In den Wind gesprochen (57):

Warum nicht eine Yacht auf der Bootsmesse kaufen?

Bootsmessen eignen sich hervorragend, um die Winterzeit bis zur Segelsaison sinnvoll zu überbrücken. Zubehör für die eigene Yacht ist immer eine vernünftige Anschaffung und die bessere Hälfte ist mit einem dezenten Hinweis auf die chice, neue Ölzeugmode leicht von einem Besuch der so gemütlichen Messehallen zu überzeugen. Sie muss ja dabei sein, denn manchmal bleibt es nicht bei der Glasenuhr, dem Patentschäkel oder dem allermodernsten unverzichtbaren Kartenplotter, sondern plötzlich steht man vor der Yacht und der Gedanke schießt einem durch den Kopf: "Ja, das ist ja genau das, was ich schon so lange gesucht habe!“

Eine Yacht auf einer Bootsausstellung kaufen? Von einem Privatmann, der sein gebrauchtes persönlich auf dem Freigelände anbietet oder von einem Aussteller? Statt ein neues Schiff beim Händler bestellen, ohne die Werft zu besuchen?

Ja, warum denn nicht, denn diese Art von Kaufentscheidung hat eine Menge Vorteile gegenüber der wohlüberlegten Auswahl im Internet, dem Suchen nach prachtvollen ganzseitigen Anzeigen (denen ja meist der angeblich gnadenlose Bootstest über ein paar Seiten folgt) und dem Lesen von wohlgemeinten, oft sogar allwissenden Ratschlägen von Namensphantomen im den Yacht-Foren.

Seien wie mal ehrlich, jeder begeisterte Segelfan spürt doch den Wunsch nach einem neuen Schiff, sobald die erste Begeisterung für seine "Alte" etwas nachgelassen hat. Etwas größer könnte die Neue sein und damit ein wenig schneller (meint man), vielleicht auch pflegeleichter, wenn man sich an die mühseligen Stunden mit dem Farbpinsel in der Hand unter der Yacht im Trockenlager erinnert, kurzum frischer Wind nicht nur unter Segeln ist gefragt, sondern auch, was das einst geliebte altes Schiff anbetrifft.

Ja, und meistens ist es nicht das Schlechteste, wenn es eine n gerade dann erwischt, wenn man vor dem Messeschiff steht und auch die Bordfrau nur leise an der Größe des Kühlschranks und an den Tapetenfarben herummäkelt. Der große Vorteil ist nämlich nicht, dass man das Schiff wahrscheinlich deutlich unter dem Listenpreis als "Messeangebot" bekommt, weil der Händler sich einen meist recht teuren Transportweg zurück zur Werft spart, sondern dass man leibhaftig mit eigenen Augen sieht, was man sich da einhandelt.

Halt, wo soll denn da das Problem sein gegenüber einer Bestellung mit nicht zu langer Lieferzeit? Kann ich da nicht wenigstens im engen Rahmen eigene Ideen durchsetzen, schließlich hab ich im Laufe meines Segellebens eine Menge Erfahrungen gesammelt, was jetzt Früchte tragen sollte? Und, was soll denn da schief gehen, wenn ich ein Schiff bei einer seriösen Werft bestelle?

Das hab ich auch mal gedacht. Aber großer Irrtum! Nur ein paar Fälle, die ich miterlebt habe: Deutsche Eheleute bestellen einen Katamaran bei einem deutschen Händler und entrichten eine recht beträchtliche Anzahlung an den Händler für die erste Rate. Dann folgt die zweite und schließlich die dritte Rate. Als man schließlich von der Werft wissen möchte, wann das Schiff fertig sei, bekommt man die "gute Nachricht", dass die Yacht schon lange auf die Abholung wartet, das Schiff aber erst nach Eingang aller Ratenzahlungen ausgeliefert wird. Um es kurz zu machen, die " schlechte Nachricht": Die zweite Rate ist beim Händler "hängen geblieben". Der Traum vom Katamaran war gestorben.

Auf die Schnauze bin auch ich ganz gehörig gefallen. Als ich bei der Werft für mein 10 Meter langes Kunststoffschiff (das war damals die größte GFK-Yacht in Deutschland) Monate nach der Bestellung am Telefon die Farbe für die Vorhänge durchgeben wollte, bekam ich die Antwort: "Ja, wissen Sie denn nicht, die Werft ist letzte Woche zusammen mit Ihrem(!) Schiff abgebrannt!" So war mal zunächst die für mich ganz erhebliche Anzahlung weg!

