Bobby Schenk's Blauwasserseminar - schon buchbar!
mit acht Weltumseglern, hochkarätigen Experten und Olympiasieger in Yachtschule Glücksburg am 14./15. März 2020

Erlebnisbericht für Freunde der Weltumsegler (8)

Für viele ein Trost: Auch Weltumsegler (siehe Who-is-Who-im-Weltumsegeln) werden seekrank, und zwar sowohl Michael als auch Britta, die sich etwas später "anschließt". Und das bei strammem Seegang, boigem Wind, Eiseskälte und Treibeis im Weg, kurz: bei den widrigsten Wetterbedingungen. Dass die ganze Mannschaft kurzzeitig ausfällt kommt selten vor auf der VERA, einer fast 50jährigen Yachtschönheit. Sie hat in all den Jahren nichts an Glanz verloren (und was viel über ihren Konstrukteur aussagt) ihre Seetüchtigkeit kann sich dank ihres berühmten Designers Olin Stephens auch mit den modernsten Yachtkonstruktionen messen, wie dieser Törn durch eines der ungastlichsten Reviere der Welt zeigt. Wenn Kap Horn zur Wendemarke degradiert wird, spricht einiges dafür, dass die Crew froh ist, die Antarktis hinter sich zu lassen. Trotzdem, Britta und Michael empfehlen die Antarktis als sehr anspruchsvolles Fahrtenrevier durchaus zur Nachahmung. Der Leser möge entscheiden...

Alle Berichte und Beiträge von Britta und Michael finden Sie hier!


Segeln kann Leiden sein - der Abschied vom Eis

042  - Drake Passage nach Puerto Williams

Hallo Ihr Lieben!

Friedliche Tage im »Omega Channel« der »Melchior Islands«: Zeit zum kochen, Zeit zum Gitarre spielen, Zeit zum reden, Zeit genug, um auch mal tagelang auf die Sonne zu warten. Dieser herrliche Ankerplatz ist mit Sicherheit der heimeligste unserer gesamten Antarktisreise. Dennoch bietet er ein spektakuläres Panorama: Voraus eine hohe Eiswand, aus der es immer wieder heftig grummelt. Herabfallendes Eis treibt zuverlässig mit der Strömung des »Omega Channel« an unseren in einer kleinen Nische gut vertäuten Booten vorbei, so das wir Nachts ruhig schlafen können. Seeleoparden und andere Robben faulenzen auf den umliegenden Felsvorsprüngen. Hinter uns rinnt ein Bach von der Felswand. Wohlschmeckendes Wasser, leicht erreichbar. Hin und wieder sehen wir andere Boote auf der Durchreise, meist Charterboote, deren knapper Zeitplan wenig Spielraum für Romantik bietet. Das stört nicht, und bietet Gelegenheit zu kurzen, interessanten Schwätzchen.

Abschied vom Eis: »Bergy Bit« in den Melchior Islands.


Während dieser friedlichen Tage beobachten wir täglich die Entwicklung eines brauchbaren »Wetterfenster« für die »Drake Passage«. Vom vierten Februar verschiebt es sich allmählich auf den sechsten, dann den siebten, bei ständigen Änderungen. Dieses meteorologische »Wissen« stört die Kontemplation, ist aber sinnvoll, wenn man die ganz grobe Dusche vermeiden will, womöglich noch bei der Annäherung an Kap Horn. Am Morgen des sechsten Januars entscheiden B und ich uns, gegen Abend auszulaufen. Wegen unserer begrenzten Dieselreserven halten wir es für geboten, die Rückseite des abziehenden Tiefdrucksystemes zu nutzen, um Strecke unter Segeln zu machen. Unsere Freunde von der HAIYOU wollen noch zwölf Stunden zuzuwarten. Man hofft auf weniger Wind und moderateren Seegang. Diesel für die dann zu erwartende Flaute hat man in Hülle und Fülle.

