In den Wind gesprochen (18):

Quo vadis, Yachtbau?

Am  Sport bin ich intensiv interessiert. Formel1 steht bei mir an erster Stelle, Fußball kommt nach dem Bayern-Desaster nur noch an zweiter Stelle, ein wenig Golf spricht mich auch noch an. Beim Schwimmen faszinieren mich die heutigen, offensichtlich grenzenlosen Zeiten (und Biedermann), ein paar Leichtathletik-Disziplinen machen mich an (Ursain Bolt), Boxen mit den Klitschkos und sogar spannende Übertragungen von Marathonläufen lasse ich ganz gerne über mich ergehen. Beim Tennis ist für mich Roger Federer der beste Spieler aller Zeiten und jede Niederlage gegen Nadal schmerzt ein wenig. Daneben genieß ich noch manchmal im TV Tischtennis (wegen Timo Boll und wegen dem Chinesen Ma Lin), selbst Radfahren zieh ich mir trotz der Doping-Affairen rein.

Was mich überhaupt nicht interessiert, ist heutiges Regatta-Segeln. Das war nicht immer so. Denn: Die Geschichte des America's Cup endete für mich mit der ersten Niederlage der Amis nach 132 Jahren, den von den Deutschen gewonnenen renommierten Admirals Cup gibt es nicht mehr, das Whitbread Race, bei dem auch (fast) reine Fahrtenyachten teilgenommen haben, wurde zu einem High-Tec-Zirkus mit jeweils einer Handvoll Renngeräten (die auch schon mal mit Frachter weitertransportiert werden) und der vor allem durch seine spektakulären Havarien von sich reden macht. Die Eintonner-Weltmeisterschaft, die mal vom Deutschen Beilken gewonnen wurde, ist ebenfalls abgeschafft und die olympischen Bootsklassen langweilen durch ständig wechselnde Besetzung. Es gibt Einhandregatten, Weltumsegelungen für zwei unter Rennbedingungen, es gibt zuviele "Top-Ereignisse" und zu wenig Top-Stars - von denen der Sport lebt. Der Weltmeister im Tischtennis ist der beste Spieler von (vielleicht) 10 Millionen, der beste XY-Segler ist zwar auch Weltmeister, aber eben nur der beste von vieleicht hundert Seglern. Dafür gibt es im Segeln hunderte von Weltmeistern - das ödet an.

Von was ich hier nicht spreche, sind die liebenswürdigen kleinen Vereinsregatten, die Rennen um eine Klassenmeisterschaft, die früheren Regatten in den klassischen olympischen Klassen, auch die zahlreichen reinen Fahrtensegler-Regatten (Ecker-Cup). Was ich damit sagen will: Regattasegeln und Fahrtensegeln klaffen immer mehr auseinander. Man denke nur an die muskelbepackten Gorillagruppen, wie sie stupide bei Gischt und Kälte auf der Kante sitzen, damit die tonnenschwere Kielbombe ein paar Zentimeter tiefer ins Wasser taucht. Das traditionsbeladene Wort von der "guten Seemannschaft" würde in diesem Zusammenhang höchstens belächelt.

Fahrtensegeln hat mit derm heutigen Regattawelt nichts mehr zu tun. Und eine Fahrtenyacht ist im Vergleich zu einer hochrassigen Renngefährt auf der Wasseroberfläche, gelegentlich auch in der Luft, soweit entfernt wie ein VW-Käfer von einem Formel1-Renner. Diesen Autotyp habe ich hier absichtlich erwähnt, weil unsere Fahrtenyachten in ihrer Entwicklung keineswegs mit einem modernen Auto standhalten können. Denn was hat sich denn in den letzten 50 Jahren bei Fahrtenyachten schon geändert? Gut, Elektronik ist im vermehrten Maße eingezogen, der Computer hat sich auch in die Fahrtensegelei hinein gefressen und die Kiele sind kürzer geworden, der Kunststoff dünner.

Aber sonst? Dacron-Segel gab es schon seit 1960, Nirosta war auch damals schon dabei, den Beschlagsmarkt zu erobern und die sonstigen mechanischen Helferlein, wie Pumpen, Winschen, Ankerspills waren mit kleinen Abwandlungen dieselben wie heute. Die heutigen Motoren sind das gleiche Gelumpe wie damals. Ein etwas zu hartes Urteil? Ich hielt mich mal längere Zeit in einer schönen Marina in Südsotasien auf, in der an die 250 reine Fahrtenyachten zusammen lagen. Vorsichtig geschätzt hatten ein Drittel oder fast die Hälfte irgendwelche Maschinenschäden. Ich wiederhol mich vielleicht: Kennen Sie mehrer Bekannte, deren Autos Maschinenschaden haben oder hatten?

