YACHT-Leser fragen, Bobby Schenk antwortet


5.10.2015

Sg.Herr Pötschner.

Nein, so wie Sie sich das vorstellen, funktioniert Ankern nicht. Im Gegensatz zu einem Hafenmanöver, wo es ja letztlich darum geht, eine Yacht für eine bestimmte Aufenthaltsdauer "einzuparken", bleibt die Yacht vor Anker zwar nicht "in Fahrt", doch bedarf sie der ständigen Aufsicht durch die Besatzung. "Ankerwache" nennt man das. Das heißt aber nicht, dass eine Yacht, die in der Türkei im Hochsommer bei beständigem Wetter in Sichtweite vom Restaurant aus ankert, nicht für ein paar Stunden allein gelassen werden darf oder ständig beobachtet werden muß.

Man kann eine Yacht vor Anker nicht auf bevorstehende Winddreher so vorbereiten, dass diese dann mit wechselnden Winden sicher allein fertig wird. In stromlosen Gewässern wird sich eine Yacht immer in Richtung Wind legen und dementsprechend muß dann der Anker in Vorausrichtung im Grund sein. Deshalb fährt man den Anker ja auch mit Rückwärtsfahrt der Maschine ein.

Alle gebräuchlichen Anker, die international von erfahrenen Yachtbesatzungen verwendet werden  (siehe in meinem Buch ANKERN), sind so konstruiert, dass sie sich in Zugrichtung der Kette/Trosse möglichst zuverlässig eingraben. Die Betonung liegt auf "möglichst". Denn niemals kann mit letzter Sicherheit garantiert werden, dass sich ein auf dem Grund liegender Anker beim ersten Aufkommen der Zugkraft auch wirklich im Grund (und nicht an einem Stein oder Ähnlichem) festbeißt. Hier liegt auch das Problem mit Winddrehern (oder Stromkenterungen), die in Zukunft zu erwarten sind.

In der Praxis wird man immer ganz  normal in Windrichtung vor Anker gehen, und dann bei einer starken Winddrehung beobachten, ob der Anker die Drehung mitgemacht hat, dabei aus dem Grund ausgebrochen ist  und sich dann in neuer Richtung durch den Zug der Yacht wieder eingegraben hat ("peilen, loten, klaren").

Was anderes ist es, wenn man bei gutem windarmen Wetter mit Winddrehern oder einem Wetterumschlag rechnen muß. Dann kann es ausnahmsweise angebracht sein, den Anker mit Maschinenhilfe in der erwarteten(!) Wind-Richtung einzufahren. Man muß sich aber im Klaren sein, dass vor dem Wetterumschwung der Anker seine volle Haltekraft nicht entwickeln kann, denn er liegt ja zunächst nicht in der Zugrichtung, seine Haltekräfte sind in Nähe "null". Die Gefahr liegt auch darin, dass man den für eine bestimmte Zugrichtung eingegrabenen Anker mit wenig Zug aus einer anderen Richtung wieder leicht aus dem Grund hebeln kann, bevor es zur Winddrehung kommt. Es sei denn, man legt die Yacht mittels eines zusätzlichen Verwarpankers von vorneherein in die erwartete Richtung.

Wenn der erwartete Winddreher in der Richtung nicht allzusehr vom bisherigen Wind abweicht, kann man mit einem zweiten Anker hier Vorsorge treffen. Dadurch wird der Schwojkreis klein gehalten. Aber man darf nicht erwarten, dass dann beide Anker tragen.

Wenn sie erreichen wollen, dass das Ankergeschirr in allen Windrichtungen halten soll, dann müssen sie es "vermuren". In diesem Falle ist es gleichgültig, von welcher Seite der Wind kommt oder der Strom setzt. Dieses vergleichsweise umständliche Manöver ist aber nicht gedacht für Fälle, wo sie mal eben für die Nacht oder auch einen Restaurantbesuch an Land vor Anker gehen wollen, sondern für einen permanenten Liegeplatz, der zusätzlich noch unter Stromeinfluß steht - selten im Mittelmeer, in englischen Gewässern die Regel.

Wer unter allen Umständen ganz sicher gehen will, achte darauf, dass sich ständig an Bord eine Ankerwache befindet.

Mit freundlichen Grüßen

Bobby Schenk

 

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