Mein Rückblick auf die BOOT 2009
von Bobby Schenk


Die Krise fand nicht statt - noch nicht

In aller Munde war sie ja, die Wirtschaftskrise. und keiner der Aussteller machte einen Hehl daraus, dass er auf sie warte und - selbstverständlich daraufhin aufgestellt sei. Am Ende gab es wenig lange Gesichter. Liegt sicher daran, dass Segeln nicht nur so ein Hobby zum Wegstellen ist, sondern für viele Lebensinhalt. "Gesegelt wird immer", brachte es Uli Kronberg auf den Punkt. Und die Besucher der BOOT verhielten sich danach. Das ganz große Interesse für einen Neukauf blieb sicher aus, was vielen Zubehörhändlern ein, wenn auch mäßiges, Umsatzplus einbrachte. Keine Unzufriedenheit dort.

Naturgemäß sah es bei den Yachten anders aus. Aber hier ging es ja nicht um ein paar grüne Scheinchen, sondern um Beträge bis weit über die Millionengrenze. Nicht nur DEHLER und ETAP sorgten für  unübersehbare Lücken im Fuhrpark der Dickschiffe. Dort war dann auch häufig von guten Gesprächen (bei langen Gesichtern) die Rede, was auf gut deutsch heißt: "Nix verkauft!"

Ganz offensichtlich wird die Krise an Werften, die seit jeher auf Qualität gesetzt haben, spurloser vorübergehen, als bei den Betrieben, die immer noch auf schnellen Absatz warten. Es braucht keine Hellseherei, um hier noch ein paar Begleiter für Dehler und Konsorten ins ewige Abseits auszumachen. Bitter für die Mitarbeiter der Werften, schade für Kunden, die vielleicht nicht mehr zu ihrem Schiff kommen. Aber sonst?

Die BOOT09 war die vierzigste Bootsausstellung in Düsseldorf. Ein guter Anlass, doch mal zu hinterfragen, was denn die letzten vier Jahrzehnte für uns Fahrtensegler im wesentlichen gebracht haben. Was hat es für Revolutionen im Bootsbau gegeben, um wieviel schneller und sicherer sind unsere Yachten geworden?

40 Jahre Messe und nix Neues 

Viel Platz zum Hinschreiben der Entwicklung der letzten vierzig Jahre brauch ich nicht: Revolution hat es nämlich keine gegeben, sieht man mal von der Navigation (GPS)  ab. Nirosta, Segel und Tauwerk aus Kunststoff gab es damals auch schon und sonst? Das Unterwasserschiff bei den Yachten hat sich deutlich verändert, was nicht von allem als Fortschritt angesehen wird. Und damit auch die Geschwindigkeit? Das lässt sich nur grob schätzen: Mehr als ein halber Knoten im Durchschnitt wird es wohl nicht sein, den heute die "modernen" Yachten mehr auf dem Speedo haben. Vor vierzig Jahren waren sechs Knoten eine "hübsche" Geschwindigkeit - und sind es auch heute noch. Zur Sicherheit der Yachten lässt sich gar nichts sagen. Eh und je gehen - ganz selten - mal Yachten verloren, was in nahezu allen Fällen auf das Konto "Mensch" zu schreiben ist.

Also, Klartext: Eine geradezu jämmerliche Bilanz. Und die wird noch desastriöser, wenn man die preisliche Entwicklung der Yachten betrachtet. Kostete eine 10-Meter-Yacht 1969 nach heutiger Währung um die 30 Tausend Euro, so kann man heut das Drei- bis Vierfache für so eine Kunststoffkiste hinlegen - das sind dann wohl die von den sogenannten "Finanzierungsexperten" oder Bankern erwähnten 1,37 Prozent Inflationskosten. Oder so.

