YACHT-Leser fragen, Bobby Schenk antwortet


Frage von Nieswandt, Martin

Hallo Martin Nieswandt,

find ich gut, dass sich heute noch jemand für die Astronavigation begeistert. Das ist echte Seemannschaft, denn sind wir doch mal ehrlich, eine Masse von Langfahrtseglern schippert über die Ozeane und vertraut blindlings auf das GPS-System. Wenn das mal ausfällt (oder abgeschaltet wird - alles schon passiert), was dann?

Dabei ist die Astronavigation ein faszinierendes Hobby und ein unerhört leistungsfähiges Navigationssystem, das niemals gestört oder abgeschaltet werden kann. Gut, 10-Metergenauigkeiten erreicht es nie, aber immerhin war die Sternennavigation so genau, dass damit früher Atlantikkabel verlegt worden sind- Fischernetze in der Weite des Ozeans sowieso.

Gut erkannt! Das Problem bei der Sternennavigation liegt im richtigen Messzeitpunkt. Denn logischerweise kann der Winkel und dem senkrecht darunter liegendem Punkt auf dem sichtbaren Horizont (Kimm!) nur dann gemessen werden, wenn sowohl der Stern als auch die Kimm sichtbar ist. Jeder Praktiker weiß, dass das meist eine recht kurze Zeitspanne ist, in der es gilt, nicht nur zu messen, sondern auch das Gestirn zweifelsfrei zu identifizieren.

Der letzte Punkt lässt sich - und in der Praxis allein - dadurch lösen, dass der ungefähre Winkel des Sterns und seine Richtung vorausberechnet wird. Halt ich dann den Sextanten mit dem voreingestellten Winkel in die errechnete Richtung (Azimut), dann werde ich auf oder unter der Kimm einen Lichtpunkt sehen und kann dann den Winkel bei gleichzeitiger(!) Zeitnahme (UTC) genau messen. Aus meiner eigenen Praxis weiß ich, dass es nahezu ausgeschlossen ist (ich hab es noch nicht erlebt), dass man damit den falschen Stern erwischt. Sternkenntnisse helfen in diesem Zusammenhang übrigens gar nichts, denn zur Identifizierung eines Sterns per Sternbild müsste ich ja das ganze Sternbild sehen - und dann ist die Kimm schon nicht mehr sichtbar.

Ihre Überlegungen zur Helligkeit der Sterne sind völlig richtig. Allerdings übersehen Sie dabei die Tatsache, dass die Sichtbarkeit von Kimm und(!) Stern von einer Reihe von Punkten abhängt: 

  • Größe des Sterns
  • Helligkeit des Sterns
  • Höhe des Sterns
  • Sonnenstand
  • Mondstand
  • Wolkenreflexe
  • u.s.f.

Andersrum: Ein heller Stern (zum Beispiel Sirius) kann unabhängig von seiner Himmelsrichtung der erste sichtbare Stern sein. In der Praxis, zum Beispiel bei einer Atlantiküberquerung, wird der Navigator im Laufe des Törns immer mehr mit "seinen" Sternen vertraut werden. Nach ein paar Tagen wird er also zur rechten Zeit den Sextanten schon in die richtige Richtung halten.

Was er sicher nicht können wird, denn dazu bräuchte er jahrelange praktische(!) Erfahrung, ist das Messen eines Sterns ohne Vorausberechnung. Deshalb finden sich auch in den Astroprogrammen, die wirklich aus der Bordpraxis heraus entwickelt worden sind, umfangreiche Detailberechnungen von Sternen, mit denen noch vor ein paar Jahren die damaligen Computer überfordert gewesen wären.

In aller Bescheidenheit: Mein eigenes Astroprogamm ASTRO CLASSIC hat dieses Feature - schließlich hab ich es in erster Linie für mich selber geschrieben. Damit zeigt mir der Computer praktisch für jeden gewünschten Zeitpunkt Winkel und Richtung aller sichtbaren Navigationsgestirne an. Bin ich rechtzeitig zur Dämmerung oben im Cockpit und stelle im Sextanten 26 Grad 18 Minuten ein und halte ihn in südwestlicher Richtung, dann müsste ich im Fernglas eine Lichtpunkt sehen, den ich dann auf die Kimm setzte. Der Antares ist damit "geschossen".

Sehe ich aber keinen Lichtpunkt, dann bin ich eben noch zu früh da, oder ich solle mal im "dunklen" Osten einen Versuch machen. Vielleicht kann ich den Sirrah messen?

Übrigens: Zu einem Schiffsort sind immer mindestens(!) zwei Sterne notwendig, besser drei bis fünf. Dann wird es auf eine Seemeile genau. Wenn man es kann.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls immer ein genaues Fix.

Bobby Schenk

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