Besucher fragen, Bobby Schenk antwortet


24.04.2017

Hallo, Annegret Dorn, bitte seien Sie unbesorgt. Ich verdrehe weder die Augen, noch werden mir Ihre Kleidersorgen irgendwelche Unmutsäußerungen entlocken. Ich kenne ja diese Kümmernisse; schließlich bin ich seit 52 Jahren verheiratet.

Aber nun Spaß beiseite, fangen wir mit der "zweckmäßigen" und nicht mit der modischen Kleidung an.Woran diejenigen (vor allem Männer), die eine größere Langfahrt vorbereiten und sich auf das freie unabhängige Leben freuen, zunächst nicht denken, ist die Kleidung an Land in den Tropen. Denn selbstverständlich besteht die Garderobe aus T-Shirts und Shorts. Das ist klar. Aber es gibt für jeden Yachty eine Ausnahme, was die Kleidung betrifft: Die Rede ist von den unbeliebten, aber unvermeidlichen Besuchen bei Behörden.

"Aber geh, heute sieht man das ja nicht mehr so eng". Mag sein, dass das für jüngere Beamte in ihren Immigrations-Büros gilt, auch wenn gerade die in schmucken Uniformen daherkommen, doch bei den höheren Dienstgraden (und damit bei den Älteren) bin ich mir nicht ganz sicher, dass der Schuss nicht nach hinten losgeht, wenn der Skipper beispielsweise in Röhrenjeans mit bleistiftgroßen Löchern daherkommt. Der Beamte mag dies nämlich nicht als ein modisches Accessoire ansehen, sondern vielleicht denken: "Was ist denn das für eine komische Gestalt, die da in Lumpen auf Flipflops daherschlurft?" Verhandlungen wegen eines besser gelegenen Liegeplatzes oder gar wegen einer Visumsverlängerung sind dann nicht sehr aussichtsreich. Noch vor ein paar Jahren hat sich in Übersee ein Segler im deutschen Konsulat gemeldet und beschwert, dass ihm die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung verweigert wurde. Auf Nachfrage wurde der Grund für die Ablehnung bekannt gegeben: "Heruntergekommenes Aussehen und zu lange Haare".

Ich (nicht unbedingt ein "Kleidermensch") bin übrigens solchen Schwierigkeiten von vorneherein aus dem Weg gegangen, indem ich meine Frau Karla kurzerhand in die Papiere als "Skipper" eingetragen habe und sie die Behördengänge ein bisschen aufgebrezelt und daher recht erfolgreich übernommen hat.

Die Kleidung unterwegs hängt naturgemäß davon ab, in welchen Gegenden Sie sich herumtreiben werden und wie groß Ihre Yacht sein wird. Denn je kleiner, umso feuchter wird die unvermeidliche Segelei. Sie träumen wahrscheinlich, wie die allermeisten, von einer längeren Fahrt in den Tropen . Aber denken Sie daran, dass Sie erst mal dahin kommen müssen. Das heißt, noch in der Gegend der Kanaren kann es auch im Hochsommer auf Nachtwachen bitter kalt werden. Dann gilt es, warme Unterwäsche anzuziehen. Thermokleidung, wie sie für Wintersportler angeboten wird, ist ideal. Dazu eben dicke Pullover. Besonders geachtet werden muß auf die kälteempfindlichen Nieren. Hierzu sind nach meiner Meinung unumgänglich (und wurden von uns immer getragen) Nierenschützer aus Lammfell - bitte nicht aus Kunststoff, sondern aus elastischer Naturfaser, wie sie übrigens früher beim italienischen Militär zur Grundausrüstung der Soldaten gehörte.

Viele machen sich in erster Linie Gedanken ums "Ölzeug". Tatsächlich kommt diese "Kleidung", wenn man mit dem Passat dahinsegelt, eher selten, weil unbequem, zum Einsatz. Meistens wird man nämlich vor achterlichen Winden unterwegs sein, wo es im Cockpit relativ warm bleibt. Da wäre Schwerwetterbekleidung viel zu unbequem. Aufs nasse Vorschiff müssen wir bei unseren modernen Riggs unterwegs nicht mehr. Selbst in härteren Gegenden kommt das Ölzeug nur noch selten zum Einsatz. Im Cockpit unserer nicht mehr so kleinen Yachten, vor allem beim Centercockpit, ist es vergleichsweise trocken und warm, wenn man nachts Faserpelzanzüge trägt - wie wir es jahrelang, auch in den brüllenden Vierzigern gehandhabt haben.

