YACHT-Leser fragen, Bobby Schenk antwortet


4.3.2013

Sehr geehrter Herr Vogelsanger,

nein, nein, nein, ein perpetuum mobile gibt es nicht, schon gar nicht auf Yachten!

Es ist schon merkwürdig, wie oft ich auf dieses Thema angesprochen werde. Dabei kenn ich persönlich niemand, der zum Beispiel mit einem Elektroauto herumfahren würde. Mit Recht! Denn es wäre falsch zu schreiben, die Technik eines Elektro-Antriebes beim Auto wäre noch nicht "ausgereift", nein, hier gibt es nichts zum Ausreifen, diese Technik gibt es noch gar nicht. Um es präziser zu sagen, der Antrieb ist nicht das Problem, es ist der Strommangel und erst recht die Stromspeicherung, also die derzeit zur Verfügung stehenden Batterien. Aber, weil die Verbraucher so gern Umweltschützer spielen (solange es keine persönlichen Opfer erfordert), kommt immer wieder die Diskussion über den Elektroantrieb auf - und folgerichtig auch für Yachten. 

Wobei es grundsätzlich egal ist, ob man einen solchen Antrieb für einen Einrümpfer oder für einen Kat plant, man wird Schiffbruch erleiden. Denn man muss sich einmal klar darüber werden, dass das Energieproblem auf Yachten präsenter ist als alle anderen Themen. Wenn man jahrelang auf Langfahrtyachten gelebt hat, wird man Zeuge von tausenden Diskussionen um das Problem "Strom an Bord", über die richtige Segeltechnik dagegen wird kaum geredet. 
Aber beginnen wir mal mit dem Grundsätzlichen und gehen davon aus, dass "Ihr" System unterwegs einigermaßen funktioniert. Das ist gar nicht so abwegig, denn tatsächlich haben sich manche Yachtsleute begeistert darüber ausgesprochen, dass sie mittels Wellengenerator, Windgenerator oder nachgeschleppter Lichtmaschine so viel Strom erzeugt haben, dass sie die
Batterien vor dem Kochen bewahren mussten. Schön und gut, aber was ist vor Anker? Im Hafen ohne Landanschluss? Kleine Rechnung gefällig, gilt für Langfahrtschiffe und ihre besten Vertreter, die Weltumsegelyachten: Gut, eine Weltumsegelung in mehr als 10 Jahren ist nicht repräsentativ (gibt es), aber von ein paar Jahren auf der Passatroute kann man schon im Durchschnitt ausgehen. Also, die Welt ist in dieser Region 25 tausend Meilen rund. Wenn eine Yacht nur, und das ist heute die unterste Grenze, eine 24-Stunden-Strecke im Schnitt von 100 Meilen macht, dann ist nach Adam Riese in 250 Segeltagen rum, die übrige Zeit, nämlich 1000 Tage liegt sie im Hafen oder meist von Anker. Wenn wir ehrlich uns selbst gegenüber sind, handelt es sich also bei unserer Yacht nicht um eine Fahrtenyacht, sondern um eine Wohnyacht. Und da bringt die Stromerzeugung unterwegs gar nichts. Bezahlen werden Sie aber für diese nutzlose Anlage der Stromerzeugung (vom Fahrtverlust mag ich gar nicht reden) mit zentnerschweren (und sündteuren) Batterien, was besonders bei einem Kat wortwörtlich erheblich ins Gewicht fällt. Und dass der Elektroantrieb so unproblematisch ist, wage ich zu bezweifeln. Ich hab mich mal mit dem Chefingenieur der MS Europa unterhalten, wo ebenfalls mit elektrischen Antrieben Fahrt gemacht wird. Er meinte zu meiner Verwunderung, dass die Elektrik viel mehr Probleme und Wartungsarbeiten verursacht als die bis dahin benutzen Turbinen.

Sie schreiben von zwei mal 22-KW-Antrieben. Haben Sie sich überlegt, welchen gewaltigen Generator Sie an Bord haben müssten, um Ihrem Kat eine passable Geschwindigkeit zu verleihen? Und ob Sie für ein solches Monstrum auf Ihrem Kat gewichtsmäßig den idealen Platz finden werden, bezweifle ich. Auf dem Brückendeck? Und die Batterien, wiegen ja auch viele hundert Kilogramm, wenn Sie weiter Ihre Idee des elektrischen Antriebs aus dem Stromspeicher verfolgen. Sie werden also so einen Antrieb nicht in Ihr Fahrtenschiff reinbauen. So brauchen Sie sich also keine Gedanken darüber machen, wer Ihr System bei einer Störung auf einer abgelegenen Insel warten könnte. 

Übrigens hat eine Katherstellerin schon vor ein paar Jahren einen elektrischen Antrieb (ohne die von Ihnen erwähnte Stromversorgung angeboten. Einer der unglücklichen Eigner hat im Internet gejammert, dass er dieses ...(folgt: Fäkaliensprache) System wieder rausgeschmissen hat. Die finanziellen Verluste dürften gewaltig gewesen ein.

Noch was zum Nachdenken: Der SPIEGEL hat mal darauf hingewiesen, dass für die Energie eines gewöhnlichen Autotanks einer Batterie entspräche, die Garagengröße haben müsste. Und neulich hab ich gelesen, dass ein Hybrid-Auto mit einer Reichweite aus dem Verbrennungsmotor von 500 Kilometer bei reinem Elektrobetrieb immerhin eine Reichweite von 25 Kilometer. Aber nur, wenn der Strom schonend eingesetzt wird. Und noch was Trauriges: Ein Bekannter hat ein Jahr lang seinen 12-Meter-Kat umgerüstet auf Elektroantrieb. Der erste Schlag führte ihn in eine 4 Seemeilen entfernte Marina. Dort hat er dann enttäuscht ein Schild an seine Yacht gehängt: "For Sale!"

 

Aufzuklären ist: Da wird mir im Internet (wo sonst?) vorgeworfen, dass ich zwar den Elektroanterieb auf Langfahrtyachten verteufele, dass ich aber andererseits als Referenten bei meinen Blauwasserseminaren mehrfach die netten Annett und Sven von der RAROIA (Foto) auftreten hab lassen, die - beachtlich - mit einer Elektroyacht die Welt umrundet haben. "Was ja wohl ein Widerspruch ist!" Gar nicht! Die beiden haben sich für diesen Antrieb aus Kostengründen entschieden und weil Sven von Berufs wegen eine Affinität zur Elektrizität hat. Außerdem sind die beiden in jeder Hinsicht so bescheiden, dass sie sich mit den objektiv geringen Leistungen eines batteriegetriebenen Elektroantriebs begnügt haben. Was sicher nicht jedermanns Sache ist. So war deren Weltumsegelung eine Leistung zum Hutziehen. Im Übrigen ist obige Argumentation absurd, denn genauso hätte ich einen Yachtsmann präsentieren können, der ganz ohne Maschine um die Welt gesegelt ist, was ja bis in die 60er Jahre nichts Außergewöhnliches war. Kaum ein Langfahrtsegler würde heute auf eine Maschine verzichten, wenn er sich einen Diesel leisten könnte. 

Mit freundlichen Grüßen

Bobby Schenk

 

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