschleudert. Obwohl gesichert, fürchte ich abgeworfen zu werden, aber die Mühe hat sich gelohnt - die Verbindung ist wesentlich besser.

Hole mir ja jeden Tag die Grib-Files von NOA- Gov, dem Nordamerikanischen Marine-Wetterdienst. Ich kann das Gebiet kennzeichnen und bekomme über Sailmail die Datei geschickt. Windstärke und Richtung, sowie Luftdruck sind gut erkennbar, wenn sie auch nicht immer stimmen.

Liege mit meiner Törnplanung richtig, der Wind kommt aus NE - ich kann zum ersten Mal seit Trinidad mit geschrickten Schoten segeln. Leiste mir das letzte Yoghurt. Habe noch eine erstaunlich frische Mango, meine Lieblingsfrucht. Die wird gegessen, wenn ich die 350 NM liegende Insel Trinidade querab habe.

 

19. November 2006 

Ein netter Zeitvertreib an Bord ist die Kalkulation des Ankunftstermins am nächsten Wegpunkt und in Kapstadt. Das sind konkrete Ziele. Bei einem Durchschnittsetmal von 110 NM werde ich nach meiner Abschätzung am 16. Dezember ankommen. Darin sind ein paar Tage Sicherheit ein-gerechnet, denn bei schlechtem Wind muss White Witch tief bis 35-38° S fahren - das wären zusätzliche Meilen. Den Kurs abzukürzen bringt aber auch nichts, möchte White Witch auch nicht zu sehr prügeln. Ich nehme es, wie es kommt, mache aber gerne diese Kalkulationsspiele. Sie motivieren mich immer wieder, wenn ein Ziel im Plan erreicht wurde.

Nachts wird es zunehmend kühler und feuchter, ziehe mich deshalb zum Schlafen immer mehr in den Salon zurück. Den Wecker höre ich dort auch, muss zu meiner Rundumsicht nur aufstehen und raussteigen. Habe lange kein Schiff mehr gesehen. Es läuft gerade die Hugo Velux- OC-Einhandregatta von Spanien nach Fremantle (ist ja mein Ziel). Es müssten also irgendwann die “F1”- Boote vorbeikommen. Sie segeln wesentlich schneller, kosten allerdings auch viel, viel mehr.

 

21. November 2006

Seit 2 Tagen Segeln vom feinsten. White Witch rauscht mit halbem Wind bei 2 Reffs in Groß und Fock und wenig Welle dahin, gesteuert von der “Pazific Plus”-Windfahnensteuerung, von Peter Förthmann. Mit ihr habe ich auf der Weltumsegelung sehr gute Erfahrung gemacht. Die Insel Trinidade querab passiert - liegt aber zu weit SW entfernt, kann sie nicht sehen. Zur Belohnung gibt es die letzte Mango zum Dessert. Hat sich gut gehalten, wie auch die Eier, die ich vorsichtshalber alle mit Vaseline konserviert hatte. 

 

23. November 2006 

Das sind jetzt schöne Segeltage, ruhige See. Mit 10-15 KN Wind aus N gleitet White Witch mit halbem Wind dahin. Sie erreicht keine Superetmale, wie im Passat, aber mit 124, 126, 130 NM bin ich auch zufrieden. Jubele, wenn ich sie mit den 50 NM auf der Kreuz vergleiche. Das Südatlantikhoch verlagert sein Zentrum gerade stark in Richtung SW und liegt nur ca. 500 NM von uns entfernt. Wir fahren den Kurs 130° - in der Hoffnung auf Rückverlagerung nach Osten – weiter. Habe jetzt auch wieder meinen “Musikladen” aufgemacht. 700 Songs, klassische Musik, Kabinettstücke und Sprechbücher, alle auf dem Notebook gespeichert, wollen und sollen mich unterhalten. Abends lege ich bei ruhiger See schon mal eines meiner 20 DVD-Movies auf. Kenne alle schon auswendig, nur was soll man mit dem Abend anfangen. Es wird ab 18.30 dunkel, da kann ich keine Wellen mehr zählen. Aber den Sonnenuntergang genieße ich immer wieder staunend und bewundernd.

Gerade bin ich auf  23° 27” Süd unter dem Wendekreis des Steinbocks durchgefahren, dem südlichsten Breitengrad, den die Sonne am 22. Dezember erreicht.

 

24. November 2006

Heute war der Skipper beim Friseur und hatte großen Waschtag.  

Da nehme ich einen großen Spiegel und meine elektrische Haarschneidemaschine, setze mich an Deck und los geht es. Ich mag mit so langen, schweiß- und salzverkrusteten Kopf- und Barthaaren nicht herumlaufen. Schneide es so, das es in 4 Wochen gut aussieht, denn zu kurz mag es meine liebe Marianne nicht.

