In den Wind gesprochen (33):

Todsicheres Mensch-über-Bord-Manöver auf einer Langfahrtyacht

Der Nahezu-Aufschießer, das Münchener Manöver, die Quick-Stop-Halse, die Kuhwende - all dies sind Manöver, die Menschen retten sollen - und deshalb in den Segelschulen fleißig geübt werden. Wem graut nicht bei dem Gedanken, einen Mitsegler aus dem Bach retten zu müssen? Wer hat in Gedanken nicht schon mal durchgespielt, wie es sich anfühlt, wenn man selber im eiskalten Wasser treibt, meinetwegen mit einer Rettungsweste am Hals, und der Yacht, die gerade unter Vollzeug Richtung Horizont unterwegs ist, nachschaut und nachschreit? Eine Horrorvorstellung!

 
Deshalb übt man bei Führerscheinkursen intensiv alle Möglichkeiten, um in einem solchen Unglücksfall ein Menschleben retten zu können. Zugegeben, das mag funktionieren, wenn man mit der Jolle oder zusechst mit einer Charteryacht unterwegs ist und keine Maschine zur Verfügung steht. Das ist aber nicht unser Thema.

Hier geht es darum, die Situation "Mensch-über-Bord" auf einer Yacht auf Langfahrt mit einer naturgemäß kleinen Mannschaft, meist Mann und Frau, durchzudenken. In dreiviertel aller Fälle wird die Yacht auf Winden von achtern oder mit Backstagsbrise unterwegs sein, schließlich sucht der Blauwassersegler solche Winde. Und die Besegelung wird auf der rollenden Yacht, typisch für den vorherrschenden Wind angepasst sein. Das bedeutet, dass meist nicht nur das Groß mit einem Bullenstander gesichert ist, sondern auf dem Vorschiff zusätzlich zur großen Genua eine zweite Genua (oder Fock) oder gar ein Spinnaker zum Einsatz kommt. Um die Sache noch zu erschweren, werden für die Vorsegel Bäume gefahren. Und, ein weiteres Erschwernis, das Ruder wird nicht besetzt sein, denn die Yacht segelt praktisch ausnahmslos mit Selbststeueranlage, vom Wind oder vom Kompass gesteuert. Und jetzt stelle man sich plastisch vor, einer von den beiden Seglern geht über Bord. Ein Mann, der nunmehr schulmäßig den Unglücksraben im Blick behält, ist gar nicht da und die "anderen" Crewmitglieder, die dann das Mensch-über-Bord-Manöver fahren sollen existieren (gar) nicht. Der (oder die) Zurückgebliebene wird richtigerweise nach unten stürzen, die MOB-Taste auf dem GPS suchen und (wenn vorher geübt) diese binnen 20 Sekunden oder so auch drücken. Zurück an Deck, der Kopf des Verunglückten ist längst zwischen den Schaumstreifen außer Sicht, wird er versuchen, die Yacht zum Stillstand und unter Kontrolle zu bringen. Was (bei) auf einer normalen Blauwasseryacht mit der typischen Besegelung sicher 15 bis 30 Minuten dauert. Dann zurück motoren (wenn sich bei dem Chaos an Deck keine Leine in der Schraube verfangen hat) und beten, dass der Verunglückte von der unvermeidlichen Strömung nicht allzu weit von der MOB-Position abgetrieben ist. Trotz der Koordinaten, auf 100stel Minuten genau (aber eben nur Position zum Zeitpunkt des Unglück), wird er kaum fündig werden. Wobei man daran denken sollte, dass der Mann im Wasser die Yacht eher optisch ausmachen kann als umgekehrt. Das Foto links zeigt eine Situation aus der Praxis (Atlantiküberquerung!). Die Mannschaft sitzt beim Sundowner (ob sie anschließend noch ganz nüchtern ist, sei mal dahingestellt). Wenn nun eine der beiden Personen aus welchen Gründen auch immer, es gibt viele, über Bord geht, sollte der andere in der Lage sein, möglichst schnell und sicher die Passatbesegelung zu bergen, um dann die Maschine zu starten. Denn mit diesen stehenden Segeln gegenan zu gehen, ist aussichtslos, selbst bei ruhiger See. Unter einer halben Stunde geht da gar nichts, und das sind mindestens drei Seemeilen vom Unglücksort entfernt.

Nicht viel einfacher ist die Situation, wenn die Yacht nicht unter Passatsegel oder Spinnaker unterwegs ist. Dann muß auf dem Foto die Genua mit zwei Schoten geborgen, der Bullenstander abgeschlagen und das Großsegel von einem Mann eingeholt werden, um unter Maschine manövrierfähig zu werden. Das dauert. Ziemlich aussichtslos, den Segelkameraden zu retten.

Die vorangegangen Schreckenszenarien spiegeln dabei nicht einmal den Worst Case wieder. Und der dürfte die Norm sein auf einer Weltumsegelyacht. Üblich ist bei Ozeanüberquerungen, dass nur ein Mann Wache geht, während der andere in der Koje liegt und pennt, also Kräfte sammelt. In der Nacht ist das die Regel, aber auch am Tag flegelt man häufig in der Koje, weil es bei den Rollbewegungen bequemer ist, sich am Kojenbrett abzustemmen, statt sich draußen irgendwo einzuklemmen. Stellen Sie sich mal den Alptraum vor, wenn Sie ihren Kameraden am Ruder ablösen wollen und der ist nirgendwo zu sehen. Eine Stelle in der Segelliteratur hab ich über Jahrzehnte in Erinnerung behalten. "Es gibt nichts Schrecklicheres als ein leeres Cockpit mit hin- und herpendelnder Pinne" (oder so ähnlich). Mütze ab zum Gebet!

Aber was ist nun das beste Mensch-über-Bordmanöver auf einer Langfahrtyacht? Die Antwort kann Ihnen jeder Fensterputzer an einem Wolkenkratzer in New York geben. Raten Sie mal!

Ich denke, das ist nicht in den Wind gesprochen.

Bobby Schenk

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