mit der THALASSA in die Südsee - von Panama in Richtung ????


Endlich im Pazifik! Jetzt liegt die Südsee greifbar vor uns! Was ist unser nächstes Ziel? Um es ehrlich zu sagen, wir wissen es nicht, wenn wir in Balboa die Leinen loswerfen. Das ist der große Vorteil beim Langfahrtsegeln mit viel Zeit: Man ist bei der Reiseplanung keinem unnatürlichem Termindruck unterworfen. Nur das Wetter - Großwetterlage und Regionalwetter - bestimmen den Kurs. Wir sollten es - unangenehm - zu spüren bekommen...

   Montag, der 5. August 02 - Landfall im Paradies?

   Samstag, der 27.Juli 02 - 4 m-Wellen und keine Fallen mehr?

   Samstag, der 20.Juli 02 - der Äquator liegt im Norden

   Samstag, der 13.Juli 02 - flügellahm in die Südsee

 

13.Juli 02 - flügellahm in die Südsee

Vor 14 Tagen lagen wir noch an der Tonne des Balboa Yacht Clubs im dreckigen Fahrwasser des Panama Kanals. Viele schimpfen über diesen "Yacht Club", weil sie sich mit den 25 täglichen Dollars etwas ausgenommen fühlen, - "eigentlich für nichts". Denn es ist verboten, das eigene Beiboot zu benutzen, sodass man die Dienste dieses Yacht Clubs  - Ferry-Boot rund um die Uhr - in Anspruch nehmen muss. Bei bis zu 5 Meter Tidenhub war uns der Club seine Gebühren wert, denn wir wüssten nicht, wie wir dort mit dem Beiboot anlanden hätten sollen, um in Panama City (6 Dollar mit dem Taxi und zurück) uns für die Südsee zu verproviantieren.

Am Samstag vor zwei Wochen konnten wir endlich die Festmachertrossen auf die Murings werfen, um zur Inselgruppe der Las Perlas - 35 Meilen entfernt - zu motoren. Vor dem 4000-Meilen-Schlag in die Tiefen des Stillen Ozeans hinein, brauchten wir unbedingt noch einen ruhigen Ankerplatz, um das Unterwasserschiff zu säubern. Denn immerhin waren wir jetzt drei Wochen lang im Brackwasser des Kanals herumgelegen, das dafür bekannt ist, den Muschelbewuchs anzuregen.

Die Insel Contadora misst vielleicht 2 Meilen im Durchmesser und wurde deshalb bekannt, weil der Schah nach seinem Sturz vor Chomeini dorthin ins Asyl flüchtete. Unter den Yachtsleuten ist sie berühmt, weil Günther, vor 28 Jahren aus Köln hergekommen, in einem herrlichen Haus - zusammen mit vier Hunden, Katzen, unzähligen Vögeln, einem Ozelot und einem jungen Jaguar - wohnt und eine so gigantische Kurzwellenstation betreibt, wie ich sie bei einem Funkamateur noch nie gesehen hat. Von hier aus, über den Klippen, an denen der Pazifik donnernd anbrandet, leitet Günther täglich "sein" Pazifik-Netz auf dem er hunderte Fahrtensegler auf ihrem Weg in die Südsee begleitet und, wenn Not am Mann ist, auch hilft. Seine zahlreichen haushohen Antennen und seine 2-Kilowatt-Verstärker erlauben ihm Funkgespräche rund um die Welt.

Zu einem "echt deutschem Frühstück" waren wir zusammen mit dem Skipper der deutschen DADDELDU (auf dem Weg nach Chile) von Günther in sein Haus eingeladen worden. Bei strömenden Regen wurden wir mit dem Landrover bei der Landebahn abgeholt- um 6 Uhr morgens. Grund für die unchristliche Zeit: Fußball-WM-Finale am Frühstückstisch im Fernsehen. Anschließend war der Strom am Ankerplatz so mäßig, dass ich mich mit Schnorchel, Maske und Bürste ans Unterwasserschiff machen konnte. Unser neuer Jotun-Anstrich hatte perfekt gearbeitet, keine einzige Schnecke war haften geblieben. Lediglich eine schleimige Oberfläche war, wie vorhergesagt, abzuwischen und schon war das Unterwasserschiff wieder sauber. Nicht so der Wasserpass, sodass ich doch einige Stunden schrubben musste.