 

 

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26. November 2006 - Position S28°26,7’ W0019°50’.

Noch 2100 NM to GO - wenig bis 0 Wind. Bin ich schon in den Rossbreiten? Nutze den Motor, um Meilen zu machen. Ich habe den Verbrauch mit 2 l/Stunde bei 1600 U/Min recht gut im Griff. Die kalme See bietet wenig Widerstand und so pflügt White Witch bei 1200 U/Min mit 6 Kn durch das immer kälter werdende Wasser.

Bei der ruhigen See lässt es sich gut am Computer arbeiten. Habe jetzt am geplanten Buch zu schreiben angefangen, allerdings mit großen Hemmungen - bin ja schließlich kein Schriftsteller. Nur wäre es nicht schade, all die Erlebnisse und Erfahrungen nur für uns zu behalten? Es würde mich sehr freuen, wenn wir damit einigen “Träumern” (war ich ja auch einmal) zum “auch machen” verhelfen würden.

 

27. November 2006

Heute morgen, 04.00, setzte der Westwind ein. Ich baume die Fock aus - Schmetterlingsegeln - und fahre gleich mit 5-6 KN dahin, wunderbar.  

 

Das Barometer fällt sofort stark, es wird kälter. Nach dem Wetterbericht müssten hier 20-25 KN Wind sein. Kommen die noch? Gehe jetzt mit 130° direkter auf Kapstadt zu. Bringe nebenbei die Homepage auf den neuesten Stand, sichere sie doppelt, damit die Dateien ja nicht in den letzten Wochen verloren gehen. Macht viel Arbeit, aber auch Spaß, wenn dann ein Ergebnis sichtbar ist.

 

29. November 2006

Die Vorräte neigen sich gähnender Leere zu. Kann den Kühlschrank ausschalten, denn bis auf wenige Reste, ein paar Eier, ein Stück Käse und Schinken, ist nichts mehr drin. Kann aber noch gut von meinen Büchsen und Fertigsuppen leben, die heutzutage auch recht nahrhaft sind. Habe mir die Heizungsanlage (Ebersbächer 3DL) noch einmal vorgenommen und versucht, ihr Leben einzuhauchen. Einen Kurzschluss habe ich gefunden, muss aber den Thermoschalter ersetzen. Danach wird sie hoffentlich wieder funktionieren und mir in den kalten Breiten ein wenig Wärme spenden. Es ist übrigens ein Schalt- und Verlegungsplan an Bord, der aber nur die Standardverlegung enthält. Alle optionalen Geräte, wie Heizung, Kühlschrank, Watermaker sind nicht bzw. nur rudimentär eingezeichnet. So darf ich die Leitungen ausmessen und muss dabei manchmal das halbe Schiff innen demontieren. Bei Neukauf eines Bootes sollte auf komplette Pläne geachtet werden!

01.Dezember 2006 

Die letzten Pfirsichbüchsen, die ich mit großer Liebe als Dessert bzw. Belohnung für gute Taten genieße, erinnern mich an ein sehr unangenehmes, trauriges Ereignis.

1948, ich war noch ein kleiner, hungriger Bub, stahl ich aus dem Versteck meiner Mutter die einzige Büchse Pfirsiche, die uns mit einem Carepaket aus den USA geschickt worden war und verschlang sie gemeinsam mit meinem kleinen Bruder. Der Diebstahl war schnell entdeckt. Mutter fiel weinend und schimpfend in tiefe Trauer, sollte diese Büchse doch eigentlich zur Begrüßung für meinen im Krieg vermissten Vater aufgehoben werden. Erst 1952, nach vor allem für meine Mutter endlos erscheinende, aber immer hoffnungsvolle 7 Jahre Warten, erfuhren wir vom Tod meines Vaters. Er war in den letzten Kriegstagen in Uelzen bei einem angegriffenen Truppentransport umgekommen. So genieße ich jede Büchse Pfirsiche im lieben Angedenken an meine Eltern. 

Seit Wochen allein, kein Mensch, kein Schiff, vielleicht Fische, die ich aber nicht sehe, nur selten Vögel sind um mich herum. Irgendwie finde ich da den Weg zu Gott, spreche mit ihm, bedanke mich und bitte um Schutz, manchmal um Anweisung an seine Angestellten Poseidon, Rasmus und Petrus, doch besseres Wetter zu machen. Gut, ihn zu haben!  

