Vom Traum zur Wirklichkeit (3) 

von Thomas Margraf

Ulli und Tom träumen den großen Traum von der ganz großen Runde um den Erdball unter Segel weiter. Oder sind sie schon in der Realität angekommen? Liest man die nachfolgenden Zeilen, so spürt man, dass die Palmen in einem niedlichen Südseeatoll noch in weiter Ferne liegen: Hinter dem Horizont, aber doch eine gefühlte Ewigkeit weg!  Bei so hehren Lebenszielen ist es dann doch ernüchternd, wenn man sich mit banalen Problemen wie gebrochene Bolzen, vielleicht vergammelte Segel, zu kurze oder zu lange Drähte,  veraltetem Backofen oder dem witzigen Beiboot herumschlagen muß. Das ist der Moment, wo viele Phantasten dann doch ein Einsehen mit sich selbst haben - und ihren Lebenstraum begraben. Von diesen hört man dann erst wieder, wenn sie vor den heimatlichen Türen stehen und und von Kurzurlauben im Mittelmeer schwadronieren. Gehören Tom und Ulli auch dazu oder beißen sie sich durch die Banalitäten durch? Wir begleiten sie mit solchen ehrlichen Berichten, ohne das Ende zu kennen. Let's wait and see...


Raumschiff Enterprise, das Südseesyndrom

Nun ist sie da, unsere Wanambi, Sie liegt völlig alleine. Noch heißt sie Tistlarna. Wir sind stolz auf unser neues Schiff, sitzen in Eiseskälte im Cockpit, im Salon und hängen unserem Traum nach. Die rosa Brille macht Wanambi zum schönsten Schiff. Wir nutzen jeden Abend um zu ihr zu gehen, verbreiten Stallgeruch, entdecken hier etwas, da etwas, ach, der Tankgeber funktioniert nicht, ist ja kein Problem, ja der Kork, der kommt im Winter runter. Das UKW Funkgerät hat eine MMSI, die bei der Netzagentur zwar bekannt ist, aber nicht zum Voreigner gehört. Kein Problem, wir wollten eh ein neues haben. Guck mal, das Furuno Wetterfax macht Faxe, wir empfangen Pinneberg. Da ist etwas Wasser in der Motorbilge, muss man halt mal nachsehen. „Pille“, Doc McCoy, im Raumschiff Enterprise nannte es das Südseesydrom, die Sehnsucht gestresster Manager nach einer Südseeinsel. Das Südseesydrom lässt uns über alle Fehler hinwegsehen.

Aus der Traum, Ängste bekämpft, Zweifel ausgeräumt und nun das.

Dann erschrecken uns fast zu Tode. Die Gabel von einem der Tierods ist aufgebogen und der Bolzen klemmt nur noch halbwegs. Es ist zum aus der Haut fahren, erst ist der fünf PS Yamaha Aussenborder ein 2 PS Honda, diverse alte Segel wurden von Bord geräumt, Werkzeug, das wir sahen, fehlt. Von den sieben Gasflaschen sind nur noch drei da. Na, da hat er was gekonnt, der Tom. Verblendet vom Schiff, verblendet vom Traum. Was wird noch kommen? Fällt der Kiel ab, ist der Mast durchkorrodiert, sind Löcher im Rumpf? Langsam zweifle ich an allem und jedem. Es ist schwer sich das schön zu reden. Da scheitert der zukünftige Weltumsegler schon beim Bootskauf, das kann ja was werden. Unweigerlich kommt mir Barawitzka in den Sinn, der unglaubliche Skipper aus der Seefahrernation Österreich. Seine Abenteuer, seine Entscheidungen. Gut, dass er mir in den Sinn kam, er gab nie auf. Am Ende drehte er seine Entscheidungen so, dass sie richtig waren. Fehler wurden von Kameraden gemacht. Bis dahin gab es allerdings Tumult auf dem Schiff.

Die Gabel, das Rod Material, kann doch nicht so teuer sein. Rumtelefonieren, fragen, Bilder machen. Nein, so was gibt es nicht, nein so was können wir nur einzeln anfertigen. Ich frage nach Preisen... lass mir die Ruhe, soviel Aquavit, Korn, Cognac gibt’s es gar nicht, um mir das schön zu trinken. Dann ein rettender Gedanke, ich könnte ja mal Reckmann anrufen, dort gibt es einen Techniker den ich kenne. Am nächsten Tag sitze ich mit meinem Stück Rod im Auto und fahre die 120 km zu Reckmann. Der nette Techniker zeigt mit moderne „Gabeln“, massive würfelförmige Blöcke mit etwa 7 cm Kantenlänge. Nein, die bekomme ich gar nicht unter. So ein Teil, mit einer Wantenspannergabel gibt es nicht. Anfertigen! Nein, meint der Techniker, das kann niemand bezahlen. Ich lerne, dass man in Rod kein Gewinde schneiden kann, sondern das dies aufgewalzt werden muss. So ein Mist, hätte ich doch nur den Vulkanier Spock dabei, der würde eine Lösung finden. Spock war da, in Form des zweiten Technikers, der meint man könne ja mal versuchen die Gabel auszudrehen, natürlich war das Gewinde fest…vielleicht einfach richten? Vorsichtig warm gemacht wird die Gabel wieder gerade gebogen, dann poliert, auf Risse untersucht und für gut befunden. Noch ein paar neue Bolzen, weil das Loch ja „ausgeleiert“ ist und für einen Beitrag in die Kaffeekasse ist alles erledigt. Ein Stein fällt mir vom Herzen.

