YACHT-Leser fragen, Bobby Schenk antwortet


5.1.2015

Hallo Hajo,

das sind die ersten Worte in meinem schon vor 30 Jahren erschienenen Buch YACHTNAVIGATION (Delius Klasing - 7. Auflage) Sie wurden gesprochen im Jahre 1579, vor mehr als 400 Jahren und haben heute und für alle Zukunft Gültigkeit. Die geeignete(!) Richtung ist bei der Seefahrt,  wie auch sonst, kinderleicht zu ermitteln. Man legt auf der Seekarte (Papier oder Elektronen) ein Lineal vom Schiffsort zum Ziel, und segelt dorthin, bis man auf Land trifft oder aus anderen Gründen nicht weitersegeln möchte. Für die zigtausend Leser dieser Zeilen eine höchst einfache Aufgabe.

Jahrtausende lang war das eigentliche Problem in der Navigation, dass man seinen Schiffsort gar nicht oder nur sehr ungenau bestimmen konnte. Navigierte man mit Hilfe der Gestirne konnte man den Schiffsort nur zu bestimmten Zeiten bestimmen. Da aber der Schiffsort jederzeit(!) bekannt sein muss, um den jeweils richtigen Kurs zu steuern, behalf man sich mit der Koppelnavigation.  Ihr Prinzip war simpel und man tut gut daran, sich gelegentlich ihrer zu erinnern. Vom letzten bekannten Schiffsort wurde der seitdem abgelaufene Kurs in die Papierseekarte eingezeichnet und darauf die abgelaufenen Seemeilen abgetragen. Schon war der neue, der geschätzte (oder wie der Fachmann sagt: der "gegißte") Schiffsort fertig. Und von da an wurde wie gehabt weiternavigiert. Die "Koppelnavigation" war damals geradezu das zentrale Thema in allen Navigationsbüchern.

Heute liest man den Schiffsort jeweils einfach am GPS ab, er steht ja immer und fortlaufend zur Verfügung - Problem gelöst! Deshalb ist es nicht mehr notwendig, ihn zu koppeln. Eine Aussage, die von vielen Navigatoren aus der Vor-GPS-Zeit aus guten Gründen kritisiert wird, das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Denn ersatzlos gestrichen ist die Koppelnavigation nicht. Sie muss zumindest durch eine kurze Plausibilitätsprüfung, die sich in Gedanken abspielen kann, ersetzt werden. Kann die GPS-Position stimmen, passt sie zum vorangegangenen Schiffsort und dem abgelaufen Kurs bei dieser Schiffsgeschwindigkeit ? Wenn nicht, was ist dafür verantwortlich? Der Strom (wahrscheinlich), die Abtrift (aber die sollte ja bekannt sein), Steuerfehler (übermüdeter Mann oder kaputter Automat)) und so fort! Wo sich diese Prüfung abspielt, auf der Seekarte aus Papier oder mit der grafischen Darstellung auf dem Notebook, ist egal. Aber sie sollte immer durchgeführt werden und ein guter Navigator wird möglicherweise nicht darüber sprechen, aber prüfen wird er - fortlaufend. Er wird auf Frage des Skippers deshalb auch immer den Schiffsort nennen können. Immer! Das ist Navigation!

Selbst wenn die heutigen PCs, auch die Notebooks, Phantastisches leisten, sie können aus vielerlei Gründen kaputtgehen. Deshalb sollte, ja muss, in einem solchen Fall ein Backup-System zur Verfügung stehen, ein allgemeiner Grundsatz in der Navigation. Das kann ein zweites, elektrisch unabhängiges Notebook, oder auch - billiger und besser - eine Papierseekarte sein. Die muss von der Papierqualität her nicht perfekt sein, sie ist ja nur Notbehelf. Darum, wenn man sich die Kosten für teure Seekarten sparen möchte, reicht es auch, die elektronische Seekarte vor Törnbeginn auszudrucken.

Die Probleme, die Sie angesprochen haben, existieren in der Praxis nicht. Denn man wird ja nicht alle Törns der nächsten Jahren ausdrucken, sondern höchstens die detaillierte(!) Strecke vom momentan anstehenden Törn. Und dann ist es egal, ob man die Ausdrucke mit Folie versieht, oder sonst wie schützt. Sie müssen ja nur die nächsten dreißig Tage oder so überdauern.

