In den Wind gesprochen (20):

Carpe diem

 

Genieße den Tag, meint der Lateiner mit diesem Spruch. Es gibt aber eine andere, treffendere Übersetzung - und Lebensweisheit: "Ergreife die Gelegenheit!" Daran habe ich denken müssen, als ich neulich folgendes Mail erhielt:

"Hallo Herr Schenk,
seit Jahren verfolge ich Ihre Website und Ihre Artikel. Natürlich träume/träumte auch ich von einer Weltumsegelung. Also habe ich segeln gelernt, mehrere Chartertörns unternommen und eine Teil-Atlantiküberquerung mitgesegelt. Und natürlich fleißig gespart, denn ohne Geld machts keinen Spaß.
Der wichtigste Satz in Ihrem Artikel ist aber "segelt doch einfach los". Man macht sich zu viele Gedanken, plant Sicherheiten, die es wohl nicht gibt und schiebt den Start immer weiter hinaus. In einem anderen Text von Ihnen erinnere ich mich an einen andren wichtigen Satz, der so ähnlich lautete wie "der Moment, an dem man könnte, ist der Moment, an dem man nicht mehr kann". Ich könnte jetzt, denn ich arbeite nicht mehr. Allerdings habe ich mir im besten Alter einen Tumor angelacht und bin körperlich nicht mehr dazu in der Lage. Und damit ist es genau so eingetreten. Deshalb:

LOSSEGELN, SOLANGE ES GEHT!

Lieber eher als später, das ist mein Tipp für die anderen Träumer. Ich bitte Sie, lieber Herr Schenk, zwar meine Mail, aber bitte nicht meinen Namen zu veröffentlichen, da es Menschen gibt, die vom Ernst meiner Erkrankung nichts wissen.
Ihnen alles Gute!


Ich kann den Aufruf nur nachhaltig weitergeben. Ein Buch könnte ich füllen mit all den Ausreden, die ich hierzu von begeisterten Seglern schon gehört habe. Es geht an bei der Krankenversicherung und hört auf bei dem richtigen Schiff und der fehlenden Ausrüstung. Gerade letzteres lasse ich nicht gelten. Solange man jung und gesund ist. Als wir 1970 um die Welt gesegelt sind, da haben die Yachten noch ganz anders ausgesehen als heute. "Verhaute" Dinger waren dabei. Selbstbauten, hässlich anzusehen, oft keine sieben Meter
lang, aber tüchtig geskippert. Mit den 10 Metern Länge über alles war unsere Kunststoffyacht (Foto), damals ein seltener Baustoff, eine der größten Yachten auf den Ankerplätzen oder in den Fischerhäfen - Marinas hat es ja kaum gegeben. Ein Echolot und ein Speedometer (das meist nicht funktionierte) war neben einem unbrauchbaren Funkpeiler die einzige Elektronik. Damit waren wir schon überausgerüstet. Die meisten anderen Yachten begnügten sich ohne jede Elektrik. Der Motor wurde angekurbelt, Fürs Trinkwasser reichte eine Handpumpe, und zur Navigation mußte ein Wecker und - oft - ein Plastiksextant herhalten. Was wir im Gegensatz zu heute nicht hatten, würde Seiten füllen. Von einem Bugstrahlruder hat man noch nicht mal geträumt, selbstholende Winschen, Rollfocks, Computer, Watermaker, elektrische Autopiloten oder gar Sender gab es nicht für uns Yachties. Kurzum: Die Ausrüstung, die Yachten waren, verglichen mit heute, erbärmlich. Was in hohem Maße aber angewendet wurde, war Seemannschaft in seiner besten Art. Selbstverständlich kannte der Skipper die Wassertiefe am Ankerplatz mit Hilfe eines Bleis an einer Leine oder die Schiffsgeschwindigkeit an Hand eines nachgeschleppten Propellers, die Position mit Hilfe der Gestirne. Statt den Außenborder am Beiboot lautstark zu betreiben, wurde halt gerudert und die Ankerkette Hand über Hand eingeholt. Unser Beiboot wog ganze 19 Kilogramm und kostete 200 Mark. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, ein Dhingy als kibbelig zu bezeichnen. Also, es ging. Die Zahl der Unfälle und Seenotfälle war sicher nicht größer als heute, eher weniger. Und es ginge auch heute noch.

Es hat sich nämlich eines nicht geändert, wird sich auch nie ändern: Die See, das Meer, die Natur. Nur die Menschen eignen sich heute nicht so sehr zum Weltumsegeln unter so primitiven Bedingungen. Meinen sie. Aber es gibt auch andere Beispiele. Der 21-jährige  Sebastian hatte sich durch Arbeit in ein paar Jahren das nötige Geld für eine Weltumrundung in einem geliehenem 8-Meter-Sperrholzboot zusammengearbeitet. Sven und Annett, aus der DDR stammend, segelten mit einem genieteten 10-Meter-Boot (ebenfalls aus der DDR) um die Welt. 6000 Mark hatte sie das Boot gekostet. Einen vernünftigen Diesel hatte die Yacht nicht, lediglich einen Elektromotor. Und mit 300 Mark im Monat sind sie ausgekommen. Beim nächsten Blauwasserseminar auf der INTERBOOT 2012 (hier klicken) lernen die Teilnehmer die beiden kennen und vor allem den originellen Tip von Annett, wie man beim Essen sparen kann: "Ein DDR-Kochbuch verwenden! Dann reichen 300 Mark im Monat !" Was aber vielleicht noch interessanter ist: Fast ohne ausreichende finanzielle Mittel haben sie die Welt umrundet, kamen zurück in ihre erlernten Berufe, bekamen Kinder (die wir auf dem Seminar kennen lernen werden, ebenfalls den Weltumsegler Sebastian). Ihre Vita zeigt: Sie hätten mehr Ausreden gehabt, nicht um die Welt zu segeln, als die Mehrzahl der Möchtegern-Weltumsegler. Aber sie haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt. "Carpe diem" eben.

Zwei Ausreden aber lass ich in jedem Falle gelten: Kinder und Gesundheit - siehe, leider, oben. Alles andere ist in den Wind gesprochen.

Bobby Schenk

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