Besucher fragen, Bobby Schenk antwortet


Sehr geehrter Herr Nonnenmacher, 

ohne lange Umschweife - Sie haben vollkommen recht!
Nicht etwa damit, dass ich ein Held wäre, sondern damit, dass ich verdammt leichtsinnig war.

Natürlich muß man sich vergegenwärtigen, dass Langfahrtsegler nicht nur für ein paar Stunden auf hoher See sind, wie gelegentlich Urlaubs- oder Binnensegler, sondern sich 24 Stunden pro Tag auf dem offenen Ozean befinden. Und man kann kaum verlangen dass jemand seine Bewegungsfreiheit aus lauter Vorsicht den ganzen Tag (und die ganze Nacht) mit einem Sicherheitsgurt einengt. Also wird man abwägen, wann der Sicherheitsgurt zu tragen ist, und wann es unnötig ist. Um mal das Extrem aufzuzeigen: Unten in der Kajüte wird man darauf verzichten. Obwohl es durchaus vorstellbar ist, dass man auch dort den Gurt angelegt haben sollte. Zum Beispiel bei Sturm, wenn man damit rechnen muß, unverzüglich an Deck arbeiten zu müssen, also wenn zu erwarten ist, dass man jederzeit aufs Vorschiff muß, um die Segel dort zu klarieren.

Kurzum, man kann nicht, auch nicht bei größter Vorsicht, fordern, dass die Sicherheitsleine ständig unmittelbar einsatzbereit ist. Eine Abwägung wird man - je nach Situation - immer vornehmen. Wenn man es für ausgeschlossen hält, dass man in Kürze den Gurt anlegen muß, zum Beispiel bei bestem Wetter, wenigen Windstärken, ruhiger See, wenn also keine Notwendigkeit besteht, aufs Vorschiff zu stürzen, kann man wohl guten Gewissens schon mal auf das Anlegen des Gurts verzichten.

Dass diese sehr persönliche Risikoabwägung Risiken birgt (wie der Name schon sagt), liegt auf der Hand. Und dass diese Abwägung umso unkritischer und damit gefährlicher wird, je mehr man sich an die Schiffsbewegungen gewöhnt hat, je geschickter man sich beim Bewegen an Deck fühlt, je berechenbarer der Seegang ist, dürfte jedermann einleuchten. Und doch hat sich einer der Erfahrensten (und Sportlichsten) der vergangenen Zeit, nämlich der französische National- und See-Held Eric Tabarly, bei einem Tagesausflug offensichtlich verrechnet, hat die Gefährlichkeit des Segelns in dieser Situation offensichtlich ganz falsch eingeschätzt und hat so – unangeleint - den Tod im kühlen Nass gefunden.

Um solchen Fehlinterpretationen aus dem Wege zu gehen, haben wir, Carla und ich, bei Törns meist bestimmte Regeln aufgestellt. Wir sind zum Beispiel nachts niemals aufs Vorschiff ohne Sicherheitsgurt.

Bei der von Ihnen erwähnten Szene, haben wir(!) sicher im Auge gehabt, wie hoch das tödliche Risiko war, über Bord zu gehen, was bei dieser Konstellation - großes Schiff, mäßiger Seegang, kaum Wind – jedoch vergleichsweise gering schien. Außerdem waren wir, was auch eine gewisse Rolle spielt,  nach langjähriger Erfahrung darin geübt, uns auf dem Schiff sicher zu bewegen. Und mit einer plötzlichen See aus heiterem Himmel war ebenfalls nicht zu rechnen
.

Und doch erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an einen heiteren Tag im Passat bei mäßiger See und gleichmäßiger Backstagsbrise, kurzum bei wunderschönem Segelwetter, als wir beide im Cockpit unserer 10 Meter-Yacht saßen und plötzlich von Achtern eine nicht schlimm aussehende See einstieg und das Cockpit bis zum Rand füllte, sodass wir beide(!) urplötzlich aufschwammen und uns auf der Reling wiederfanden. Diese harmlose und scheinbar absolut ungefährliche See hätte also um ein Haar zum Tode geführt.
Die Grenze zwischen Sicherheitsgurt überhaupt nicht anlegen und diesen immer tragen und(!) einsetzen, muß jeder für sich ziehen. Dass hierbei fehlerhaft abgewogen wird (was man erst im Nachhinein weiß), gehört zum allgemeinen Lebensrisiko.

Lieber Herr Nonnenmacher, heute, 30 Jahre später und älter, verspreche ich Ihnen: Wenn ich das nächste Mal Kap Hoorn umrunde, werde ich ganz bestimmt nicht ohne Sicherheitsgurt an Deck rumlaufen.
Beste Grüße 
Bobby Schenk

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