Vom Traum zur Wirklichkeit (1) 

von Thomas Margraf

Wir alle kennen das: Da hat man einen großen Plan, kämpft lange Zeit mit all den Widrigkeiten, die sich einem in den Weg stellen, weiß oft kaum noch weiter, bekommen aber letztlich doch den Plan durchgezogen. Rückblickend ist dann alles Sonnenschein, denn die vielen Schwierigkeiten hat man vergessen, verdrängt. War ja alles sooo einfach.

Ulli und Tom haben einen großen Plan, besser gesagt: Traum. Den größten wohl aller bürgertlichen Segler: Sie wollen um die Welt segeln. Das ist der Ist-Zustand, nicht der Rückblick auf eine geglückte Unternehmung. Und darüber wollen sie in einigen Fotsetzungen auf dieser Seite berichten. Erreichen sie Ihr Ziel. Wir werden es erleben, ja miterleben, wir dürfen dabei sein...Und wenn es schief geht, erfahren wir es auch.

Versprochen!  BS

 


Stationen bei der Vorbereitung einer Weltumseglung.

Kann man vom Anblick des Wasser satt werden? Sind Küstenbewohner Realisten?

Auf der Suche nach einem geeigneten Schiff für eine Weltumseglung oder einer Blauwasserreise stößt man vor allem im Binnenland auf viele, oft nicht fertig gestellte Selbstbauten. Weit weg vom Wasser entstehen stabile, seegängige Schiffe. Erdacht und geplant von Menschen mit einem Traum. Plötzlich, kurz vor der Vollendung, wird der Traum aufgegeben.

Die Idee und der Traum

Als Kind träumte ich davon mit einem Boot die Nidder, ein kleines Bächlein das durch den Nachbarort fließt, zu befahren. Ich schmökerte Versandhauskataloge, bewunderte Faltboote und Badeboote und vergaß den Traum von der großen Fahrt nach einigen Jahren Jugendträumerei. Durch Zufall erlernte ich das Windsurfen, erst der Baggersee, dann die Niederländischen Binnengewässer, Irland, später das Mittelmeer. Windsurfen ist Sport, man braucht eine Mütze Wind damit es wirklich Spaß macht. Der Wind blieb aus, immer dann wenn ich Zeit hatte. Es musste etwas anderes herbei. Etwas was auf dem Wasser zu bewegen ist, was auch bei wenig Wind Spaß macht, wo man ein Surfbrett mitnehmen kann.

An einem Flautetag stöberten Ulli und ich durch die Yachthäfen. Wir (inzwischen verheiratet) sahen ein wunderschönes formverleimtes Holzboot standen davor und ich begann zu träumen. War das der Kindheitstraum von Freiheit, Abenteuer, Entdeckung? Jäh wurde ich geweckt, der Eigner schaute aus dem Niedergang. Wir befragten ihn zum Boot und wurden bei einer Flasche Cherry Freunde. Das Boot, eine Reinke Omega, 7,50 Meter lang, 2,50 Meter breit, hatte eine kleine Pantry, eine Toilette und zwei recht bequeme Schlafplätze. So etwas wollten wir. Der Bazillus hatte uns erwischt, oder war es doch der Traum?

Nur zwei Wochen später hatten wir eine Delanta 75, gleiche Abmessungen und, erstaunlich, die gleiche Aufteilung unter Deck. Ich will nun niemanden mit allen missglückten Anlegern, Ablegern, Segelmanövern und anderem Seemannsgarn langweilen. Im Jahr darauf machten wir mit unserem neuen Freund Ernst einen Törn, Quer durch die Niederlande, über die Oosterschelde, und Binnenmeere, durch Kanäle bis nach Gouda. Die Fahrtensegelei hatte es uns angetan, Langfahrtträume keimten auf, man könnte doch... schon wieder war er da, der Traum.

