Überlebt in der Rettungsinsel - und was dann?

Von Guido Dors – Weltumsegler und Gründer des Aequator Verlags (www.aequator.com)

Im Rahmen des Clipper Round the World Races ereignete sich eine dramatische und leider auch traurige Geschichte auf der Etappe von Australien nach Singapur im Januar 2010. In einem der nächtlichen Squalls auf der Höhe von Indonesien verlor eines der Boote aus der Flotte, die Cork, die Orientierung und fuhr mit voller Geschwindigkeit auf ein Riff. Erst mit Sonnenaufgang stellte die Crew fest, dass sie auf das vorgelagerte Riff einer kleinen Insel gelaufen war und durch knietiefes Wasser auf die Insel hätte laufen können. So harrte die Mannschaft mehrere Stunden an der Reling der hohen Seite aus. Das Schiff war der Länge nach aufgeschlitzt und drohte jeden Augenblick zu sinken. Leider waren auch die Dieseltanks beschädigt. Für die Umwelt ist sehr bedauerlich, dass fast zwei Tonnen Diesel ins Meer gelaufen sind. Zudem war der Geruch im Inneren des Schiffs kaum auszuhalten.

Wir waren das zweite Boot am Unglücksort und wurden vom ersten, Team Finland, welches die Rettung koordinierte, gebeten, ca. die Hälfte der Crew an Bord zu nehmen. Da es keine Möglichkeit gab an der Insel anzulegen, die aufblasbaren Beiboote der Flotte viel zu klein und auch nicht motorisiert waren und man unter gar keinen Umständen ein weiteres Schiff riskieren wollte, immerhin haben diese Yachten 3,5 Meter Tiefgang, blieb den Havaristen nichts anderes übrig, als sich in ihre Rettungsinseln zu setzen und von der Insel abtreiben zu lassen, so dass wir sie in ausreichender Wassertiefe aufnehmen konnten. An dieser Stelle möchte ich auf zwei Dinge hinweisen. Der Veranstalter Clipper Ventures hat für 18 Crewteilnehmer drei Inseln für jeweils zehn Personen an Bord. Es ist also definitiv auf jedem Schiff eine Ersatzinsel für den Fall der Fälle. In einer Notsituation ist diese Ausstattung tatsächlich beruhigend. Denn das von drei ordnungsgemäß gewarteten Insel zwei nicht aufgehen, ist kaum anzunehmen. In diesem Fall war das Einsteigen physisch unproblematisch, da es in knietiefem Wasser geschah, ich will aber nicht verschweigen, dass es Crewmitglieder gab, die bereits so geschockt waren, dass es wohl einige Überredungskunst erforderte, das sichere Festland wieder zu verlassen und sich in die nasse Rettungsinsel zu setzen. Wer an einem der vielbeworbenen Sicherheitstrainings teilgenommen hat und selbst einmal versucht hat, aus dem Wasser mit Ölzeug und aufgeblasener Automatikrettungsweste in eine Rettungsinsel zu steigen, weiß, dass das nicht ganz so einfach ist und die weniger sportlichen unter uns dort durchaus Hilfe brauchen.

Was in den Sicherheitstrainings nicht unbedingt vermittelt wird, ist die Schwierigkeit, die Personen an Deck zu bekommen. Man sollte nicht davon ausgehen, dass sehr viel Verständnis oder Kooperation aufgebracht wird. Es muss aber sehr kontrolliert ablaufen, denn man möchte ja auf keinen Fall auch gleich noch einen Mann über Bord haben. Die erste Herausforderung ist also, so an die Rettungsinsel hinzufahren, dass sie stabil neben einem steht. Bei Seegang und Wind, hält man eine 10-Personen-Rettungsinsel nicht einfach so mit der Hand fest. Es gibt bestimmt verschiedene Varianten, aber ich würde sagen, dass man die Insel treiben lässt und versucht mit einem sehr guten Steuermann die Yacht „auf Höhe“ zu halten. Was nicht passieren sollte, aber dennoch passiert, wenn man vorher nicht mit den Insassen der Rettungsinsel gesprochen hat, ist, dass mehrere aus der Rettungsinsel an der Reling hängen, sobald sie diese fassen können. Das gilt es wirklich zu verhindern. Die Gefahr, dass jemand ins Wasser fällt, ist einfach zu groß und außerdem passt man mit aufgeblasener Rettungsweste kaum durch den Draht der Reling durch und sich oben drüber zu hangeln, ist in dieser Situation eher etwas für Kunstturner.