Mitten in der Arbeit hörte ich Carla schreien: "Pass auf, der greift Dich an!" Ich blickte erschrocken hinter nach unten ins blaue Wasser und sah nichts. Aber über mir: Ein Pelikan glotzte mich mit großen Augen an und schnappte nach meiner Maske. Carla hatte inzwischen den Bootshaken geholt, aber auch davor wich der große Vogel nicht zurück. Mir blieb nichts anderes übrig, als an Bord zu flüchten. Ruhig überlegt stellte sich das Ganze als recht harmlos heraus. Der lustige Gesell dachte wahrscheinlich, dass ich unter dem Kat nach Fischen Ausschau hielte und wollte seinen Anteil daran haben.

Am nächsten Morgen lichteten wir den Anker und setzten den Kurs ab. Wohin? Ehrlich, wir wussten es nicht. Vielleicht Galapagos (900 Meilen), vielleicht Mangareva (3800 Meilen) oder wieder die Marquesas (3700 Meilen). Wir wollten es vom Wetter und den Winden abhängig machen. Die ersten 900 Meilen bis zum Äquator würden schwierig werden, die ITC (Intertropical Convergence Zone) zwischen den Passatsystemen war berüchtigt wegen der Flauten, Schauer und ungünstigen Winden. Mal sehen, Diesel, um die Flauten zu überbrücken, hatten wir genügend an Bord...

Punta Mala, das Ende des Golfs von Panama, hatten wir nach kurzer Zeit querab und ich schaltete die Motoren ein, um in dem windlosen Gebiet möglichst viel Weg nach Süden gutzumachen. Aber bald wurde ein Lüftchen aus dem Süden und vor allem der Schwell von dort so heftig, dass die Geschwindigkeit unter 3 Knoten fiel, also völlig unwirtschaftlich war, um gegenan zu motoren. Groß und Genua wurden gesetzt, um aufzukreuzen. Nachdem aus der Flaute lahme vier Windstärken geworden waren, kam der erste Schock: Die Schotklemme, mit der die Reihleine der Roll-Genua stufenlos einzustellen war, machte leise "knack" und war nicht mehr zu gebrauchen. Ohne jede Belastung!!

Bei einem Urlaubsttörn wäre dies nicht einmal wert gewesen, zu erwähnen. Wenn aber runde viertausend Meilen vor einem liegen, sieht die Sache schon anders aus. Meine erste Reaktion war: "Umkehren!" Denn dieser Block war extrem wichtig. Zwar kann die Reihleine auch mit der Winsch bedient werden, aber nicht dann, wenn mit der gleichen Winsch die Genau gleichzeitig bedient werden muss. Dann aber überlegte ich, dass die Gefahr. die nächsten 4000 Meilen die Genau an Backbord fahren zu müssen, nicht sehr groß war, denn wenn wir uns die Galapgos-Inseln schenkten, würden wir zu den Marquesas- Inseln nur auf dem anderen Bug segeln -Wochen lang!

Wie hatten wir uns auf diesen Törn gefreut! Denn diese Strecke gilt wegen der Gleichmäßigkeit der Winde (Flautenhäufigkeit "Null" Prozent!) ab Galapagos als die harmloseste Blauwasser-Route während einer Weltumsegelung.

Die Realität sah anders aus: Schauer, Schauer und ausschließlich Winde aus dem Süden oder Südwesten mit einer Gleichmäßigkeit als gäbe es einen "Südwest-Passat". Auch, wenn auf einem Katamaran die Gläser unter diesen Bedingungen immer noch nicht vom Tisch fallen, war es ungemütlich. Und deprimierend, weil wir kaum Weg nach Süden (wo der Passat auf uns wartete) gutmachen konnten.

