In den Wind gesprochen (9):

Segeln im Rausch der Geschwindigkeit

Was ist der Unterschied zwischen sechs komma drei und sechs komma acht? Eben, der "andere" ist halt kein richtiger Segler, wenn ihm ein ganzer halber Knoten so wenig bedeutet. Aber wenn ich die sechs komma acht einem Kid erklären wollte, würde es diese sechs komma acht ganz schnell in 10 Stundenkilometer umrechnen und mich verständnislos anstarren, als wär ich zu oft mit dem Skate-Board in die Mauer geknallt.

Wenn ich dann noch erzählen würde, dass es durchaus ernsthafte Segler gibt, die den stolzen Betrag von 1000 Euro statt in einen Ipad und eine Playstation, lieber in einen Verstellpropeller investieren, mit dem sie dann mit ihrer Kunststoff-Yacht zwar nicht mehr so gut rückwärts manövrieren können, dafür aber um eben diese null komma fünf Knoten schneller sind - bei glattem Wasser, und raumen 20-Knoten-Wind versteht sich -, ja, dann würde mich das Kid mit dem Board unterm Arm für komplett durchgeknallt halten.

Jeder Schulbub ist mit seinem Radl schneller als die zweihunderttausend-Euro-Yacht. Warum also die Gier nach dem Verstellpropeller, nach einer neuen Genua, gar nach einer neuen Yacht? Die Tatsache, dass man am Sonntag auf der Förde unmerklich langsam am Stegnachbarn mit dem gleichen Schiffstyp vorbeizieht, kann es doch allein nicht sein? Auch die gern von Segellehrern vorgebrachte Erklärung, ein schnelles Schiff sei sicherer, weil es schlechtem Wetter eher davon fahren könne, hat nur Alibifunktion. Es kommt einem so vor, als wolle ein Camper seinen Wohnwagen mit viel Geld nicht wohnlicher, sondern ein paar kmh schneller machen.

Gut, es gab mal eine Zeit, sagen wir vor 1960, da waren die Geschwindigkeiten aller Segelschiffe irgendwie naturgegeben. "Länge läuft" hat jeder von uns gelernt. So musste, die für damalige Zeiten riesige Germania von Krupp halt nun mal schneller sein als mein mickriger Jollenkreuzer. Dann aber kamen die Katamarane auf und die richtigen Segler frohlockten, als auf dem Eisselmeer pressewirksam ein Katamaran zum Kentern gebracht worden war. Übrigens von der damaligen YACHT-Test-Crew, allesamt richtig gute Segler. Wirklich! Dieser harmlose Zwischenfall ohne Personenschaden hat die Kat-Szene in Deutschland um gut ein Jahrzehnt zurückgeworfen. Man war beruhigt, hatte man doch mit dem Seekreuzer oder mit irgendeinem Kajütboot, zum Beispiel der Conger-Jolle (gedacht als der VW auf dem Wasser) das richtige Schiff. Und als dann auf den Binnenseen die ersten Tornados auftauchten und den behäbigen Kähnen mit richtigen Seglern drauf davonschossen, jedenfalls bei raumem Wind, fand man eine geniale Lösung, um das Problem zu lösen: "Katamarane sind keine richtigen Segelschiffe!" So wurde wieder Ordnung in die Welt der echten Segler gebracht.

Jetzt allerdings wankt die heile Seglerwelt. Einrumpfyachten, wenn auch Extremboote, erreichen schon mal die 20-Knoten-Grenze, die Formel "die aus der Wasserlinienlänge errechnete Länge läuft, gilt in Gleitfahrt nicht, und die Wunderetmale von drei- bis vierhundert Meilen der alten Clipper (Cutty Sark: 363 Seemeilen) wirken angesichts der heutigen Rekordjagden um die Welt, wo bald die 1000-Meilen-Traumgrenze überboten wird, fast schon jämmerlich. 1000 Meilen durch 24 geteilt ergibt über 40 Knoten - im Schnitt wohlgemerkt.

Ist es da nicht unvernünftig, Geschwindigkeitssteigerungen von einem halben Knoten auf 6,8 Meilen pro Stunde teuer zu bezahlen? Genau, bei der Frage nach der Vernunft sind wir beim springenden Punkt. Segeln ist eine Art, zu leben und hat nichts mit Vernunft zu tun. Sonst wäre es ja nur irgendeine Beschäftigung, nein nicht mal das, sondern eine Betätigung. Ein Hobby muss Spaß machen, und deshalb muss es unvernünftig sein: Big fun!

Ich kann mir zum Beispiel kaum was Schöneres vorstellen, als mit einem 40er Schärenkreuzer aus Mahagony mit Teakdeck bei steifer Brise über das glatte Wasser des Chiemsees zu gleiten - siehe das Foto von Kurt Schubert. Der Unterschied zu früher: Man schaut heute nicht mehr wie gebannt auf das Speedometer, sondern freut sich wie ein Kind über das unter einem durchrauschende Wasser.

Sein Leben lang hat der Mentor fast aller Weltumsegler, der legendäre Eric Hiscock, die Forderung erhoben, das Großsegel ohne Latten zu schneidern, denn diese würden beim Segelsetzen- und Bergen im Wege sein und der Geschwindigkeitsverlust würde keine große Rolle spielen. Er hat für seine Idee keinen Segelmacher gefunden. Es war halt in den Wind gesprochen.

 

 

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Page by Bobby Schenk
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