Freilich, immer wieder fanden sich in den letzten Jahrzehnten in den einschlägigen Yachtzeitschriften "wegweisende" Erfindungen. Was ist davon geblieben? Ein schwedisches Rigg - ich weiß gar nicht mehr, wie das ausgesehen hat, sollte das normale Slooprigg revolutionieren. Verschwunden! Das angeblich epochale Äro-Rigg hab ich in der Praxis noch nie gesehen. Masten sollten unverstagt sein wie auf der Freedom 40 in den späten 70er Jahren und damit sollte man sogar Regatten gewinnen können? Dem von mir wegen seiner frechen Schreibe hochgeschätzten YACHT-Journalisten Hans G.Strepp gelang es sogar, in der genannten Zeitschrift mittels Rechenformeln zu beweisen, dass Millionen von Stagen auf allen Segelyachten rund um die Welt unnütz seien. Das Ergebnis dieser revolutionären Erkenntnisse ist in den Yachthäfen zu bewundern. Also, auch vorbei!

Dschunkensegel sollten die endgültige Antwort auf das Europäische Rigg sein! Die paar Yachten, denen es verpaßt wurde, genossen allenfalls Exotenstatus. Keiner redet mehr von der jahrtausendalten Erfahrung der Seefahrer in China.

Nein, wirklich geändert - und zumindest in Europa durchgesetzt hat sich nur die Kielform. Der Kurzkiel ist heute bei neuen Yachten in der überwiegenden Mehrzahl. Zwei Vorteile seien ihm zugestanden. Er verleiht der Yacht bessere Wendigkeit und einen haarfeinen Geschwindigkeitsvorteil. Denn noch immer wird der Speed einer Yacht auch von der benetzten Fläche des Unterwasserschiffs bestimmt. Und das ist entscheidend - für eine Regattayacht. Oder auch für Charterkunden. Aber was hat eine reine Fahrtenyacht davon? Das Ruder ist beim Langkieler dagegen geschützt, ein natürlicher Stauraum wird dem für eine Langfahrt notwendigen großen Wasser- und Diesel-Vorrat geboten und - auch so eine Idee, die in diesem Falle allerdings unverständlich verschwunden ist - man könnte die Batterien, die noch lange Zeit hauptsächlich aus Blei bestehen bei entsprechender Belüftung tief in den Kiel einbauen und teures Ballast-Blei im Kiel sparen, sowie den für einen Einrümpfer wichtigen Gewichtsschwerpunkt nach unten bringen.

Fragt sich der Autor, wie er gerne heute(!) eine Mono-Fahrtenyacht konzipiert sähe? Also an erster Stelle ein Langkieler mit geschütztem Ruder müßte es sein, wie er immer noch in guter alter Tradition von einigen Werften in den USA (die sich ebenfalls traditionell gegen französische Einflüsse wehren) gebaut wird. Einmaster ist sowieso selbstverständlich und aus Kunststoff hätte ich's gern, weil heute die Osmose-Probleme offensichtlich beherrscht werden können. Möglichst wenig Holz soll es sein, also auch kein Teakdeck, und damit weniger Pflegearbeiten. Als Maschine hätte ich gerne einen fachmännisch marinisierten Auto-Dieselmotor. Und zwar an einer gewichtsmäßig günstigen Stelle im Schiff, wobei auch eine hydraulisch betriebene Wellenanlage, wie sie in Baufahrzeugen auf staubigen Straßen benutzt wird, sicher am zuverlässigsten ist. Wolfgang Hausner hat übrigens auf seinem Katamaran eine solche schon fast 20 Jahre in Betrieb - Salzwasser hin oder her. Warum diese (preiswerte)  Technik übrigens wieder aus dem Kleinyacht-Sektor verschwunden ist, wundert mich. Die Motorenfirma Faryman hat sie nämlich schon 1969 angeboten.

Bei der Frage nach der "idealen Fahrtenyacht" fällt immer wieder das Stichwort vom Hybrid- oder Elektro-Antrieb. Vergessen wir das! Neulich stand im Prospekt einer Auto-Weltfirma(!), dass die Reichweite ihres Wagens beim Elektroantrieb immerhin von 25 Kilometer auf 50 Kilometer gesteigert werden konnte. Objektiv gesehen lächerlich bei einer üblichen Reichweite eines Benziners oder Diesels von 500 Kilometer! Was die Autoindustrie in den letzten 20 Jahren nicht befriedigend geschaffen hat, wird in den nächsten Jahrzehnten auf Fahrtenyachten keinen Einzug halten. Finden wir uns ab, wir werden unser Leben lang Diesel in unsere Fahrtenyachten pumpen! 

Aber, das ist wohl in den Wind gesprochen!

 

Bobby Schenk

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