Endlich können wir wieder zielgerichtete Gedanken fassen, Instrumente tauschen, putzen, die ersten Dinge unter Deck demontieren, überlegen was wohin kommen könnte. Für den Radar/Plotterschirm einen Platz finden. Dann endlich das Rigg trimmen. Geht nicht! Die Oberwanten sind zu lang. Die Spanner sind bis zum Anschlag zusammen gedreht, das Rigg steht, aber die notwendige Spannung ist noch einige Umdrehungen entfernt. Was ist das nun? Wanambi fuhr doch so, vier mal über den Atlantik. Die Erklärung ist schnell gefunden. Irgendwann wurde der Original Mast gegen einen Mast mit zwei Salingspaaren ausgetauscht. Nun fehlte ein Pütting für die Zwischenwanten. Das Problem wurde behoben indem ein Rigger ein L-förmiges Edelstahlblech anfertigte und so eine Aufnahme für die Zwischenwanten geschaffen hat. Eigentlich eine gute Idee, nur ist das L etwas zu lang geraten und daher lassen sich die Wanten nicht durchtrimmen. Was soll es, bisher hat es so gut gehalten und bis zum Winter werde ich mir eine neue Konstruktion ausdenken.

Segeln oder Ausrüsten, was braucht man eigentlich für die Langfahrt?

Es liegt eine komplette Saison vor uns, Das einzige was wir tun sind die Instrumente gegen die tauschen, die wir sowieso schon haben. Kork, Innenausbau, alles was da noch ansteht wird für den Winter aufgespart. Wir wollen unser Schiff kennen lernen und fahren selbst bei Flaute aus der Box.

Eine gute Idee war die Windmesseinrichtung. Der Mast steht 16 Meter über Deck da bekommt man im engen Revier der Förde schnell einen steifen Hals. Das Instrument zeigt gut den Windwinkel, um die Windstärke machen wir und (noch) wenig Sorgen. Der Plotter und das Radar Display wandern auf der ersten Schottwand an diverse Positionen. Der „gemeine“ Ostseesegler will so ein Display am Steuerstand. Ich halte das für die Langfahrt doch eher so, dass es von außen zu sehen (und halbwegs lesbar) ist und von innen bedient werden kann. Das Display hatten wir auch schon, so ist es nun halt da.

Beim Rest stellen sich im Laufe der Saison schnell die Notwendigkeiten (besser die nicht Notwendigkeiten) heraus. Das Wetterfax war an Bord und konnte bislang seine Qualitäten nicht zeigen. Heute hat man Grib Files, die Gesamtsituation kann man auf den DWD Faxen zwar recht gut einschätzen aber eine ernsthafte Vorhersage ist nicht möglich. Die Vorsegel mit Stagreitern lassen sich schnell setzen und bergen, nur ist das Packen auf dem Blisterdeck doch eher eine Tortur. Eine Rollanlage steht auf der Wunschliste. Das vom Voreigner angeschlagene Großsegel hält drei Monate, dann reißt das Achterliek ab – gut nach 20 Jahren ist das in Ordnung und es liegt Ersatz an Bord. Überhaupt, wir haben ein nagelneues Groß und eine nagelneue Genua 3 mitgekauft. Dazu drei unterschiedliche Spinacker und einen Blister. Noch an Bord sind brauchbare 2 mal G3 einmal G4, na ja eher für Raume Kurse, aber um die wird es ja gehen.

Schnell wird klar, im Grunde ist alles was man braucht an Bord. 2 mal GPS, Logge, Echolot, Windmessanlage (die wahrscheinlich irgendwann kaputt sein wird) ein Display für Radar, das auch Plotten kann (aber wer hat schon elektronische Karten für alle Weltmeere).

Komfort an Bord, was braucht man da eigentlich?

Der Ofen/Herd hat seine besten Tage gesehen, er funktioniert aber der Backofen ist nicht mehr toll, Die Kühlbox ist eher für Urlaube gut, nichts zum Tiefkühlen, und das Volumen ist zu klein. Wassertanks und Wassermacher, Die Tanks sind aus Edelstahl, drei mal 250 Liter nehmen sie fast einen m³ Raum ein, wertvoller Stauraum! In vielen Gesprächen mit Bobby ist klar, wir brauchen einen Wassermacher und können so die Tankkapazität verringern. Die Polster sollten erneuert werden. Nur die ortsansässigen Polsterer sind viel zu teuer. Die Sprayhood geht, ist aber weit entfernt von Komfort, sie ist flach und behindert die Sicht nach vorne. Immer abgeklappt braucht man auch keine wenn mal Wasser überkommt. Die Kojen im Bug sind nur bis zu Hüfte brauchbar. Der riesige Ankerkasten kommt zu tief ins Boot. Die Achterkojen sind schmal und eher für nördliche Breiten geeignet. Die Lavac Toiletten sind klasse. Die Spülbecken wurden einmal verdreht eingebaut und laufen nicht ordentlich ab. Das Waschbecken ist ein Witz und bei Lage nicht zu benutzen. Die Dusche ist völlig demontiert. Es gibt kein warmes Wasser, wobei wir die Notwendigkeit bislang nur im Norden sehen. Ebenso ist keine Heizung eingebaut. Es gibt ein Solarpanel aber keinen Windgenerator. Energie wird ein Problem werden. Das Beiboot stellt sich als Witz heraus, selbst unser altes 2,3 Meter Lodestar ist viel zu klein. Das Deck ist nicht aufzuarbeiten und wird Farbe brauchen.

Wir wissen nicht genau was wir brauchen werden, auch nach einer Saison nicht. Langsam freunden wir uns mit dem Gedanken an, dass doch so einiges zu tun sein wird.


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