Wir haben jeden einzelnen mit einem Fall und eine zweiten Sicherungsleine direkt zu einem Crewmitglied an Deck aus der Rettungsinsel abgeborgen. Das dauert eine Weile, ist aber ein sehr sicheres Verfahren. Mit 18 Crewmitgliedern hat man allerdings auch ausreichend „Manpower“, eine solche Rettungsaktion über Stunden durchzuführen. Das mag bei uns Fahrtenseglern ganz anders aussehen.

Es ist wichtig, die Rettungsinsel zu zerstören, sobald sie leer ist, indem man mit einem Messer die Luftkammern durchlöchert. Dadurch vermeidet man, dass ein anderes Boot die Rettungsinsel ortet und unter Umständen viel auf sich nimmt und sich womöglich selbst in Gefahr begibt, um nachzuschauen, ob in der Insel jemand ist. Die Rettungsinsel hat ihre Aufgabe voll und ganz erfüllt und vielleicht mehreren Menschen das Leben gerettet, man sollte nicht andere wieder in Gefahr bringen. Die Rettungsinsel an Bord nehmen oder hinterherschleppen ist eher unpraktikabel. An Bord ist sie wirklich im Weg und sie hat normalerweise keine Befestigungen dass man sie gut hinterherziehen könnte und verlieren sollte man sie aus o.g. Gründen auf keinen Fall. In Europa würde im Zweifel ein Rettungshubschrauber versuchen, jemand in die Insel abzulassen und je nach Wettersituation sind auch andere in Seenot und der Hubschraube würde an andere Stelle dringend gebraucht. Mein Herz schlägt wirklich für den Schutz der Meere und Ozeane aber hier sehe ich nicht, wie man es besser machen könnte.

Womit man unbedingt rechnen muss, ist, dass man Menschen an Bord nimmt die Einiges durchgemacht haben und nicht zwingend rational handeln. Man sieht unter Umständen viele Tränen und hat mit Traumata zu tun. Da diese Menschen unter Umständen nur noch das haben, was sie am Leib tragen – und das wird nass sein – kann es eine Menge bedeuten, wenn man aus seinen eigenen Beständen ein frisches Handtuch und trockene Wäsche abgibt und eine Tasse Tee anbietet. In unserem Fall hat die komplette Prozedur einen halben Tag gedauert. Man übernimmt die Verantwortung für diese Menschen. Man sollte sich die Pässe aushändigen lassen und mit jedem einzelnen ganz in Ruhe sprechen; über Verletzungen und alles andere, was man mit seinen eigenen Crewmitgliedern vor der Abfahrt geklärt hat.

Nachdem man nun alle in Sicherheit an Bord hat, wird es dort etwas enger. Je nach Situation werden die Kojen knapp; die Schlafsäcke ganz bestimmt, da die Gäste keine eigenen dabei haben. Eventuell müssen auch die Nahrungsmittel gut eingeteilt werden. In unserem Fall waren noch fünf Tage zu absolvieren. Die Vorräte mussten leicht rationiert werden, aber es war alles noch im Rahmen. Wenn sich aber eine kleine Crew auf dem Ozean verdoppelt und noch 1.500 Seemeilen zu bewältigen sind, erfordert dass schon ein paar mehr Gedanken. In unserem Fall war Trinkwasser unproblematisch, da wir einen Watermaker hatten, der 30 Liter pro Stunde erzeugen kann, aber auch das mag auf einem kleineren Schiff ganz anders sein.
In unserem Fall ging die ganze Geschichte sehr gut aus. Ein paar hatten keine Lust mehr weiter an dem Rennen teilzunehmen und sind nach Hause geflogen. Die übrigen wurden auf die verbleibenden neun Schiffe aus der Flotte verteilt. Ein weiteres Boot aus unsere Flotte, welches sehr spät zur Unglückstelle kam, hat sich die Mühe gemacht, noch so viele persönlichen Gegenstände wie irgend möglich aus dem sinkenden Schiff abzubergen und diese mit dem Beiboot auf die Yacht zu bringen. Ohne Motor bei mindestens 30 Grad im Schatten und wahnsinniger Luftfeuchtigkeit wirklich harte Arbeit, die Anerkennung verdient.
Ich wünsche niemanden der Leser, dass er in eine solche Situation kommt, ob als Havarist oder als Rettender. Wenn es jedoch passieren sollte, hoffe ich, dass es den Betroffenen gelingt, das Beste aus der Situation zu machen. Vielleicht tragen diese Erfahrungen dazu bei.

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Bobby Schenk
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