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mit 12 Weltumseglern und dem Olympiasieger

Selbstbetrug beim Traum von der Weltumsegelung

Sich selbst zu belügen beflügelt die Fantasie und ist beim Träumen durchaus erlaubt. Aber man sollte sich die Schwindelei auch eingestehen und aus dem Geständnis Konsequenzen ziehen. Es gibt hierzulande sicher an die tausend Träumer, die an eine Weltumrundung zumindest denken, und ganz sicher mehrere tausend Segler, die beim Kauf ihrer Yacht den ganz großen Törn schemenhaft im Hinterkopf haben. Denn was hätte es sonst für einen Sinn, sich für unsere engen Gewässer eine Yacht von über 40 Fuß anzuschaffen? Sicher steht das " Vielleicht…" nicht gerade im Vordergrund, wenn man so einen Kaufvertrag über ein kleines bis großes Vermögen unterschreibt, aber mitschwingen beim Träumen wird sie fast immer, die große Runde unter Segel. Dass dann daraus nichts wird, liegt meistens an Umständen, die man beim Yachtkauf noch nicht berücksichtigt hat, die damals noch nicht abzusehen waren.

 Die Werften machen sich diese Gedankenspiele auf ihren zum Teil faszinierend schönen Prospekten zunutze, indem sie die Interessenten häufig mit dem klein gedruckten Vermerk "geeignet für die weltweite Fahrt" oder so ähnlich einzufangen versuchen. Und dann ist da noch von den "fantastischen" Segeleigenschaften die Rede, den Hoch-am-Wind-Vermögen,  der Leichtigkeit des Rudergehens, vom Knopfdrucksegeln (kein Mensch käme auf die Idee, vom "Knopfdruckautofahren" zu sprechen) oder, und dies zu allererst, von der rasanten Geschwindigkeit. Aber ist das alles sooo wichtig? Aber klar doch: Weltumsegeln heißt doch „SEGELN ohne Ende“, „BlauwasserSEGELN ist eine Art zu leben“ oder wie es Rudi Wagner einst so schön in seinem Buch Weit, weit voraus liegt Antigua ausgedrückt hat: „SEGELN mit dem großen Löffel“?

Halten wir mal auf einer Bootsausstellung die Augen offen! Wir sehen bei manchen Dickschiffen, besonders bei denen, die massenhaft oder besonders luxuriös und damit extrem teuer produziert werden, Schlangen vor der Stiege aufs Schiff hinauf stehen. Endlich bekommen sie den Wink der Hostess, dass sie nunmehr  nach oben dürfen. Und was beobachten wir dann? Statt sich ausführlich an Deck umzusehen, den Mastfuss zu inspizieren, die Leinenführung zu überprüfen, steigt der Besucher, kaum hat er das Cockpit erklommen, ins Innere des Schiffes. Und zeigt damit, worauf es ihm beim Schiffskauf vor allem ankommt. Nämlich nicht auf die Segeleigenschaften, sondern auf die Bewohnbarkeit einer Yacht. Und hat damit, sicher unbewusst, auch vollkommen recht. Aber eingestehen wird er sich und anderen das wohl nicht so leicht. Oder haben Sie Ihre Segelfreunde und Besitzer einer neuen Yacht schon mal davon schwärmen hören, wie schön sichs auf der Yacht wohnen lässt? Wieviel Platz man unten hat, wie bequem die Sitzecke ist? Nein, stattdessen müssen wir uns anhören, wie glatt die Yacht durchs Wasser schneidet, wie leicht sie auf dem Ruder liegt. Oder ähnliches.

Die Frage klingt etwas abwegig, ja für einige sogar verräterisch, und von denen bin ich tatsächlich  auch schon böse angefeindet worden. Trotzdem stelle ich sie in den Raum: Ist das Segeln bei einer Weltumsegelung denn wirklich so wichtig? 

Lassen Sie mal meinen wichtigsten Zeugen sprechen, einen Zeugen, der wohl über jeden Verdacht der Weichheit, der Unsportlichkeit, der Flapsigkeit oder der Unfähigkeit  erhaben ist. Denn jedes Wort in diesem Zitat dürfte für Weltumsegelträumer wichtig sein. Der große Bernard Moitessier, dessen ganzes Leben dem Regatta- und Fahrtensegeln gewidmet war, schreibt in seinem Buch Vagabund der Meere, genau auf Seite 254:  

Man versteht vielleicht, dass ein Einzelner oder ein Paar, die sich entschließen, das erste Boot für das große Abenteuer zu kaufen oder zu bauen, kaum eine Chance haben, sogleich das richtige Boot zu finden. Dafür gibt es zwei Gründe: Der erste ist der Mangel an Erfahrung: Der fähigste Segler der Welt kann ohne persönliche Erfahrung nicht wissen, was für ein Leben ihn tatsächlich auf einer langen Reise unter Segel erwartet. Fast immer wird er Wert auf gute Segeleigenschaften seines Bootes legen: Auf Geschwindigkeit, auf die maximale Höhe am Wind - vielleicht auf den Komfort auf See, was automatisch auf Kosten der anderen Eigenschaften geht. Und sein Boot wird wahrscheinlich auf offener See erfolgreich sein. Aber ein Boot segelt ja gar nicht die ganze Zeit über.