Wir wechselten vom Binnenmeer durch eine Schleuse in die Oosterschelde, eine brandneue Marina hielt eine Überraschung bereit. Ein Yachtmakler nebenan, da stand sie, GFK Rumpf, Teakdeck, Mahagoniaufbau. Eine Vindö 32, 9,00 x 2,75 x 1,30 Meter, Langkiel, hochseetauglich. 17 Jahre durchquerten wir mit ihr die Nordsee, den englischen Kanal, der erste Nachttörn. Wir kauften Radar, Plotter, Funkgerät, eine Epirb, nein, nicht so was tolles mit GPS und Satellit, eine Rettungsinsel. Dann der erste Hochseetörn. Nur 56 Stunden, nur 260 Meilen. Und doch, wir waren plötzlich andere Menschen. Noch einmal 350 Meilen zurück und es war uns klar, die See will uns, oder wir wollen die See. So genau kann man das nicht unterscheiden.

Die Bücher von Ernst-Jürgen Koch, der mit seiner Frau Elga mit einem 9,50 Meter Kielschwertkreuzer die Erde umrundete ließen uns Träumen, von Sonne, Palmen, Menschen, Karibik, Südsee. Das muss doch mit UNDIN auch möglich sein.

Wir trafen Weltumsegler auf der BOOT, “ Wo segelt Ihr?”, “ In der Nordsee, England und so. Wir planen ja auch in ferner Zukunft vielleicht mal, aber wir müssen noch viel üben…”, “ Üben? was denn, ihr segelt im schwierigsten Gebiet, schlimmeres wird euch kaum erwarten, fahrt los!”

Also kauften wir Bobby's Bücher zur Navigation verschlangen alles was wir über Langzeitsegeln erfahren konnten. Im Kopf waren wir schon unterwegs, sahen uns schon vor Queensland Kreuzen. Australien unsere Hochzeitsreise und unser Traum, huch noch ein Traum. Üben mit einem Sextanten, navigieren mit Zirkel und Lineal. Prüfen mit einem primitiven und schweineteuren Hand GPS. Kurzum, wir bereiteten uns technisch vor. Wir segeln um die Welt, das war das Ziel.

Zweifel, Ängste, Emotionen - Oder, man findet immer einen Grund nicht los zu fahren.

Wir geben viel Geld für die Ausrüstung unseres Schiffes aus. Es ist noch immer UNDIN die leider 500 km von unserem Wohnort entfernt liegt. Jedes Wochenende 1.000 km, zwei Hausstände, weil man doch ewig was am Boot oder zu Hause vergisst. Ein Jahr, zwei Jahre die Zeit vergeht. Was haben wir eigentlich gemacht? Man sieht nicht viel. UNDIN ist vollgestopft mit Elektronik, alles was der Markt so hergibt. Unsere Urlaubstörns werden kürzer, schlechtes Wetter hält uns von der Fahrt zum Boot ab. Ich bin viel Unterwegs, 130 Reisetage im Jahr durch ganz Europa. Ausreden!

Der Enthusiasmus verfliegt. Ach, wir können doch immer noch los, wenn wir älter sind. Jetzt erst mal Geld verdienen, oder? Ich weiß es nicht aber ich glaube Ulli und ich denken das gleiche, nur so wirklich ansprechen will es keiner. Ab und zu mal ein Aufflackern – das brauchen wir für die lange Reise… Ist ja doch nur die Entschuldigung für eine unnütze Geldausgabe. Das Boot ist nicht mehr das wichtigste in unserem Leben, Freunde, Familie, Geburtstage, andere Feiern. Wir reden uns raus, wir können ja nicht alle sozialen Kontakte aufgeben.

Dann lesen wir Bücher, "Yachten in Seenot", "Yachtpiraten", "Auf Rettung ist nicht immer Verlass". Wie ist das denn mit Freak Waves, gibt es viele Piraten, halten wir Seegang und Enge überhaupt aus? Ist das Boot geeignet? Über die Ängste reden wir kaum.

Wie lange dauert so eine Reise, was kommt danach? Bücher schreiben? Das 100ste mit der Beschreibung von Windstärken, Strömungen, Reffen, Ausreffen, der ewig gleichen Barfußroute? Wer sollte das lesen wollen, verdient man damit überhaupt etwas? Also eine Schnapsidee, das Bücher schreiben. Finden wir eine Anstellung? Wie geht das Leben weiter, wenn wir an Land sind? Wir reden wenig über die Zweifel.