Wir beginnen also mit den unzähligen aber notwendigen Handreichungen vor dem absegeln: Landleinen einsammeln, Aussenborder, Fender und Dinghy seesicher stauen, Kutterfock und Schoten anschlagen, vorkochen, aufräumen. Danach sind wir schon ziemlich platt. Das ist nicht ideal, schon wegen des herrschenden Schietwetters: Schlechte Sicht, Schneefall, Kälte. Nicht zuletzt kostet das Anziehen der vielen Schichten Merino, Faserpelz und Goretex wieder Zeit und Kraft. Am späten Nachmittag legen wir endlich ab, mit einem schmerzhaften Knoten im Magen. Zum Glück kommt der Anker ohne Probleme vom Grund. Noch im Schutz der »Melchior Islands« setze ich (M) das Großsegel, während B unter Maschine um »Growler« und »Bergy Bits« herumkurvt. Mäßiger Wind zunächst, aus SE, so wie angesagt. Ein paar Meilen weiter ändert sich das Bild. NE jetzt, 30 - 45 Knoten, Stärke sechs bis acht, konfuse See, hoch und steil. Umkehren? Wir entscheiden uns dagegen. In aller Eile binde ich zwei Reffs ins Groß und setzte die kleine Kutterfock. Leider trage ich dabei nur das normale Ölzeug, keinen Trockenanzug, was sich böse rächt, als einige eisige Brecher über den Bug schlagen. Total erledigt, durchgefroren und durchnässt wie ich bin, dauert es nicht lange, bis ich schwer seekrank auf dem Boden des Salons an den Heizkörpern liege, und nur apathisch verfolgen kann, wie B hoch am Wind segelnd dem Treibeis draussen ausweicht, bei schlechter Sicht und Grabeskälte. Leider muss sie dazu meist draussen bleiben, was saukalt ist. Die Angelsachsen haben ein gutes Wort dafür: »Miserable«.

Zwanzig hart erkämpfte Seemeilen weiter steigt in einer schweren Sturmböe der Autopilot aus. Übel ratternde Geräusche, Getriebeschaden. Draussen ist es fast dunkel. Der Sommer ist bald vorüber, zumindest in diesen Breiten. Umkehren, zurück ins Eis? Bloß nicht. Nach einiger Überlegung drehen wir bei. Die nächste Stunde zählt zu den übelsten unseres Seglerlebens. B sucht Werkzeug und den gut verstauten Ersatzmotor für den Autopiloten heraus und wird dabei ebenfalls seekrank. M kriecht in die Achterpiek unter den schweren Ruderquadranten und baut den zerstörten Motor aus. Zwischendurch füttern wir gemeinsam die Fische. Draussen heult der Sturm. Wir treiben derweil in schwerer See mit drei Knoten gen Lee. Seeraum ist da, aber vielleicht auch bald wieder Eis? Endlich ist es getan. Zurück auf Kurs. Der Autopilot steuert wieder so wie er soll. Mit sieben Knoten geht es hoch am Wind in die Nacht. Zum Glück läuft die Heizung, sonst wären wir jetzt ganz übel dran.

Zwei Tage später sieht die Welt viel besser aus. Unser »Wetterfenster« funktioniert so wie es soll und stabilisiert sich. Unter stahlblauem Himmel laufen wir bei herrlich leichter Brise aus Ost unter Vollzeug auf Kap Horn zu. Beim Passieren sollten wir dann, laut GFS, sogar Südwestwind, also Rückenwind haben. Noch 230 Seemeilen. Ein Katzensprung, eigentlich. Irgendwo hinter uns segelt die HAIYOU unter Genacker durch die Nacht. Man will wohl ebenfalls dranbleiben.

Leichtwind in der »Drake Passage«


Ruhige »Drake Passage«: Irgendwo voraus liegt Kap Horn (Ein Film von B+M).