Man sollte einmal ein paar Bücher über Weltumsegelungen zur Hand nehmen und nachzählen, wie viele    Monate das Boot auf See war und wie viele es vor Anker gelegen hat. Die meisten Reisen dauern 3 bis 5 Jahre, und dabei spielen sich selten mehr als 10 oder 12 Monate wirklich auf See ab...,

Wobei die Zeit an Bord vor dem Beginn und nach dem Ende der Reise noch nicht einmal mitgezählt ist.
 

Moitessier spricht von "3 bis 5 Jahren". Wir wissen es ein wenig genauer, kommen aber ungefähr zum gleichen Ergebnis. Auf meiner Seite who-is-who im Weltumsegeln habe ich bis jetzt immerhin Fragen zu einem dreiviertel Hundert Weltumsegelungen gestellt, auch die Frage nach der Reisedauer. Die daraus abgeleitete Statistik sehen Sie auf der Abbildungrechts  Rechnet man diese Werte nach, so kommt man auf die durchschnittliche(!) Dauer einer Weltumsegelung von ungefähr vierkommasieben Jahren. Wenn wir dabei die wenigen "Dauersegler" außer Acht lassen, bleiben es immer noch vier Jahre - und damit wären wir - grob gerechnet, aber statistisch untermauert - bei der Aussage von Moitessier.  

Rund um die Welt sind es, über den Daumen gepeilt, je nach Route 25 bis 30 Tausend Seemeilen. Daraus lässt sich leicht errechnen, wie viele Tage auf See so eine Weltumsegelung in Anspruch nimmt.

Von welchem Etmal wollen wir ausgehen? Eric Hiscock, und nicht nur er, hat einmal die runde Zahl von hundert Seemeilen in 24 Stunden in den Raum gestellt. Das war vor einem halben Jahrhundert, als die Spitzengeschwindigkeiten von Fahrtenyachten bei  etwa 150 Seemeilen lagen. Heute sind es vielleicht 180 Seemeilen. Es ist nicht viel mehr, was da der Fortschritt gebracht hat, zumal die erhöhten Werte zum großen Teil darauf zurückzuführen sind , dass die durchschnittliche Yachtgröße und damit auch die Rumpfgeschwindigkeit erheblich zugenommen hat. Wem aber eine durchschnittliche Strecke von ca. 120 Seemeilen in 24 Stunden immer noch zu niedrig erscheint, der möge bedenken, dass hier die Strecken gegenan und Sturmzeiten mit berücksicht werden. Ich hab auf all meinen Schiffen immer mit 100 Seemeilen gerechnet, und damit bin ich bei der Planung(!) auf der richtigen Seite gelegen.

Das aber bedeutet in klaren Zahlen: Bei einem angenommenen Etmal von 100 Seemeilen besteht eine (typische) Weltumsegelung aus 250 Segeltagen, bei 120 Meilen aus etwas mehr als 200 Tagen. Nimmt man ein noch höheres Etmal, dann ist man bei vielleicht 180 Tagen angelangt. Den Rest von rund 1000 Tagen verbringt man vor Anker oder in der Marina. Brutale Wahrheit! Aber ist das so schlimm? Dann lernt man in der übrigen Zeit eben Land und Leute kennen. Wer das glaubt, lese sich aufmerksam mal so durch die Weltumseglerliteratur durch, zuletzt bei Sebastian Pieters "auf Acht Meter um die Welt" oder bei den sympathischen Sailing Conductors, wo der dreißig Jare alte Yanmar-Diesel auf 350 Seiten eine Hauptrolle spielt.

Würde man allein danach seine Prioritäten ordnen, käme man zu dem Schluss, dass das Wohnen auf dem Schiff ungleich wichtiger ist als die Segelei, dass eine Weltumsegelyacht also in erster Linie Wohnschiff ist, und dann erst Reisemittel. Klar, so einfach geht das natürlich nicht. Oberste Priorität hat selbstverständlich die Sicherheit, die Seetüchtigkeit, aber das können wir, soweit der Mensch Extrembedingungen überhaupt beherrschen kann, bei den heutigen Serienyachten wohl voraussetzen. Daneben gleich wichtig ist die Seemannschaft der Besatzung. Aber dann folgt schon die Bewohnbarkeit der Yacht, die eine weitaus größere Rolle spielt als wir uns das beim Träumen wohl vorstellen. Damit sind wir wieder bei Moitessier.

Also machen die Besucher der Bootsausstellungen alles richtig, wenn Sie sofort nach Erklimmen der Ausstellungsyacht gleich mal in den Salon nach unten steigen? Nicht ganz, wenn sie auf Weltumsegelung gehen wollen. Denn bei einer Weltumsegelung auf der Passatroute spielt sich - wegen der Hitze und des mangelnden Durchzugs - das Leben vornehmlich im Cockpit ab - auf See, aber auch am Ankerplatz. Was schamlos in Kaufüberlegungen einzubeziehen ist!

Oder ist das in den Wind gesprochen?

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