Aber die Qualität im Bootsbau hat sich doch ganz entschieden gebessert? Mit einer solchen Aussage kann man jeden langjährigen Bootseigner, der regelmäßig sein Schiff bewegt, sicherlich verärgern. Das Gegenteil ist eher der Fall. Nach wie vor sind die meisten Werften froh, wenn wieder mal eine Yacht das Werftgelände verlässt und damit der Eigner die Fertigstellung der Yacht übernimmt. Was nicht selten die folgenden fünf Jahre der Fall ist.

Unter diesen Gesichtspunkten gab es also auch auf der BOOT09 nichts Neues zu sehen. Aufgefallen sind mir die Dragonfly-Tris, die mit ihren anlegbaren Schwimmern scheinbar die Patentlösung gefunden haben für ein Problem, das offensichtlich einige Segelfans haben, nämlich Mehrrumpfsegeln vom Mono-Liegeplatz aus. Schöne Verarbeitung, zugegeben, bezirzt den Betrachter, den dann der Preis von 320 Tausend Euro betäubt. Herrschaften, wo sind wir denn? Sechshunderttausend Mark für ein ganz nettes Segelschifferl mit dem Wohnkomfort eines Campingwagens. O.K. - Jedem das Seine, der eine leistet sich einen (erheblich billigeren) Ferrari, der andere einen Klapp-Trimaran. Solange es sein eigenes Geld ist, sei es ihm gegönnt - neidlos.

Über die 320 Tausend kann man auf der über 60 Fuß-Oyster in der Halle 16 nur lächeln. Drei Millionen hat man für diese hübsche Yacht hinzulegen. Die augenscheinliche Handwerkskunst ist faszinierend. Und was kann man nun mit diesem Kunstwerk anstellen? Man kann darauf leben und segeln. Schön!

Immerhin, die Werft macht keinen Hehl daraus, 10 Prozent der Kaufsumme sollte man für den Unterhalt dieses Wasserschlosses schon rechnen. Rechnen wir weiter: Das macht 25 Tausend pro Monat, da müsste man schon im Vorstand einer notleidenden Bank sitzen, um hier einigermaßen mithalten zu können.

Allerdings: Was mir im Wohnzimmer der Oyster aufgefallen ist: Da baumelten von der Decke zwei Ventilatoren (12 Volt), so wie ich sie gestern hier um die Ecke beim Schiffshändler als Sonderangebot mitgenommen hab. Und wenn man die Bodenbretter hochhöbe oder hinter die Kojenpolster blicken würde, könnte man sicher noch weiteres Zubehör finden, wie es auch in Bavarias oder anderen populären Yachten verbaut würde. Das ist dann doch enttäuschende Realität: Gleichgültig wie viel Geld man in eine Yacht investiert, jeder kriegt das gleiche Gelumpe an Zubehör, das uns täglich so ärgert und den meisten Langfahrtseglern die Laune am Segeln häufig schmälert.

Der Krampf mit dem Design 

Daran kann auch das Gerede vom "neuen" Design einer Yacht, mit der Zeitschriften ihre Seiten phantasielos füllen oder Leute, die sich nie ein Boot leisten können, aber ihren Senf zur modernen Yachtentwicklung beigeben und Werften den Bootsmarkt trendy reden wollen, nichts ändern. Was hat man da an Unsinn in den letzten Jahren über sich ergehen lassen müssen? Denk ich zurück an die "rassigen" Flushdecks: Hätte man ein Preisausschreiben gemacht, auf welcher Yacht garantiert jede See von vorn ins Cockpit gelangt, hätte das Flushdeck gewonnen. Und auf den Ankerplätzen der Profisegler erkennt man das Flushdeck unter der Gummiwurst (Beiboot) erst gar nicht mehr, möge die Yacht einen noch so klangvollen Namen tragegen.