Für die einzige erfreuliche Abwechslung sorgten Vögel (graue Möven oder Tölpel?) die uns tagelang begleiteten und dann sogar so zutraulich wurden, dass einer der ihren bei uns auf dem Vorschiff übernachtete. Am nächsten Tag waren es dann schon drei, dann vier. Und das war nicht mehr so lustig. Ich musste an eine Yacht denken, die in südamerikanischen Gewässern von Geiern regelrecht heimgesucht wurde. Wenn es keine Fotos geben würde, auf denen die Yacht unter dem schwarzen Gefieder kaum noch zu erkennen war, wäre es unglaublich, denn diese Yacht wurde am Ende von drei Dutzend Geiern belagert, die sich auch mit Bootshaken, Paddeln und ähnlichem nicht vertreiben ließen. Hitchcock lässt grüßen.

Der vergangene Mittwoch wurde dann zum Schreckenstag: Ich lag nach Mittag lesend in der Koje als es einen dumpfen Knall und ein kurzes schnarrendes Geräusch gab. Als ich ins Cockpit stürzte, sah ich die Bescherung. Von oben hingen Reffleinen auf den Tisch, die doch lose oben am Groß-Segel zu sein hatten. Das Groß lag - sauber aufgetucht - in den Lazy Jacks. Das Fall fehlte.

Das war zwar nicht der Super-Gau, aber ein wenig war uns danach. Seit dem ich dieses Schiff besaß, hatte ich mich vor diesem Moment gefürchtet. 3000 Meilen zum nächst erreichbarem Hafen und ohne Groß-Segel! Wer hier die Nase rümpft und Vorschläge auf der Zunge hat wie "Großfall neu einscheren" oder "Dirk als Großfall verwenden", dem ist der Ernst der Lage in diesem konkretem Fall nicht ganz klar.

Was war geschehen? Das Großfall auf der THALASSA ist als Talje geschoren, das heißt, das Fall tritt aus dem Mast oben aus, läuft durch einen frei beweglichen Block (an dem das Groß hängt), und endet am Maststopp. Eigentlich eine wegen des hohen Gewichts des Segels naheliegende kräftesparende Konstruktion. Zahlreiche Male bin ich vor langen Törns in den 20 Meter hohen Mast geklettert und hatte das Fall oben auf Schamfil-Spuren untersucht. Fehlanzeige! Noch einen Tag vor dem Desaster hatte ich die Stelle dort oben mit dem Tele der Videokamera in ähnlicher Weise geprüft. Ohne Befund!

Damit hatte ich nicht rechnen können: Bei läppischen drei Windstärken war die Scheibe des Blocks zusammengebrochen und hatte das Groß - sicher innerhalb weniger Stunden oder Minuten - durchgesägt. Mein erster Blick nach oben ließ mich noch hoffen: Gut einen Meter wehte der abgerissene Rest des Falls aus. Wenn es mir gelänge, diesen Rest zu erwischen, bevor er im Mast verschwindet...

"Carla, es pressiert, ich muss in den Mast!"

"Nicht jetzt bei diesem Schwell!"

Tatsächlich hatten wir wegen der zahlreichen Schauer (bis zu 20 pro Tag) eine wild durcheinanderlaufende See von rund zwei Meter Höhe. Aber es blieb nichts übrig, wenn das Fall noch gerettet werden konnte, dann jetzt. Der schwere Großbaum, den 2 Männer kaum tragen können, wurde vorsichtig aufs Bimini abgesenkt. Mit der freigewordene Dirk sicherte Carla mich und ich enterte auf - Dank der Mastsprossen durchaus machbar. Aber über der Saling wurden die Bewegungen das Mastes derart heftig, dass ich mich nunmehr krampfartig an den Mast klammern musste, um nicht weggeschleudert zu werden. Nach unten mochte ich gar nicht schauen und ich sehnte mich in diesem Moment, daran kann ich mich gut erinnern, dringend in meinen Bürosessel zu Hause zurück.

Umkehren wäre vernünftig gewesen, aber der abgerissene Tampen wehte nur noch ein paar Meter über mir, während mich der heftig ausschlagende Mast grün und blau schlug. Endlich erwischte ich das Seil, zog daran, aber nichts tat sich. Ich hatte den festen Part erwischt, dir restlichen 99 Prozent des Falls waren unerreichbar im Mast verschwunden. Alles umsonst. 

Einen Block hatte ich zusammen mit dem Leatherman nach oben mitgebracht, aber es wäre lebensgefährlich gewesen, auch nur den Versuch zu unternehmen, diesen zu  montieren.