Es kommt das Gefühl auf, das ist doch alles nur eine Traumwelt, das Schweigen des anderen werten wir als Zustimmung, der Traum wird blasser und blasser, er verschwindet, wie damals der Traum vom Faltboot.

Wir ziehen um vom Binnenland an die Küste. Neue Freunde, neue Eindrücke. Segeln ist an der Küste anders, man kann jeden Tag segeln, Es werden hier Regatten gefahren, Fahrtensegeln findet im Urlaub statt. Wir sind keine Regattasegler, aber wir engagieren uns als Regattahelfer, Tonnen legen, Zeiten nehmen. Von einer Weltumseglung will hier kaum einer etwas wissen. Beim Bier mit Freunden sagt einer, “Nein, Weltumsegelung, das hab ich früher mal im Kopf gehabt. Das ist doch nur was für Spinner”. Wir stimmen zu, mit komischem Gefühl aber wir stimmen zu. So ist der Traum nicht mehr auszumachen.

Natürlich es gibt hier Weltumsegler, doch das sind wenige und Exoten (ich mag nicht Spinner schreiben). Wilfried Erdmann wohnt bei uns um die Ecke, Rainer und Ursula Wöhl (siehe hier) sind sogar Vereinskameraden.

Das Leben auf einem Schiff verliert an Bedeutung, wir können jeden Tag segeln gehen oder auf dem Schiff sitzen. Der Erdball wird sich auch weiter drehen wenn wir nicht über sein Wasser fahren, wir sind doch keine Spinner. Nein, im Ruhestand können wir ja im Sommer übers Meer fahren, längere Törns, wenn wir dann keine Lust mehr haben wohnen wir wieder in einem Steinhaus. Es gibt eben immer einen Grund nicht los zu fahren, Oder, die meisten Weltumsegler kommen nicht von der Küste.

Jetzt aber doch – Oder, es gibt immer einen Grund doch los zu fahren.

Wir haben immer noch UNDIN, hervorragend in Schuss, Vollgestopft mit Elektronik, mittlerweile veraltet aber noch funktionsfähig. So langsam werden wir ihr untreu, wir äugen nach einem größeren Schiff, nicht mehr so viel Holz, das macht viel Arbeit. Etwas mehr Komfort um besser in und aus der Koje zu kommen. Ein wenig länger, um die Wellen besser ausfahren zu können.

Ein Freund aus Holland verkauft sein Gib Sea 106, das wäre doch was, oder? Bis wir nachfragen ist sie weg. Ein anderer Verkauf eine Vindö 50, eigentlich wollen wir keine Vindö und eigentlich suchen wir kein Schiff, aber wir sehen uns das Exposé auf der Maklerseite an. Da ist sie dabei, eine Dufour Sortilège, wow, was für ein Schiff. Ich rufe an, vereinbare einen Besichtigungstermin, wir wollen eigentlich kein Schiff, schon gar nicht so ein großes, viel zu unhandlich für zwei. Ist ja nur zum gucken. Irgendwie haben wir beide den gleichen Gedanken… aber wir reden nicht darüber.

Einer unserer besten Freunde baute ein Schiff, eine Pénichette in Eigenkonstruktion, mit seiner Frau wollte er die französischen Kanäle bereisen – es wurde nichts mehr daraus. Das hat uns geweckt - worauf warten wir eigentlich? Wir wollen nicht die reichsten Leute auf dem Friedhof sein, wir wollen ferne Länder, Menschen, Kulturen, es gibt so viel zu sehen, zu erfahren, zu lernen.

Fazit erster Teil:

Weltumsegelung ist eine Grundeinstellung zum Leben. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Menschen. Wer eine Blauwasserreise einmal im Kopf hat, wird sie nicht mehr los. Wer allerdings mental nicht auf eine lange Reise eingestellt ist sollte keine weiteren Gedanken darauf verschwenden.
Jeder, der eine Weltumsegelung plant bekommt im Laufe der Planung Zweifel. Ängste überkommen die Crew. Wer nicht über Zweifel und Ängste redet kann sie nicht überwinden.

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