Auf der BOOT positiv aufgefallen sind mir die zwei Yachten von Southerly. Die haben wirklich was zu bieten. Nein, nicht das Design. Das war eher - sympathisch - altbacken. Es war das Gefühl, das mir hier was angeboten wird, was ich brauch, wenn ich in Tidengewässern rumskippere. Dank des Hubkiels können die Southerlies alles ab, was einen Tiefgang zwischen 85 Zentimeter und über drei Meter hat. Der deutsche Vertreter strahlte, seine beste Messe, Finanzkrise hin oder her, sei es seit über 10 Jahren gewesen. Freilich, Hauptschuld habe, so bekannte er freimütig, der Absturz des Britischen Pfundes. Ihm und dem Pfund sei es von Herzen gegönnt.

So hat sich in den letzten vierzig Jahren nichts Wesentliches geändert und manchmal wünschte ich mir, so eine brave Yacht aus jenen Tagen zu besitzen, eine Varianta, eine Neptun, eine Optima oder auch eine Bavaria der ersten Stunden. Mit denen konnte man segeln und leben. Und deren Design? Ja, darüber könnte man sich stundenlang ausschleimen.

Klar, für Leute, die eh nicht vorhaben, sich jemals eine Yacht zuzulegen, sondern die, von keiner Sachkenntnis eingeengt nur irgendwie mitreden wollen, ist das Design einer Yacht natürlich außerordentlich wichtig. Anders den zahlreichen Besucher am Yachtstand. Die  ließen sich gern bei Vorträgen in die Ferne entführen. Um die Welt, nach Neuseeland (Sönke Röver), oder eben, ganz sympathisch im alten Folkeboot  - welches Design? - von Bastian Hauck über die Ostsee. Segeln und Leben auf dem Schiff kennt viele wunderbare Formen.

Versprochen - zum letzten Mal:

Doch, es gibt auch noch was anderes als Segeln

Vielleicht zum zehnten oder fünfzehnten Mal, mitgezählt hat so genau keiner, wurde unter zahlreichen Standbesatzungen am Rande der BOOT 2009 ein Kart-Rennen  um den goldenen Delius Klasing Messecup ausgetragen. Austragungsort: Die Rennbahn des Schumacher-Bezwingers Otto Rensing in Düsseldorf. Wer nun glaubt, das Ganze sei so ein bisserl "im Kreis fahren", der liegt gefährlich daneben. Warnschilder vor Kreislaufschwierigkeiten auf allen Rennbahnen,  geben einen kleinen Hinweis, dass das Ganze keine reine Gaudi ist. Und für den Untrainierten können 10 Minuten schon weit über die Kräfte gehen. Wie es dem Autor bei seinem allerersten Rennen passiert ist, als er in einer 180-Grad-Kurve sein Abendessen im Helm vor sich hatte.

Dieses Mal kam es anders. Der riesige Pokal durfte endgültig in den Besitz des Siegers übergehen, weil er zum dritten Mal hintereinander gewonnen wurde. Der frühere Dauersieger Jochen Kunzemann (DK-Events) machte sich noch einmal Hoffnungen auf den Sieg, erwischte aber ein langsames Auto (vielleicht machen sich aber auch die 45 Lebensjahre schon bemerkbar) und musste sich mit einem sehr undankbaren 5.Platz zufrieden geben. Matthias Unger vom Kompaß-Versand fuhr auf Grund einschlägiger Rennerfahrung überraschend auf den vierten Platz vor. Achtbar schlug sich die hübsche Nicole Schnappinger von Steiner-Optik bei ihrem ersten Rennen auf dem achten Platz und Kristina Gräler (Holland) war außer sich vor Freude, dass sie immerhin drei Konkurrenten -"zwei Kerle und eine Frau" - hinter sich lassen konnte.

Vorne alte Bekannte: Auf dem Treppchen: Georg Christ (DK-Soft), wobei es allen ein Rätsel ist, wie der Sonnyboy mit seinen 100 Kilo Lebendgewicht auf eine solche Speed kommen kann und auf dem zweiten Platz das Fahrertalent Lars Neuwöhner (ebenso DK-Soft): "Ich bin halt von Haus aus schnell!"

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