Hundert Seemeilen vor dem Horn dreht der Wind über Süd auf Südwest, wie erwartet. Beim Passieren in der Nacht bläst es mit vierzig Knoten, zum Glück genau von achtern. Im Morgengrauen passieren wir die Isla Lennox, mit ihrem verführerischen Ankerplatz. Bloß vorwärts jetzt, bevor es weiter auf West dreht… Der Beagle Kanal kann dann sehr ungemütlich werden. Alles geht gut. Erst fünfzehn Meilen vor Puerto Williams dreht der Wind auf den Kopf. Motor an, Vollgas, das tut ihm mal gut. Tief taucht der Bug ein, weißes Salzwasser rauscht über Deck, aber egal: Wir haben es geschafft! Puerto Williams nach beinahe sieben Wochen voller Abenteuer. Es regnet in Strömen, viel Neuschnee liegt in den Bergen, und an der alten MICALVI sind alle Liegeplätze belegt, aber auch das stört uns jetzt nicht mehr. Wir picken die letzte freie Mooring auf, machen gleich das Dinghy klar und fahren zum Einklarieren in die Stadt. Die Beine unter uns und der Tresen der Hafenbehörde schwanken merklich, als wir im tropfendem Ölzeug die Bögen ausfüllen. Zur Belohnung gehen wir danach zu den »Kolumbianerinnen«: Der bullernde Ofen, das große, eiskalte Bier und die heißen »Empenadas« mit »Centolla« Füllung bringen uns dort den Himmel auf Erden.

So wollen wir nicht enden: Ein Wrack im Eingang des »Beagle Kanals«.


Der Rückweg: Karte der »Drake Passage«


Bei Einbruch der Dunkelheit fahren wir zurück an Bord. Eben wollen wir todmüde in die wohlverdiente Koje fallen, als die SANTA MARIA AUSTRALIS eintrifft, die einen Tag vor uns aus dem »Omega Channel« abgesegelt ist. Da keine Mooring mehr frei ist, gehen sie kurzerhand bei uns längsseits. Im Gegenzug werden wir vom netten Kapitän Christian zum groß angelegten Dinner gebeten. Die Gäste an Bord wirken überglücklich über das in den letzten Wochen geleistete. Es gibt jedenfalls unendlich viel zu schnacken, während die Christian und Karl alles auftischen, was die Kombüse der SANTA MARIA AUSTRALIS noch hergibt: Herrlich fettige Kasslerrippchen, dicke Salzkartoffeln in fetter Soße, Leipziger Allerlei, Erbsen, Möhren, ein Riesensalat, jede Menge kaltes Bier und natürlich Ernest Shakleton‘s Lieblingswhisky… Alles bestens.

Die folgenden Tage vergehen wie im Flug. Die Freunde auf der HAIYOU treffen zwei Tage nach uns ein, müde von der Überfahrt und euphorisch über das geleistete. Leider bleibt kaum Zeit zum Feiern. Lynn sitzt bereits am nächsten Morgen im Flugzeug nach Peking, während Chris sein argentinisches Crewmitglied Javier zurück nach Ushuaia bringt. B und ich wollen auch nicht lange in Puerto Williams bleiben und haben daher unendlich viel zu tun. weit über tausend Seemeilen sind es nach Puerto Montt, gegen den Wind, gegen Kälte, Regen und Schnee, durch eine der letzten großen Wildnisse der Erde, die »Patagonian Channels«, mit ihrem zyklopischen Labyrinth von Kanälen und Fjorden. Drei Monate Zeit kalkulieren wir dafür ein. Entsprechend schleppen wir erneut Unmengen von Diesel und Vorräten an Bord, bis die Wasserlinie der VERA nicht mehr zu sehen ist. Wir freuen uns auf dieses neue Abenteuer. Der zurückliegende Törn in die Antarktis hat uns einiges abverlangt. Da kommen ruhige Tage in idyllischen, graugrün verfilzten Ankerplätzen gerade recht. Vielleicht regnet es ja in diesem Jahr etwas weniger als sonst. Drückt uns die Daumen. VERA out.


Zurück in Puerto Williams: Im Vordergrund mähen einige Wildpferde den Rasen. Selbst auf der Großbaustelle »Neue Straße zur MICALVI« gehen die Dinge ihren gewohnten Gang. Im Hintergrund erkennt man die VERA an einer Mooring, längsseits an der SANTA MARIA AUSTRALIS. 


Herzliche Grüße und alles erdenklich Gute wünschen Euch Britta und Michael / SY VERA / Puerto Williams / Isla Navarino / Chile