3. Dezember 2006  - Position S33°10’ W006°44’

Noch 1260 NM nach Kapstadt. Der Westwind hielt nur kurz an. Nach einigen Tagen mit wenig Wind ist er jetzt wiedergekehrt, allerdings aus NW, gestern aus SE. Dadurch viel zu tun an Deck: einreffen, ausreffen, schiften, Spibaum raus und rein, dauernd bei Tag und Nacht trimmen. Ich habe mir den Wind hier unten gleichmäßiger und mehr aus West kommend vorgestellt. Aber dazu müsste ich wohl auf 40° S runter.

Nebenbei repariere und pflege ich die wichtigen Systeme an Bord. Heute war der ST3000 Autopilot dran. Der Motor lief schwer, war total versalzen, die Scheerstifte abgerissen. Jetzt, nach Reinigung und mit genügend Fett, läuft er wieder brav, Gott sei Dank.

Wurde heute Mittag beim Abgießen des kochenden Spaghettiwassers durch eine Welle von der Küche in Richtung Naviecke geschleudert. Beide Hände am Topf, konnte ich im Flug gerade noch abwenden von dem heißen Wasser verbrüht zu werden. Die Hälfte der Spaghetti entluden sich in den Salon (konnten aber noch gegessen werden). Auch beim Kochen gilt zu jeder Sekunde: “Eine Hand fürs Schiff, die andere fürs Leben”.

 

6. Dezember 2006  - Position S33° 52’ E 000°23’ 

Der Südatlantik zeigt sein wahres Gesicht. War das der schlimmste Tag? In Fremantle werde ich es wissen. Es bläst aus allen Rohren mit 10-11 Windstärken und gigantischen Wellenbergen.. Habe das Großsegel geborgen und pflüge mit nur auf Taschentuchgröße gereffter Fock dem Ziel entgegen. White Witch mag das. Ist wohl eine Depression, auf die Wind aus SE folgen wird. Mal sehen, was kommt.

4 Stunden später ist der Spuk vorbei. Der Wind flaut nachts ab und dreht, ich muss an Deck, das Groß wieder setzen, die Fock ausreffen - alles bei Nieselregen. Bin schon durchnässt, bevor ich an Deck bin!

Um 03.00 Uhr morgens dreht der Wind wieder auf SO um. Raus, Spibaum wegnehmen, schiften, neu trimmen, wieder pitschnaß. Am Tag vorher hatte ich mir meinen jährlichen, lähmenden Hexenschuss zugelegt. Kann nur auf allen “Vieren” kriechen, mir die Schuhe nicht zubinden, alles tut weh. Hilft Not und Arbeit den Schmerz zu überwinden, die eigenen Grenzen zu überschreiten? Muss wieder an unsere Mütter und Väter im Krieg denken. Habe ordentlich Tabletten (mein Wundermittel Rantudil Forte, ähnlich Voltaren) eingefahren, mich warm eingepackt und lecke - auf meiner “Terrasse” liegend - die Wunden. White Witch zieht brav ihre Bahn mit schönen Etmalen. Habe übrigens heute den Nullmeridian überschritten und schreibe jetzt Ost.

8. Dezember 2006

Heute bin ich nach 20 Tagen mal wieder einem Schiff begegnet. Jetzt, 600 NM vor Kapstadt und dem “Kap der guten Hoffnung“, wird der Schiffsverkehr zunehmen. Es ist mehr Aufmerksamkeit angesagt, insbesondere nach dem Schock mit dem Frachtschiff vor einigen Tagen. Eine Latte hat sich verselbständigt - muss das Großsegel herunternehmen, eine neue Latte einführen, die zerrissene Lattentasche nähen und das Groß wieder setzen. Alles immer eine Riesenarbeit an Deck bei ständig schaukelndem Schiff und meiner temporären Unbeweglichkeit. Zum Glück steht der Wind gut durch, White Witch braucht keine Manöver. Müsste mich mal wieder waschen, traue mich aber nicht an Deck zu duschen. Also nur kurze Trockenwäsche. Gerade sehe ich ein Schiff hinter mir am Horizont auftauchen, zunächst nur als kleinen weißen Fleck, der aber schnell größer wird und sich als 150m-langes Cargoschiff herausstellt. Ich funke mit dem Steuermann, um die Kurse abzustimmen. Er sieht mich und wird seinen Kurs geringfügig ändern. Als er White Witch passiert, mache ich ein paar Aufnahmen. Trotz der 30m hohen Aufbauten ist das Schiff in den Wellentälern kaum zu sehen.

Gerade habe ich den ersten Albatros gesehen. Wie majestätisch er doch durch die Luft schwebt, kein Flügelschlag über lange Distanzen. Musste schon wieder das Großsegel nähen. Macht immer viel Arbeit. Beidrehen, Segel herunternehmen, in unangenehmer Lage bei schwankendem Schiff durch 3-5 Lagen Stoff nähen. Da bricht so manche Nadel durch. Letztlich hilft die viele Arbeit, White Witch flott zu halten. Die Lebensmittel neigen sich dem Ende zu. Alles wohlschmeckende ist alle, jetzt geht es an die “Normalkost”, die mir aber auch gut schmeckt. Dazu trinke ich 2 Liter Tee, 1 Büchse Bier und einen Sundowner täglich.