Jahre später, nachdem die Werft Noord Nederland mir mein prächtiges 15-Meter-Stahlschiff THALASSA II ausgeliefert hatte, machte sie wenige Tage darauf für immer zu. Noch einmal Glück gehabt - im Gegensatz zu anderen Bestellern.

Noch eine Erfahrung: Die Werft, bei der ich meinen 15-Meter-Katamaran bestellt hatte, spielte ein ganz besonderes Spiel, das ich sicher nicht erlebt hätte, wenn ich eine Yacht, die leibhaftig vor mir gestanden hätte, so wie sie war, gegen Cash gekauft hätte. Da hätte ich nämlich genau sehen und wissen können, was ich bekomme. Nicht so bei meinem Kat. Als wir das Schiff in der Werft abholen wollten, ließ michein Blick in den Maschinenraum und die Kontrolle des Auftrags doch etwas ungläubig darauf hinweisen, dass ich ausdrücklich zwei Yanmar-Diesel mit jeweils vier Zylindern bestellt hatte, während zwei Volvos eingebaut waren . Und um es noch schlimmer zu machen, nicht vier Zylinder sollten die Kraft abgeben, sondern nur drei.

So etwas braucht man sich doch nicht gefallen lassen? Oh, doch, ich war machtlos, obwohl in meinem Vertrag ursprünglich eindeutig niedergeschrieben war: "Vier-Zylinder-Yanmar". Denn: Als ich beim Werftleiter das Problem monierte, meinte er ganz trocken und wortwörtlich: "Was wollen Sie denn, wir haben Ihr Geld und Ihr Schiff!"

Der Mann hatte Recht. Bis auf ein paar tausend Franc Restzahlung war der Kat, wie üblich und vertragsgemäß, voll bezahlt. Wir hatten also nur die Alternative, grollend den Rest zu bezahlen, um die Werft mit dem "falschen" Motor verlassen zu können, oder aber auf dem Werftgelände im Schiff zu wohnen und unser Recht gerichtlich durchzusetzen, was, wenn es blöd läuft, schon ein paar Jahre dauern kann. Wir haben bezahlt - der Unterschied zwischen Recht haben und Recht kriegen.

Dabei haben wir noch Glück gehabt, denn die Eigentümerin der Werft, eine einst mächtige Gesellschaft, und damit auch die Werft selber existierten kurz darauf nicht mehr. Diese Firma hatte übrigens auch für die recht erhebliche Anzahlung gebürgt, weil mir versichert worden war, dass eine so große Firma für meine Anzahlung genauso sicher ist wie beispielsweise ein Sperrkonto. Ob und wie viele Eigner hier Federn lassen mussten , weiß ich nicht.

Auf was ich hinaus will: Wenn ich ein Schiff kaufe, das vor mir steht, lege ich das Geld hin und gleichzeitig - Zug um Zug, sagt der Jurist - gehört mir das Schiff. Finanzielles Risiko bei diesem Einkauf gleich Null!

Aber nicht nur wegen der Zahlungssicherheit würde mir ein "Messeschiff" gefallen. Jeder Segler, da bin ich sicher keine Ausnahme, strotzt nur so von unzähligen Ideen, wie eine Hochseeyacht beschaffen sein muss. Nur sollte man sich fragen, warum eine Werft das nicht gleich so macht, wie man sich das bessere Schiff vorstellt? Sie hat meistens gute Gründe. Ich jedenfalls musste in meinem langen Seglerleben (fast ein Vierteljahrhundert auf dem Wasser "in der Szene") einsehen, dass die meisten meiner "tollen" Ideen am Ende, also in der täglichen Bordpraxis, nicht das Papier wert waren, auf das sie skizziert worden waren.

Die meisten eingesessenen Werften haben im Laufe der Jahre schon auf Grund der verkauften Exemplare (und auch der Mängelrügen) halt doch insgesamt mehr einschlägige "gute" Ideen, als ich. Das ist jedenfalls meine Erkenntnis in den letzten Jahren. Wenn ich ein fertiges Schiff kaufe, werden sich also dort meine technischen Gedanken, um die es nicht schade ist, nicht wiederfinden. Was aber auch nicht heißt, dass an einem neu gekauften Schiff alles top ist. Vieles kann Ärger bereiten. Aber letztlich ist es besser, sich über den Verkäufer oder die Werft zu ärgern, als über sich selbst und die eigenen "Verbesserungen".  In den Wind gesprochen?

Bobby Schenk

 

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