YACHT-Leser fragen, Bobby Schenk antwortet


Frage von Clemens Graßmann

Hallo lieber Clemens Graßmann,

Ihre Frage ist einerseits sehr einfach zu beantworten - was den Lebensalltag angeht, da haben Sie ja schon das meiste aufgezeigt - andererseits fällt die Antwort bei der Frage nach dem Lebensglück sehr schwer. Probieren wir es trotzdem! Obwohl ich jetzt schon weiß, dass ich dafür auch jede Menge Rüffel einstecken werde.

Warum? Weil viele diesen Traum vom Langfahrtsegeln, eine vermeintliche andere Lebensform, träumen und verklärt und entrückt alles von sich schieben, was sie aus den Träumen zum Erwachen bringen könnte. Weil viele nicht wahrhaben wollen, dass fast alle Blauwassersegler einen sehr hohen Preis dafür bezahlen, so leben zu dürfen. Das Problem dabei: Fast keiner von denen, hat vorher damit gerechnet, war sich dessen bewusst, was für Opfer von ihm verlangt werden. Und nicht wenige bleiben auf der Strecke, erleiden eine Niederlage, die sie ihr Leben nicht mehr wegstecken. Und wenn man sie vorher in bester Absicht gewarnt hatte, dann war man oft in die bekannte Wenns-so-schlimm-ist-warum-segelt-Ihr?-Ecke gestellt.

Jeder Segler kennt den inzwischen wirklich blöden Spruch vom 100-Euro-Schein in der Dusche zerreißen. Der ist so falsch, dass er direkt zum Ärgernis wird. Denn der Preis, den wir alle für unser Leben auf dem Wasser bezahlen, ist viel viel höher, als ein Stoß läppischer Hundert-, nein Tausend-Euro-Scheine.

Es geht schon beim Segeln selbst an. Es ist halt nicht so, wie man es auf den Bildern, ja die mit der hohen Bugwelle, den gefüllten Segeln und dem weißblauen Himmel kennt. Die Realitäten heißen: Seekrankheit, Gegenanbolzen, Angst vor dem Sturm, Nachtwachen, Segelwechseln in der Dunkelheit auf dem Vorschiff gischtüberspült und mit dem Lifebelt gesichert. Unter anderem...

Ich frag mal ganz brutal: Wenn das Segeln so schön wäre, wie viele tun, dann wären doch die Ankerplätze der Langfahrtsegler um neun Uhr morgens leer, weil alle beim Segeln sind? Tatsache ist, dass kaum jemand einen Ankerplatz verlässt, weil er geil aufs Segeln ist! Nein, er segelt dann ab, wenn er ein Ziel erreichen möchte, wenn er segeln muss.

Lange bevor ich das Glück hatte, auf Langfahrt gehen zu dürfen, hab ich mal in einem Segelbuch (es war von einem ganz Großen, nämlich von Eric Hiscock) gelesen, dass dieser einen beschriebenen Tag als einzigen während einer ganzen Weltumsegelung ansah, an dem Segeln "richtig schön" gewesen sei, so wie man sich das in seinem Träumen vorstellt. Mit diesem Satz konnte ich damals nichts anfangen, ich glaubte an einen Druckfehler.

Aber dann kommt der Moment, wo man nach einer Ozeanüberquerung Land am Horizont sieht und einem in Sekunden bewusst wird, dass man alle Opfer (nicht nur die finanziellen) für diesen Moment gebracht hat und in dem man spürt, dass man für diese Momente auch lebt. Und dafür auch manch frustrierenden Alltag in Kauf nimmt.

Sie haben es ja schon in ihrer Frage formuliert, wie der Alltag aussieht. Fast immer so, dass man seinem Boot dient - um das Wort "Sklave" zu vermeiden. Denn, ganz klar, das Schiff, die Yacht, ist Lebensmittelpunkt beim Langfahrtsegeln. Es ist ja nicht nur Unterkunft, sondern soll uns ja auch sicher über die Weltmeere bringen. Und dafür muss es in Schuss sein. Zuständig hierfür ist nicht die Werkstätte, die Werft, nein, das sind wir. Denn an den meisten exotischen Plätzen gibt es gar keine Werkstätten, selbst, wenn wir die bezahlen könnten.