11. Dezember 2006  - noch 325 NM bis Kapstadt
Heute hat meine liebe Marianne Geburtstag. Sie macht es sich heute schön und genießt den Tag im Wellnessbad  in Bad Wörishofen. Das sei ihr von Herzen gegönnt, gerne wäre ich dabei.

Der Wind ist gut mit 15 Kn aus SO. Kann Kapstadt nicht anliegen, denn es steht eine 1-2 KN Strömung, die mich nach N versetzt. Hoffe in den letzten Tagen die richtige Winddrehung auf SW zu bekommen. Bereite mich langsam auf den Landfall im Royal Cape Yacht Club vor. Gastlandflagge und TO Stander setzen, Papiere klären, Funkfrequenz für Port Control (Ch 14) und Yachtclub (Ch 12) heraussuchen - Leinen und Fender können noch warten.

12. Dezember 2006 - noch 230 NM to GO.

Der Wind dreht doch tatsächlich, wie auch in den Gribfiles angekündigt auf SW. Ich fahre Kurs 110° und kann damit Kapstadt trotz des nach W setzenden Konterstroms, der bis 100 NM vor Kapstadt steht, südlich anliegen, um dort die Nord setzende Strömung auszunutzen. Die Tatsachen stimmen auch mit den Pilotcharts überein, die ich immer wieder zu Rate ziehe. Jetzt heißt es aufpassen und den Törn konzentriert zu Ende bringen. Habe gerade von SVB die Auftragsbestätigung für die Ersatzteile bekommen, die direkt nach Hause in Deutschland geschickt werden. Ich kann sie dann mit nach Kapstadt nehmen. Mein Freund Joachim hat dankenswerterweise auch den Thermoschalter für die Heizung besorgt und auf den Weg nach FFB gebracht.

13. Dezember 2006 - noch 132 NM to GO.

Der Wind ist zunächst gut, ich komme mit Wind aus SSE gut voran und denke, am 14. Dezember mittags anzukommen. Heute fiel der Kühlkompressor aus. Ihm fehlt wohl Gas. Dann plötzlich kein Wind mehr. Ist das schon der Landeinfluss? Kann eigentlich noch nicht sein. Ich fahre mit „Dieselwind“, habe aber nur noch für ca. 30 Stunden „Stoff“. Die Tankanzeige steht auf Reserve. Es ist wie beim Auto -  man weiß nicht so genau, wie weit man noch kommt - und 10 Stunden Motorfahrt muss ich für die Anlandung einkalkulieren. Nach 2 Stunden geht die Rallye mit einem guten SW weiter. Der trägt mich bei Musik von Anne Sophie Mutter hoffentlich bis ins Ziel. Habe ausgebaumt und White Witch legt sich mit 7 KN ins Zeug, um am nächsten Tag anzukommen - herrliches Segeln zum Törnabschluss.

14. Dezember 2006 - nachts

Es ist stockfinster, ich sehe die Hand vor Augen nicht, spüre aber Bootsverkehr um mich herum.

Habe die Pos.Lichter und das Radar angeschaltet und sehe Objekte in 3-4 Meilen entfernt, offensichtlich Fischerboote, denn sie bewegen sich nicht. Ab und zu ein beleuchtetes Schiff, an Schlaf ist nicht zu denken - sitze/liege im Cockpit und starre in die Finsternis.

Hurra, Land in Sicht. Morgens um 10.30 Uhr sehe ich den Lyons Hill. Es ist fast geschafft. Um 15.00 laufe ich im Royal Cape Yacht Club nach 67 Segeltagen und ca. 6500 NM ein, werde nett empfangen (hatte mich auch rechtzeitig angemeldet), gehe gleich tanken und bekam den gleichen Liegeplatz wie im Frühjahr. Den Flieger hätte ich am 14. Dezember nicht mehr erreicht, aber ich hatte ja auf den 21. Dezember umgebucht.

 

Fazit des ersten Törnabschnittes

Das war Segeln in Grenzbereichen. White Witch hat sich in allen Situationen als stabile Hochseeyacht erwiesen. Ich selber musste nahe an meine psychischen und physischen Grenzen gehen - ein interessantes Erlebnis, welches ich aber nicht jeden Tag haben muss.

Der zweite Teil dieses Berichts, nämlich der Törn von Kapstadt nach Australien, demnächst an dieser Stelle...

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