Besucher fragen, Bobby Schenk antwortet


25. Juli 2016

Lieber Namensvetter,

doch eine Antwort auf beide Fragen habe ich schon vor vielen Jahren in meinen Büchern BLAUWASSERSEGELN und FAHRTENSEGELN gegeben. An dieser meiner Meinung hat sich im Laufe der Jahrzehnte nichts geändert, und schließlich bin ich auch durch mehr als 99 Prozent der Bootsindustrie bestätigt worden: Außer der französischen Werft AMEL baut nämlich keine mir bekannte Werft mehr Zweimaster - von ein paar Exoten weltweit mal abgesehen. Dass die eher konservativen Amel-Leute immer noch diesem Konzept anhängen hat im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens gehen Amel-Schiffe praktisch nie in den Charterbetrieb, weil zu hochwertig und damit zu teuer, und zweitens liegt dies am geistigen Erbe des großen Werftgründers Amel, der vor vielen Jahren selbst mit einer Ketsch auf Blauwasserfahrt unterwegs war, was ihn für Mehrmaster für den Rest seines Lebens von Ketschen überzeugt hat.

Dass es überhaupt unter den Yachten Typen mit mehr als zwei Masten (Ketsch, Yawl, Schoner) gibt, ist historisch bedingt. Bis in die 50er Jahre gab es auf Yachten kaum Winschen. Das war nicht weiter schlimm, denn die damaligen Yachtsleute steuerten meistens kleine Schiffe (über 10 Meter galt schon als riesig) und bedienten die Segel mittels Taljen. Dem waren natürlich bei größeren Segelflächen Grenzen gesetzt. Und so unterteilte man sie, wenn es mal über 10 Meter über alles ging, sehr häufig auf mehrere Masten. Heute aber verfügt jede Yacht über leistungsfähige Zwei- oder gar Drei-Gang-Winschen, die auch bei großen Segelflächen keine übermäßigen Kräfte erfordern. Und wenn auf ganz großen Privat-Yachten mal riesiges Segeltuch bedient werden muß, dann bieten viele Werften elektrische oder gar hydraulische Winschen an. Eine bekannte Werft für Langfahrtyachten geniert sich nicht, hier von "Knopfdrucksegeln" zu sprechen.

Der Hauptgrund für mehrere Masten ist also im letzten halben Jahrhundert weggefallen. Ich bin überzeugt, dass die Segeleigenschaften einer Ketsch gegenüber einer Sloop niemals ein Argument für Mehrmaster war. Ganz im Gegenteil, ausser auf idealen Raumschotskursen kann eine Ketsch oder gar eine Yawl den Trumpf von mehreren Segeln ausspielen. Meist ist der zweite Mast (Besan) überflüssig, wie man häufig beobachten kann, wenn man eine Ketsch unter Segel trifft, aber mit aufgetuchtem Besansegel.

Trotzdem, es gibt unter den Langfahrtyachten auf den Weltmeeren vereinzelt Mehrmaster. Daran erkennt man dann sofort das ältere Entstehungsjahr der Yacht. Der Hauptgrund hierfür ist wohl der, dass diese Segler meist aufs Geld schauen müssen, sich trotzdem die große Segelei dann leisten können, weil sie sich mit einem Second-Hand-Schiff älteren Datums begnügen.

Warum überhaupt in den 60er- und 70er-Jahren gar nicht selten von den Kunden Ketschen, ganz selten Yawls, gewünscht waren, hängt sicher auch damit zusammen, dass damals eben ein Zweimaster mehr nach großem Schiff aussah, was man auch zeigen wollte. Meine 15-Meter-Yacht THALASSA II, die uns fast vier Jahre lang ein Zuhause war, Kap Hoorn von Tahiti von der offenen See kommend umrundete, im Charterdienst tätig war und später nochmals um die ganze Welt segelte, war ursprünglich (1978) als Ketsch von der Werft angeboten worden. Auf meinen Wunsch, den Besan wegzulassen, den Mast einen Meter zurückzusetzen und mir für den fehlenden Besan eine Gutschrift zu geben, ging die Werft ohne lange Diskussionen ein. Ich hab dies keine Sekunde lang bereut, es war eine meiner besten Ideen.

Die Frage nach dem Bordnetz mit den "24 Volt" hat durchaus ihre Berechtigung. Die Physik spricht hier mit: Denn grundsätzlich wäre es wünschenswert, die Spannung so hoch wie nur möglich zu wählen.

Leiten wir durch einen langen Draht Strom mit einer Spannung ("Druck") von genau 12 Volt, so können wir am anderen Ende der Leitung feststellen, dass nicht mehr genau 12 Volt ankommen, sondern etwas weniger. Man nennt dies den „Spannungsverlust“. Er ist prozentuell um so größer, je niedriger die Spannung und je kleiner der Durchmesser der heute ausschließlich gebräuchlichen Kupferleitung ist.
 
Danach wäre es günstiger, 24 Volt als Bordspannung zu wählen. Viele Geräte, die für den Autofahrer hergestellt und deshalb wegen der Massenfertigung besonders preiswert sind, könnten wir aber dann nicht mehr an Bord verwenden. Ja, für manche Bootsmaschinen gäbe es gar keinen geeigneten Starter mehr, denn diese sind nahezu ausnahmslos für 12 Volt ausgelegt. Wir schließen deshalb den Kompromiss und wählen für unser Bordnetz 12 Volt. Um den Spannungsverlust gering zu halten, verwenden wir als Leitungen zu den elektrischen Verbrauchern möglichst dicke Drähte. Das ist zunächst etwas teuer, doch handelt es sich hier um eine einmalige Ausgabe. 2,5 mm Durchmesser als untere Grenze wäre ideal. 
 
Der Mindestquerschnitt für elektrische Leitungen lässt sich nach folgenden Formeln mit dem Taschenrechner oder, was nicht alle wissen, mit Google (Formel in die Suchzeile eingeben!)  leicht ausrechnen, wenn man davon ausgeht, dass bei den meisten Geräten der zulässige Spannungsabfall 5% (bei Positionslampen 2%) beträgt und bei der Länge des zweiadrigen Drahtes beide Adern berücksichtigt werden müssen. So kann man leicht nachprüfen, wie groß bei einem 20-Meter-Schiff und einer 3500-Watt-Ankerwinde der  Kabeldurchschnitt bei 12 Volt sein müsste. Man käme hier auf illusorische Werte. Die Konsequenz: Auf großen Yachten finden sich fast ausnahmslos keine 12-Volt-Anlagen mehr: 24 Volt oder hydraulisch.

Bobby Schenk

 

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