Werften leben von den Träumern. Die arbeiten ein halbes Leben, um sich eine (teure) Edelyacht zu kaufen, um dann mit der Technik keine Schwierigkeiten zu haben. Obwohl es hunderte von Weltumseglerberichte gibt, in denen vom Joch der Yacht geschrieben wird, man glaubt es nicht. Und die Werften und Verkäufer tun das Übrige: "Früher hatten wir da mal Schwierigkeiten, aber schließlich sind wir jetzt im 21.Jahrhundert..."

Ganz falsch! Keine Milchmädchenrechnung: Der Urlaubssegler fährt mit seiner Yacht, sagen wir in der Ostsee, vielleicht um die 500 Meilen im Jahr. Ein Langfahrtsegler kommt im Jahr leicht auf zehntausend Meilen, das zwanzigfache. Viele Meilen machen auch viel kaputt, erst recht, wenn die Meilen unter härteren Bedingungen als in einem vergleichsweise "harmlosen" Revier gesegelt werden. Also wird der Zeitaufwand für die Instandhaltung das Zwanzigfache sein von der Arbeit des Freizeitseglers im Frühjahr, im Herbst und auch mal dazwischen. Man gehe mal abends in eine Hafenkneipe, die von Fahrtenseglern frequentiert wird. Meist ist da nicht die Rede von den Traumtörns, sondern von den letzten Reparaturen.

Gestern hab ich dieses Mail bekommen:

"... gab es aber auch allerhand am Boot zu reparieren: Das Unterwasserschiff mußte bis zum Gelcoat abgeschliffen und neu aufgebaut werden, die Fußreling musste ersetzt werden, das Ruderlager war ausgeschlagen, alles Pfusch der Werft. Daneben noch viele Verbesserungen und kleine Reparaturen und Wartungsarbeiten, wir waren den letzten Monat nur am rotieren. Aber nun ist fast alles erledigt, und wir hoffen, es uns auf den Pazificinseln..."

Und vorgestern erreicht mich diese Post:

"Wir sind wieder an Bord und alle sind wir sehr frustriert. Irgendwie scheint ein Schiff in den Tropen doppelt zu leiden, wenn niemand an Bord ist. Vor allem uns Frauen stehen oft die Tränen in den Augen. Aber wenn man dann hört, wie die Situation auf dem Nachbarschiff ist, dann geht es einem richtig gut! Wolfram hat heute 60 Liter Süßwasser aus seinem Schiff gepumpt und weiß nicht wo es her gekommen ist! Alles ist grün und modrig. Die Algen haben dann auch noch seine Pumpe verstopft.

Bei uns war bisher "nur" die Waschmaschine kaputt (Gummiband in der Pumpe, der Skipper konnte es reparieren!) und unser Radio incl. CD Player hat nach 2 Stunden Betriebszeit keinen Mucks mehr gesagt, - war bisher nicht zu reparieren. Dietrich von der ... hat an seinem Min/max Thermometer in unserer Abwesenheit 43° Maximum im Schiff gemessen + Luftfeuchtigkeit und er meinte, daß das natürlich die Elektronik nicht aushält!"

Und heute hab ich das gelesen:

"...um die Welt zu segeln, bedeutet nichts anderes, als an den exotischsten Plätzen der Welt sein Schiff reparieren zu müssen...

 

Sind die Unterhaltsarbeiten erledigt, dann kommt das Managen einer Yacht, also das Verproviantieren, die Behördengänge mit Feilschen um eine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung, die Törnplanung. Und dann, vielleicht noch ein paar Ausflüge. "Aber nicht zu weit weg. Wir lassen unsere Yacht ungern unbewacht..."

Alles für den Traum vom nächsten Törn, und für die herrlichen Tage an den Ankerplätzen. Wenn wir das Glück haben, einen geschützten gefunden zu haben, der uns ruhig schlafen lässt...

Bei einer durchschnittlichen Weltumsegelung von 4 Jahren werden rund 35000 Meilen zurückgelegt. Eine Fahrtenyacht braucht dazu rund 300 Tage. 300 Tage aus rund 1500 Tagen macht also eine Segelzeit von 20 Prozent. So sehen die Fakten aus.

