In den Wind gesprochen (42):

Einziger Nutzen eines tödlichen Seenotfalls

Sollte es überhaupt vorstellbar sein, dass ein tödlicher Unfall so etwas wie einen Nutzen haben kann, dann müsste dieser Nutzen doch wohl darin bestehen, dass man aus dem Unfall etwas lernt. Deshalb werden ja auch Unfälle in der Seefahrt (in der Luftfahrt ohnehin) regelmäßig untersucht. Diese Untersuchungen dienen nicht dem Zweck, einen Schuldigen auszumachen; sie dienen vielmehr dazu, zu klären, wie sich derartige Unfälle in Zukunft vermeiden lassen.

Dieses Bestreben ist aber bei dem tragischen Unglück in Holland im August 2015 zunächst einmal gehörig danebengegangen.

Der Sachverhalt ist einfach: Auf einer deutschen 10-Meter-Segelyacht wird bei Windstärke fünf eine Patenthalse gefahren. Der überkommende Baum trifft den 62-jährigen Schiffsführer am Kopf, worauf dieser über Bord geht. Seine zwei an Bord gebliebenen Kameraden versuchen, ihn wieder an Bord zu hieven, was misslingt. Darauf springt einer der beiden ins Wasser, um dem Verunglückten ins Boot zu helfen, was ebenfalls daneben geht. Herbeigerufene Retter können den am Kopf getroffenen Segler zwar bergen, doch er verstirbt. Der Helfer im Wasser wird - unterkühlt - von der KRNM, der niederländischen Rettungsgesellschaft, geborgen.

So weit, so schlimm (hier der Bericht der KRNM)!

Schlimm ist aber auch die Lehre, die die KRNM meinte, aus diesem Unfall ziehen zu müssen. Denn sie gibt im Anschluss an den Unfallbericht einen "Aufruf an alle Segler" heraus, der darauf hinausläuft, dass Rettungswesten zu tragen sind, um solche katastrophalen Folgen zu vermeiden:

Und das ist falsch! Denn eine derartige Warnung verführt unerfahrene Segler dazu, aus einem solchen Vorfall den folgenschweren Fehlschluss zu ziehen: Wenn Du die Rettungsweste trägst, kann Dir sowas nicht passieren.
Der Unfall hat mit einer Rettungsweste gar nichts zu tun. Das Todesopfer ist laut Unfallbericht nicht untergegangen, es bleibt offen, ob der Mann auf Grund der durch den Baum verursachten Verletzung verstorben ist. Und der Helfer im Wasser verblieb ebenfalls an der Wasseroberfläche, wobei es höchst zweifelhaft ist, ob er mit einer seine Bewegungsfähigkeit einschränkenden Rettungsweste eher in der Lage gewesen wäre, seinen Kameraden wieder an Bord zu bringen. Kurzum: Mit oder ohne Rettungsweste wäre es zu diesem Unfall gekommen, und zwar mit den eingetretenen schwerwiegenden Folgen.

Nun könnte man sagen, eine an diesem Fall festgemachten Warnung, Rettungswesten zu tragen, schade ja nicht. Doch, das tut sie, denn die höchst einfache, ja primitive Lösung zur Vermeidung dieses Unglücks tritt dadurch völlig in den Hintergrund.

Auf die Frage, was Auslöser dieses Unfalls war, gibt es eine einzige, und zwar simple Antwort: Es wurde ein Patenthalse gefahren. Ohne sie wäre der Mann noch am Leben.

Nun hat jeder von uns schon mal (und nicht nur einmal) als Rudergänger unbeabsichtigt gehalst. Das kann jedem Steuermann passieren, und zwar auf jedem Kurs, bei jeder Gelegenheit. Sei es die Unaufmerksamkeit des Rudergängers oder seine Unerfahrenheit, die ihn auf einem Vorwindkurs zu einer Fehlreaktion verleitet, sei es, dass der automatische Rudergänger aus irgendwelchen Gründen aussteigt, sei es, dass eine Welle (zum Beispiel von ein einem vorbeibrausenden Motorboot) die Yacht aus dem Kurs wirft. Und so fort. Die Folgen einer solchen Patenthalse können unterschiedlich sein: die Unbequemlichkeit, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen, ein kaputtgeschlagener Großschotblock, ein Mastverlust wegen des abgeschlagenen Backstags oder im schlimmsten Fall der Tod eines Besatzungsmitglieds - siehe oben.

Dabei ist es kinderleicht, mit Sicherheit die desaströse Folgen einer Patenthalse vermeiden! Ein Stück ausgediente Schot, gar ein „Kälberstrick“, zwischen Großbaumnock und einem Haltepunkt irgendwo in der Nähe der Fußreling befestigt und durchgesetzt, das ist alles, um solche Unglücke zu verhindern. Auf einem umsichtig ausgerüsteten Schiff ist die Bedienung einer Bullentalje sogar aus dem Cockpit möglich, sodass der Einwand fehlgeht, das Ganze sei doch etwas umständlich. Das Anlegen einer Rettungsweste ist sicher komplizierter.

Die höchst einfache Lehre aus dem oben beschriebenen Unglück: Wenn auf der Yacht ein Bullenstander gefahren worden wäre, hätte es weder einen Verletzten noch einen Toten gegeben, die Halse wäre nicht der Erwähnung wert gewesen. Dass das Unglück, jedenfalls soweit es sich ums Überbordgehen handelt, mit einer Sicherheitsleine ("Lifebelt") ebenfalls zu vermeiden gewesen wäre, wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Der brave Mann von der Rettungsgesellschaft hat seine Warnung sicher gut gemeint. Aber mit Bullenstander oder Lifebelt treibt kein Mensch im Wasser. Die Industrie, vor allem in Deutschland, hat sich über viele Jahre hinweg äußerst und erfolgreich bemüht, aus der Rettungsweste (früher nannte man sie völlig abwegig "Schwimmweste") ein Gerät zu schaffen, das vollautomatisch weitestgehende Sicherheit im Notfall (also, wenn das Unglück schon passiert ist) gewährt. Aber sie dient nicht dazu, einen Notfall zu vermeiden, erst recht kann sie eine Patenthalse verhindern. Sie ist ein hervorragendes Rettungsmittel, wenn das Schiff sinkt. Oder um einem Nichtschwimmer das Schwimmen beizubringen. Aber sie taugt nicht zur Unfallvermeidung. Die Rettungsweste ist das, was für den Bergsteiger der Fallschirm wäre. Haben Sie schon mal ein Foto von Reinhold Messner mit Fallschirm gesehen?

Was mich an dieser Sache stört, ist die gedankenlose Überbewertung der Rettungsweste durch eine quasi-offizielle Institution, die vor allem Anfänger zu einer verhängnisvollen Fehleinschätzung der Gefahren auf dem Wasser verführen kann. Dazu gehören auch die Diskussionen zum Mann-über-Bord-Manöver (zumal unter Segel). Und letztlich auch die Erörterungen, wie ein über Bord Gegangener wieder aufs Schiff zurückkommt.

Den Absturz in den Tod gilt es zu vermeiden.

Aber, das ist nun zum xten Male (hier zum Beispiel) in den Wind gesprochen!
Bobby Schenk

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