Selbst das staatliche BSH (Bundesamtes fuer Seeschifffahrt und Hydrographie) erklärt elektronische Seekarten heute für zulässig. Bei gewerblichen Fahrzeugen müssen diese allerdings gewisse Voraussetzungen erfüllen, ausdrücklich genehmigt sein. Für die Sportschifffahrt gibt es keine Vorschriften, wie die Navigation durchzuführen ist. Aber kann es deshalb jeder machen, wie er lustig ist? Von Gesetzes wegen, ja, aus Gründen der Seemannschaft - ungern bring ich hier diesen so diffusen Begriff, aber es gibt nichts Besseres - nein! Die Mindestanforderungen werden immer sein: Exakte Schiffsortbestimmung, Plausibilitätsprüfung und daraus folgend: Kursfestlegung. Dass bei der Benutzung von Papier keine Übersegler (das sind Karten, die ein riesiges Gebiet abdecken) zur Navigation benutzt werden dürfen, ist wohl jedem der zigtausend Leser dieses Artikels klar. Denn wie kann ich den Kurs von Bequia nach Trinidad bestimmen, wenn links auf dem Papier Panama und rechts die Kapverden drauf sind. Zudem besteht bei Überseglern immer die Gefahr, dass winzigste Details, Riffe und so, gar nicht abgebildet werden können, weil sie höchstens nur noch Pünktchen auf dem Papier wären. Deshalb finden sie in jedem Navigationsbuch für Anfänger die Warnung, dass aus Sicherheitsgründen Detailkarten benutzt werden müssen(!).

Ob ich nun den Übersegler benutze oder auf der elektronischen Karte rauszoome, das heißt, das abgedeckte Gebiet vergrößere, kommt aufs Gleiche hinaus: Details können verschwinden. Wenn man also elektronische Karten benutzt, dann muss man man auch fähig sein, mit diesen elektronischen Hilfsmitteln umzugehen. Gleiches gilt für jede Technik, und es gilt umso mehr, wenn einem Menschen anvertraut sind. Aus aktuellem Anlass ist hier der Name VESTAS natürlich nicht zu vermeiden. Bei diesem Kapitalcrash auf einen Inselarchipel einer mit Vollprofis besetzten Segelyacht fällt immer wieder der die Fakten verwischende Ausdruck "Zoomfaktor". Der aber weist darauf hin, dass eben der Übersegler auf dem Bildschirm zur Navigation (vor Antritt des Törns, wie der Navigator betont hat) benutzt wurde. Ein fundamentaler Fehler! Aber noch was anderes lässt sich aus den Angaben der Schiffsführung rauslesen. Die Plausibilitätsprüfung, erst recht eine Koppelnavigation, kann gar nicht stattgefunden haben, denn auf einem Übersegler würden die Pünktchen, welche die Schiffsorte bezeichnen, viel zu nahe beieinander liegen, um daraus Rückschlüsse ziehen zu können. Man müsste dabei zwangsläufig auf detailliertere Karten, Papier oder Elektronik, das ist gleichgültig, ausweichen. Und dann würde einem die Gefahr auf dem gewählten Kurs entgegenleuchten.

Der Navigator der VESTAS hat erklärt:

"Ich kann euch versichern, dass wir vor jeder Etappe sehr fleißig unsere Route studieren, und ich benutze sowohl Google Earth, Papierkarten und andere Werkzeuge. Aber unsere geplante Route änderte sich kurz, bevor wir ablegten, und mit dem Fokus auf den Start und die heiklen Bedingungen nahm ich fälschlicherweise an, dass ich genug Informationen mithätte, um die Änderungen zu studieren, während wir unterwegs sind.":

Ehrlich, aber nicht sehr klug gewählt waren diese Worte.

Aus dieser - inzwischen gelöschten - Erklärung ergibt sich nämlich, dass auf der VESTAS nicht schlecht, sondern dass dort zur Unfallzeit und Stunden zuvor gar nicht navigiert wurde.

Dazu passt, dass der Navigator selbst angegeben hat, dass er zur Erklärung erst mal seine beiden Notebooks befragen müsse und zur Zeit des Unglücks, das immerhin neun Menschen in Lebensgefahr gebracht hat, geschlafen habe. Und dass der Skipper bei der Frage der Verantwortlichkeit ursprünglich auf seine "Abteilung", also auf den bemitleidenswerten Navigator verwiesen hat.

Aus Kreisen, die sich fürs Regattasegeln besonders interessieren, hier insbesondere von Jollenseglern, werden Kritiker auf einen zukünftigen Untersuchungsausschuss verwiesen. Nun, im Falle eines beispielsweise vom Navi fehlgeleiteten Geisterfahrers auf der Autobahn, brauch ich keinen Untersuchungsausschuss, um für mich zu einer Beurteilung zu kommen. Und im Falle der VESTAS ebenfalls nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Gutachter von der Leitung der Regatta, also quasi von der eigenen Partei selbst eingesetzt werden.

Und dem weiteren Vorwurf seitens dieser Kreise, beim Regattasegeln würden eben andere Maßstäbe herrschen, und man solle das nicht so eng sehen, halte ich den allgemein gültigen Satz entgegen:

"Sicherheit hat stets oberste Priorität."

(Übrigens, diesen bemerkenswerten Satz hab ich wortwörtlich nach dem Unfall der VESTAS gefunden in der Pressemitteilung von Volvocars zum aktuellen Volvo-Race)

Mit freundlichen Grüßen

Bobby Schenk

 

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