Sie sehen, wir bezahlen einen hohen Preis. Und ich mag die Leute nicht, die dieses Leben umsonst bekommen wollen. Oder die: "Ihr liegt ja den ganzen Tag in der Sonne, aber wir hier, im Berufsleben..." Es gibt Tage, ganz offen gesagt, da sehn ich mich nach dem geordneten Leben im Büro zurück, mit Datumsstempel und so.

Der Mensch vergisst schnell. Und in der Erinnerung verklärt sich vieles. In der Zeitschrift Cruising World wurde mal diskutiert, wie schwierig für einen Langfahrtsegler die Rückkehr ins "Zivilleben", also seine Resozialisierung sei. (In Wirklichkeit ist das der leichteste Teil beim Langfahrtsegeln.)

Darell Nicholson hat in einer sehr humorvollen Art eine Lebenshilfe für die "Rückkehrer" in Form von 10 goldenen Regeln gegeben. Wenn die Eingliederungsschwierigkeiten unüberwindlich scheinen, würde die Rückkehr ins bürgerlliche Leben gewiss erleichtert, wenn man sich "hautnah" an sein Fahrtenseglerleben erinnert und das geht so:

 

Zehn Rezepte, um sich an die wunderbare Zeit des Langfahrtsegelns realistisch zurück zu erinnern.

1. Stell den Wecker auf 3 Uhr morgens, lauf dann im Regenmantel in den Garten, lass Dich dabei von Deiner Frau mit dem Gartenschlauch bespritzen und schrei: "Es ist Zeit zu reffen!"

2. Zum Frühstück gibt es nur Nescafe und das, was nachts übriggeblieben ist.

3. Bei Unterhaltungen langweilst Du Deine Zuhörer am besten, indem Du ihnen erzählst, dass sich eine Kaltfront nähert. Teil ihnen auch gleich Deine Pläne zum Abwettern des schlechten Wetters mit!

4.Wird das Wetter schlecht, schmeiß Tassen und Teller aus den Schränken auf den Fußboden und kritisier Dich, warum du wieder das Geschirr nicht gesichert hast.

5.Trockne niemals Deine Kleidung vollständig!

6.Fahr mit Deinem Auto vor dem Haus stundenlang vorwärts und rückwärts und diskutiere dabei die Frage, wo der Wagen in der Nacht geparkt wird

7.Wann immer kein Wind weht, stell im Wohnzimmer für Stunden den Rasenmäher an!

8. Wenn Du zum Zahnarzt musst, tipp vorher den Straßenverlauf mit Hilfe von 11 Wegpunkten in den GPS ein.

9. Geh alle zwei Wochen ein paar Mal ums Haus herum, wobei Du mit jeder Hand einen vollen 20-Liter-Dieselkanister trägst.

10.Verbringe einen ganzen Nachmittag im Supermarkt damit, dass Du mit dem Filialleiter einen Preisnachlass für Yachtsleute aushandelst.

Ja, und dann ist da noch die Frage nach dem Lebensglück beim Blauwassersegeln - ohnehin kaum zu beantworten. Eines aber steht fest. Durchs Segeln wird die Persönlichkeit kaum beeinflusst, höchstens, dass nach Jahren auf dem Wasser manche Leutchen aus dem Blickwinkel der Landratte etwas schrulliger werden und so eher zur Zufriedenheit finden. "Der Herr Schmitt bleibt aber der Herr Schmitt, auch wenn er den Atlantik überquert hat." So hat es ein Yachty mal zusammengefasst. Tatsächlich bleibt ein Miesmacher ein solcher auch nach 30000 gesegelten Meilen und ein Optimist wird auch unter dem Eindruck eines Mastbruchs kaum seinen Mut verlieren. Logisch kann letzterer für sich persönlich mehr Zufriedenheit, und damit Lebensglück finden.

Letztlich kann man aber erahnen, dass die meisten Langfahrtsegler einen Teil ihres Lebensglücks daraus beziehen, dass sie zu einem sehr hohen Preis ihr hochgestecktes Ziel nach mehreren Jahren erreicht haben.

Aber ein generelles Rezept zum Glücklichwerden, etwa nach dem Motto "ein Dutzend Tipps zum Glück", gibt es auch für Langzeitsegler nicht. Weder zu Land, noch auf dem Meer.

Smooth Sailing

Bobby Schenk

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