In den Wind gesprochen (54):

Elektronik macht blind

Freunde von mir sollten neulich eine Yacht von Frankreich ins Mittelmeer überführen. Runde vierhunderttausend Euro hatte das gute Stück ins Bankkonto gerissen und dementsprechend war alles, auch das Zubehör (alles) vom Feinsten. Besonders die Navigationsecke zierte das Beste und das Modernste, kurz alles, was heute die Navigationselektronik so bietet. Damit auch jede Kabellänge, die der Katamaran segelt, oder, wahrscheinlicher, motort, schön abgebildet wird und der Skipper oder Rudergänger metergenau seinen Kurs an Hindernissen vorbei fortlaufend checken kann. Ohne Rechner, ohne Peilerei, kurzum vollautomatisch.Blöderweise sollte die Yacht bei einem der ersten Törns in stockfinsterer Nacht einen unbeleuchtetenTonnenweg passieren. So eng war der, dass der diensthabende Skipper es gar nicht gut fand, sich allein auf die Elektronen, die ihm die präzise Seekarte auf dem Bildschirm zeigten, zu verlassen. Immerhin hatte er die Verantwortung für Mannschaft und vierhunderttausend Euros.

Ab da wurde es ziemlich primitiv, so als ob man nicht das Jahr 2017 schreiben würde, sondern als ob man hundert Jahre zurückdatieren müsste. Die Tonnen waren kaum auszumachen und der Gedanke an eine Kollision mit einer von ihnen (haben Sie sich so eine "kleine" Tonne mal aus nächster Nähe angesehen?) verursachte beim Skipper Bauchschmerzen. Sich von einem schwarzen Schatten zum nächsten zu tasten und zu zittern, war kein guter Törn mehr .

Spätestens jetzt fragt sich der (fahrten-)segelnde Leser: "Ja hatten die denn kein Radar an Bord?"

Genau, da lag das Problem. Wir wissen nicht, warum der Käufer dieses, im Jahr 2017 können wir geruhsam von einem "altbackenen Gerät" sprechen, nicht hat einbauen lassen. Am Preis kann es nich gelegen haben, denn 2000 Euro fallen bei einem Schiff dieses finanziellen Zuschnitts doch wirklich nicht ins Gewicht, das sind gerade mal ein halbes Prozent oder fünf Promille. (Der spätere Einbau, über den der Skipper jetzt nachdenken wird, kostet erheblich mehr mit Mastlegen und so...)

Vielleicht ist heute die Bedienung eines Radargerätes aber auch  so gar nicht mehr zeitgemäß. Man sollte ja fortlaufend in die Röhre, halt, heute ist es das LED, stieren, man dreht an der Enttrübung, Verstärkung und Distanzringe werden nachgeregelt , und wer es ganz genau haben möchte, peilt die Landmarken mit dem Peilregler.

Man fragt sich aber angesichts der Vorbehalte gegenüber solchen"Unbequemlichkeiten", warum diejenigen, die das so empfinden, überhaupt segeln, ist dies doch verglichen mit dem Autofahren richtig umständlich und kompliziert. Nein, daran kann es wohl nicht liegen. Meines Erachtens werden viele Entscheidungen gegen ein Radargerät gefällt, weil man "ein schönes Schiff", eine "wundervolle Yacht" besitzen will, und da stört optisch natürlich eine Torte am Mast oder auf einem häßlichen Geräteträger gewaltig. Vor fünfzig Jahren, als die ersten Radargeräte auf Segelyachten auftauchten, hörte ich viele Möchtegern-Yachtbesitzer reden: "Ich wart mal ab, bis die Antennen kleiner werden!" Sie warten heute immer noch. Denn der Durchmesser einer drehenden Antenne hängt halt von der Frequenz des Sendestrahls und von seiner Qualität ab, und den kann man deshalb nicht beliebig verkleinern.

Man kann sich auch vor der Anschaffung eines Radars mit dem überzeugenden Argument drücken: " Da , wo ich hin segle, gibt es keinen Nebel!" Abgesehen davon, dass dies in den Tropen nur bedingt richtig ist, können auch dort gelegentlich so ungünstige (unsichtige) Sichtverhältnisse herrschen, dass man andere Schiffe oder Hindernisse schon auf wenige Kabellängen nicht mehr ausmachen kann. Auf dem Radar-Bildschirm hingegen bilden sie sich noch bestens ab - siehe nebenstehendes Foto, das den Bildschirm im regnerischen Wetter bei einem Bereich von nur sechs Meilen zeigt. Bei dieser Fahrt in die Straße von Singapur haben wir zu diesem Zeitpunkt mit bloßem Auge nicht ein einziges Schiff gesehen. Die Wahrheit aber, das zeigt das Radar, war, dass wir umgeben waren von unzähligen, mindestens dreißig, zum Teil riesigen Biggies, die sicher nicht alle auf unser Vorfahrtsrecht Rücksicht nehmen würden, oder auch kleinere Fischer, deren AIS vielleicht ausgeschaltet ist. Nachts gibt es zuhauf Hindernisse, die sich eben nicht auf einer noch so genauen Seekarte oder auf dem AIS befinden, man denke nur an Ankerlieger, die sich den Strom für das Ankerlicht für den Kühlschrank mit Bier aufsparen möchten.

Nein, um es ganz klar festzustellen. Radar ist das wichtigste Navigationsinstrument an Bord. Alles andere, was da bei der Kursfindung so anfällt, läßt sich notfalls auch ohne Elektronik, also händisch erledigen. Für Radarblicke brauchen wir die kreisende Antenne. Ich räum ja ein, dass Radar zur Ortsbestimmung, die übrigens hochgenau wäre, heute nicht mehr nötig ist, obwohl es als Backup hervorragend taugt. Und es gibt noch weitere Einsatzbereiche: So kann zum Beispiel im Regen ganz gut abgelesen werden, wo die Schauer am dichtesten sind, wohin man also halten soll , um da möglichst schnell aus dem Schietwetter rauszukommen. Oder, um die Entfernung und den Kurs eines anderen Fahrzeugs auf dem Wasser abzulesen. "Brauch ich auch nicht, denn AIS zeigt mir das hochgenau." Ja durchaus, wenn es auf dem Kameraden auch eingeschaltet ist, was beispielsweise manche Fischer aber gar nicht gern machen, um der Konkurrenz nicht ihre Fanggründe zu verraten.

Weiß schon, das ist wieder mal in den Wind gesprochen!

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