In den Wind gesprochen (23):

Wunder von Brindisi für 50-Euro

Sie war schon eine Überraschung. Die Beachtung nämlich, die der Artikel über den dramatischen Mensch-über-Bord-Fall während des Ecker-Cups 2012 gefunden hat - hier klicken! Das zu erwähnen, erlaube ich mir, nachdem dieser Alptraum ein mehr als glückliches Ende gefunden und der Überbordgegangene mit vergleichsweise mittleren Blessuren überlebt hat. Seit mehr als einem Jahrzehnt, in dem diese Webseite existiert und gepflegt wird, hat sie noch keine so hohe Besucherzahl (nicht Klicks!) eingefahren. Mehrere tausend Besucher haben den Artikel gelesen; auf der YACHT-Seite war er der meist gelesene Artikel.

Warum dieses Interesse? Die Antwort ist einfach: Weil sich jeder Segler hier angesprochen fühlt, weil jedem Segler das gleiche Schicksal, unter Umständen mit tödlichem Ausgang, widerfahren kann. Wenn er sich nicht vorsieht. Und vorsehen heißt, den Unfall des Segelkameraden Franz Zeitelhofer zu analysieren. Denn nur wenige Unfälle dieser Art lassen so positive, lebensrettende Schlüsse zu wie das Überbordgehen des Franz Zeitelhofer.

Der Unfall in einem Satz: Während einer Hochseeregatta greift eine Böe nach der Yacht ADORA mit maximalen gemessenen 42 Knoten Wind; die Yacht legt über, zwei Mann im Cockpit, nicht etwa aufrecht gehend an Deck, stürzen in die gegenüberliegende Reling, der Dritte, eben Franz Zeitelhofer, fliegt nach Lee über den Relingsdraht ins Wasser, ist aber mit einem - zu langen - Sicherheitsgurt immer noch an die Yacht fixiert.

Wie er es geschafft hat, wieder an Bord zurückgekommen ist, darüber schweigt er sich aus. Segelkameraden berichten jedoch, dass ihm - wahrscheinlich - der Seegang, also eine durchrollende Welle geholfen hat, auf Höhe der Reling zu kommen und damit das rettende Cockpit zu erreichen.

Welche Erkenntnisse ziehe ich  aus diesem Vorfall? Die Yacht wurde hoch am Wind mit 42 Knoten (Windanzeiger) getroffen. Es ist nicht bekannt, ob der Windmesser auf absoluten Wind oder relativen Wind (= Bordwind) geschaltet war. Im letzteren Fall dürfte die Böe gerademal sechs Windstärken gehabt haben, da die Fahrt der Yacht in einer Größenordnung von sechs Knoten von der Windgeschwindigkeit abzuziehen ist. Selbst bei wahren 42 Knoten haben wir auch "nur" sieben Windstärken - und zwar in Spitzen. Also nichts Dramatisches, wenn ich so an andere Törnberichte denke, wo es von neun, zehn oder gar elf Beaufort nur so wimmelt. Eigentlich. Und gerade deshalb ist dieser Fall so gut geeignet, wertvolle Schlüsse zu ziehen! Denn solche Verhältnisse können jeden von uns, jeden Hochseesegler, gleichgültig ob während einer Regatta oder während eines Chartertörns, treffen. Und wenn wir dann nicht  so vorgesorgt haben wie Franz Zeitelhofer, ist die Katastrophe schon eingetreten. Denn gerettet hat hier alleine der Sicherheitsgurt.

Franz Zeitelhofer bedauert zwar, dass er keine Rettungsweste getragen hat, doch fragt sich, was diese im konkreten Fall geholfen hätte? Es ist doch eher so, dass es eine Feststoffweste oder auch eine ausgelöste Automatikweste dem Segler erheblich erschwert, sich wieder an Bord zu retten. Ich meine sogar, dass ohne den Sicherheitsgurt Franz Zeitelhofer heute mausetot wäre, mit oder ohne Rettungsweste. Denn, wie beschrieben, seine Kameraden, die ebenfalls in die Reling geflogen sind, waren doch vor allem damit beschäftigt, sich selbst vor dem Überbordgehen zu retten. Hätten also keine Zeit und Gelegenheit gehabt, den Unfallort in der Dunkelheit irgendwie zu markieren oder möglichst sofort die MOB-Taste am GPS zu drücken. Eine Reaktions-Minute, und die Yacht wäre in der finsteren Nacht schon 200 Meter entfernt gewesen. Der Überbordgegangene damit unsichtbar für seine Kameraden. Ein rechtzeitiges Wiederauffinden in dem spätherbstlich kühlen Mittelmeerwasser wäre einem Lottotreffer gleichzusetzen.

Nein, der einzige Lebensretter war hier der Sicherheitsgurt, die Lifeline, - ohne Wenn und Aber. Und damit auch die offensichtlich äußerst wachsame und verantwortungsvolle Vorbereitung auf den Törn. Der Crew wurde zu Beginn eingetrichtert: Ein Überbordgehen darf es nicht geben. Und die Crew hat sich entsprechend verhalten - wie die Fotos von Bord der ADORA beweisen. Die drei Mann haben im Cockpit(!) alle den Sicherheitsgurt getragen, was gar nicht hoch genug gepriesen werden kann. Denn, um ehrlich zu sein: Ich wäre wahrscheinlich ohne den Gurt am Rad gesessen, da ja das Cockpit einen gewissen Schutz verspricht. Wie falsch!

Leider, und das halte ich für gefährlich, mindestens für höchst bedenklich, wird die Bedeutung des Sicherheitsgurtes für Yachtsegler verwässert durch die ewigen Diskussionen und Tests von Rettungswesten und Mensch-über-Bord-Manöver. Wir haben mangels besseren Wissens eine Menge Ballast aus der Großschiff- und Berufsschifffahrt übernommen. Dort hat die Rettungsweste tatsächlich lebensrettende Bedeutung. Denn wenn bei einem Schiffsuntergang der Weg ins Rettungsboot oder in die Rettungsinsel nicht gefunden werden kann, heißt es halt im Wasser treiben bis andere Schiffe zur Rettung herbeieilen. Aber wann geht schon eine Yacht unter? Viel häufiger ist doch der oben beschriebene Fall "Mensch über Bord", während die Yacht weiter durch die Seen schneidet. Ich zögere auch, über Mensch-über-Bordmanöver auch nur zu reden, geschweige sie zu üben, besonders dann wenn solche Unglücksmanöver sogar unter Segeln gefahren werden sollen oder gar müssen. Wie soll denn das funktionieren, wenn oben die Crew nicht mal in der Lage ist, die Großschot loszuwerfen, ja, selbst damit kämpft, sich aus der Reling zu befreien? Natürlich hat die Rettungsweste für die persönliche Sicherheit eine gewisse Bedeutung. Aber weit, weit hinter dem Sicherheitsgurt für lächerliche 50 Euro. Deshalb stört mich die übliche Floskel bei Presseberichten über ein Unglück, dass der Ertrunkene Segler keine Rettungsweste getragen habe (meist schreiben sie von der "Schwimmweste", so als würde ob man sich zum Rumschwimmen, also zum Vergnügen im eiskalten Wasser aufhalten).

Schon mal darüber nachgedacht? Wenn ein Bauarbeiter von Gerüst fällt, wird auch nicht darauf hingewiesen, dass er keinen Fallschirm dabei hatte. Aber all das ist wohl in den Wind gesprochen.

Bobby Schenk

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