Die Situation: Knappe 3000 Meilen  zur nächst erreichbaren Insel mit ruhigem Ankerplatz. Die nächsten Tage nur Gegenwind, wie die Wetterkarte auswies. (Dass ein paar hundert Meilen nordwestlich von unserem Standort  - Kreuz - ein tropischer Sturm in Aktion war, berührte uns nicht, denn normalerweise haben Stürme um diese Jahreszeit eine nördliche Zugrichtung.)

Und kein Groß zur Verfügung! Denn die Dirk, als Fall eingesetzt, ist vielleicht für das schwere Groß zu schwach, und wenn die wegknallt, dann schauen wir ganz alt aus. Jetzt probieren wir es halt mit der Genau. Aber viel Höhe ist da nicht drin. Und die bräuchten wir, um über den Äquator zu kommen.

Die Flautenhäufigkeit wird im Südostpassat "Null" Prozent sein...

Dumm gelaufen. Denn in einer Flaute könnte ich nochmals in den Mast, um einen Block mit einem neuen Großfall anzuschlagen. Übrigens: Aus eben diesen Gründen hatte ich auf meinem letzten Schiff nur außenlaufende Fallen bestellt. Selbstverständlich ist nie ein Fall gebrochen.

 

20.Juli 02 - endlich - der Äquator liegt hinter uns und der Parasail ist oben!

Das Problem mit dem Großfall hat den Törn bisher überschattet. Wir benutzten die Dirk statt des Großfalls, doch die Sorge, dass sie auch stark genug ist, um das Groß oben zu halten, nervte uns ständig.

Zwar hatte ich in das Groß zwei Reffs eingebunden, um den Zug auf die "Dirk" zu reduzieren, aber ganz sicher waren wir uns ob dieser Notlösung nicht. Täglich kontrollierte ich mit dem Fernglas den "Zustand" weit oben im Mast, nahm auch mal das Segel für ein paar Minuten runter, um auf Schamfilen zu prüfen. Oben wehte derweil der Rest des Großfalls aus, so nah und doch unerreichbar für uns, um es abzuschneiden und so eine weitere Störquelle zu beseitigen.

Wie erwartet stellte sich die kommenden Tage keine Flaute ein, um nochmals in den Mast aufentern und dort arbeiten zu können. Flaute allein hätte auch nicht genügt, es hätte auch die Dünung einschlafen müssen. Bei sechs Fuss hohen Seen kann man sich leicht ausrechnen, wie heftig die Querbeschleunigung in 20 Meter Masthöhe bei einer Schiffsbreite von siebeneinhalb Meter sind.

Fast 10 Tage ohne Großfall wirkten sich kaum auf die Etmale aus. Wir waren zufrieden: 130, 136, 144, 150, 179, 154, 171, 138 und 124 Seemeilen pro Tag brachten uns bis heute auf 1550 Seemeilen an Nukuhiva ran. Ja, die Hauptinsel der Marquesas-Inseln sollte unser Ziel sein, das stand jetzt fest - besser: Der Wind hatte so entschieden. Wir hätten gar keine Chance gehabt, zum Beispiel nach Mangareva, am Osteingang der Tuamotus, zu laufen. Denn wir segelten fortlaufend am Wind und waren jetzt froh, die Südhalbkugel mit dem beständigeren Passat erreicht zu haben.

Dieser Törn zeigt auch ganz deutlich, wie unsinnig es wäre, den Kauf einer Blauwasseryacht danach zu entscheiden, wie leicht eine Yacht durch den Wind geht. Bei diesem Törn hatten wir die Segel bei Törnbeginn an Steuerbord gesetzt und da waren sie geblieben - bis heute, zweieinhalb Wochen lang, über 2000 Seemeilen weit - keine Wende, keine Halse!

Unser Ziel war es von Anfang an, in den Bereich der achterlichen Winde südlich des Äquators zu kommen, um dann mit deren Hilfe die Marquesas ("Z") zu erreichen. Jedoch, die südlichen Winde nördlich des Äquators verhinderten dies weit über 100 Grad West hinaus. Nicht einmal der Tropische Sturm Christina, der 600 Seemeilen nördlich von uns mit 70 Knoten Wind tobte, konnte die stabile Südwindlage beeinflussen.