Wenn "Ölzeug" (ich nenn diese Kleidung mal so, auch wenn sie mit den ölgetränkten Kleidungstücken damaliger Zeiten nichts mehr zu tun hat), dann bitte am besten zweigeteilt und nicht die sperrigen (und teuren) Gesamtkombinationen, deren Nachteile besonders dann evident werden, wenn man sich bei schlechtem Wetter unten in der Kajüte zum Ausziehen breitmachen muss, um die Toilette aufzusuchen. Viel praktischer sind Ölzeughosen, die aber bis unter die Achseln reichen müssen, um den Schutz der Nieren beim stundenlangen Wachegehen zuverlässig zu gewährleisten. Kommt Wasser über oder von oben, ist der altmodische Südwester den heutigen Kapuzen am Ölzeug immer noch überlegen, denn vor allem Brillenträger sind von seiner Krempe viel besser geschützt. Der Hauptvorteil aber ist der Hals, welcher freibleibt. Denn wenn wir am Ruder stehen und vor dem Wind nicht dem Windinstrument ergeben vertrauen wollen, dann ist das sensibelste Organ, um den Wind und vor allem seine Richtung zu spüren, der unbedeckte Hals, der deutlich signalisiert, wann eine Halse droht.

Beim Schwerwettersegeln können Sie vielleicht noch folgende Taktik beim Umgang mit Ölzeug in Erwägung ziehen: Als Karla und ich wochenlang in den brüllenden Vierzigern mit entsprechend schwerem Wetter herumsegelten, haben wir fast nie Ölzeug getragen. Im Cockpit war es vor allem dank eines dahinblubbernden Petroleum-Campingofens - siehe Foto - im Faserpelz hinreichend warm und durch die "Kuchenbude" wettergeschützt. Wenn wir aber zum Segelwechsel und Reffen mangels Rollfocks aufs Vorschiff mussten, haben wir uns bei Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt splitternackt ausgezogen, haben dann auf dem Vorschiff vor allem bei überkommender Gischt energisch zugegriffen (bei sperrigen Dacronsegeln wird es einem dann schnell warm) und so in wenigen Minuten die Arbeit erledigt. Zurückgekommen im Cockpit wurde eine kurze Süßwasserdusche genommen und sich abfrottiert. Wenige Minuten später saßen wir dann wieder gemütlich im Faserpelz im Cockpit herum, oder haben uns (natürlich nicht gleichzeitig) wieder in die Koje verzogen. Vorteil: Wir konnten viel schneller aktiv werden und das Schiffsinnere wurde nicht mit Seewasser getränktem Ölzeug für Wochen mit nicht trocknendem Salzwasser infiltriert.

Bei dem genannten Törn (siehe hier) zum und ums Kap Horn hatten wir übrigens auch Überlebensanzüge dabei (siehe Foto von der Anprobe im heimatlichem Pool). Sie kamen, weil viel zu sperrig, nie zum Einsatz.

Noch ein Tipp, den mir vor vielen Jahren ein bekanntes und sehr erfolgreiches Weltumsegler-Paar verraten hat: Wenn man die lästige Nachtwache überstanden hat, oder wenn man sich bei schlechtem Wetter in die Koje zum Schlafen zurückziehen möchte, ist es sehr sinnvoll (kann ich voll bestätigen), sich nicht in der Kleidung oder gar im nassen Ölzeug in die Koje zu hauen, sondern wie zu Hause den Schlafanzug anzuziehen, auch wenn es meist umständlich, ja mühsam ist und einen vor Erschöpfung der Schlaf zu übermannen droht. Die Belohnung für den Aufwand ist fast immer ein tiefer erholsamer Schlaf, bis es ein paar Stunden später wieder heißt: "Du bist dran..." Und es sich anfühlt, als habe man sich erst vor einer Minute hingelegt. Mit besten Grüßen

Bobby Schenk.

 

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