Ansonsten gibt es hier aus der Gegend wenig zu berichten: Keine Vögel oder sonstige Tiere, keine Schiffe. Unsere Welt ist eine blaue Scheibe von einem Durchmesser von rund 16 Kilometern mit ein paar Passatwolken drüber. Ist am Schiff alles in Ordnung oder kann man, wie in unserem Fall, nicht viel verbessern, verbringt man die Tage vor allem mit Lesen, was sonst? Mit Navigation ist heute nicht mehr viel los. Ein Knopfdruck, und man hat die Position. Wir haben drei GPS-Empfänger an Bord, benutzt wird praktisch nur der handliche GARMIN GPS76. Mit einem weiteren Tastendruck kann jede beliebige Position abgespeichert - und so, 24 Stunden später, das Etmal abgerufen werden.

Weil ich immer wieder danach gefragt werde: Selbstverständlich ist auch Sextant nebst Jahrbuch an Bord, was gar nicht so abwegig ist. Vor kurzem noch, in Trinidad, wurde bekannt gegeben, dass in dieser Gegend für ein paar Tage das GPS-System nicht benutzt werden soll. Kaum zu glauben: Einige Yachten verschoben daraufhin ihre Tagestörns durch die dortige Inselwelt.

Heute endlich waren wir bis auf 5 Grad Süd gelangt, weit genug, um auf stetige achterliche Winde bis zu den Marquesas-Inseln hoffen zu können. Erleichtert bargen wir das Groß und setzten den Parasail in der Hoffnung auf einen weiteren zwischenfallslosen Törn - noch 1550 Seemeilen nach  Nukuhiva.

 

27.Juli 02 - ein übler Schwell und uns gehen die Fallen aus!

Mehrfach hab ich schon die Strecke nach den Marquesas Inseln als die problemloseste auf der ganzen Welt beschrieben: Flautenhäufigkeit Null - Sturmhäufigkerit Null! Umso verwunderter sind wir, dass es sich bei diesem Törn um eine ausgesprochen ungemütliche Reise handelt.

Schuld daran ist der üble Schwell, der uns nunmehr seit einer Woche begleitet. Der Wind wäre mit seinen 10 bis 20 Knoten so gerade richtig, doch der dazu passende Seegang fehlt. Stattdessen rollen unermüdlich hohe Seen, quer zur Windrichtung aus dem Süden heran, kippen oft kurz vor dem Heck der THALASSA und steigen auch schon mal die Treppen zum  Cockpit hoch, was wir bisher so nicht kannten. Und das rund um die Uhr bei drei, höchstens vier Windstärken.

Dass wir kein Großfall mehr haben, dieses Manko haben wir - bisher - ganz gut in den Griff bekommen. Wir benutzen die Dirk, was allerdings nicht ganz unproblematisch ist, denn der schwere Großbaum - ich schätz ihn mal ganz grob auf mehr als hundert Kilo - darf natürlich keinen Moment außer Kontrolle geraten. So wird er vor dem Setzen auf das Bimini gezurrt, und mit gesetztem Großsegel vorsichtig gelöst, wobei heftige Bewegungen des Baums bei killendem Großsegel nicht 100%ig zu vermeiden sind. Aber bis jetzt ist der Lack vom Baum nicht ab.

Täglich empfangen wir über PactorII die Wetterkarte, in der unsere Beobachtungen bestätigt sind. Wir (Kreuz) sind im Bereich der "Seen - 9 bis 12 Fuß". Da die Karte bei 20 Grad Süd aufhört, ist die Quelle für den bösen Schwell nicht sichtbar. Von "oben", kommt er jedenfalls nicht. Das wäre verständlich, denn dort im Norden braut sich ein Cyklon nach dem anderen zusammen. Lebensgefährlich wäre es dort im Norden rumzusegeln. Während Hurricane Douglas sich noch mit 90 Knoten begnügte, brachte es Hurricane Elida, der auf dieser Karte östlich von Douglas noch "als Tropical Strom" im Entstehen ist, 2 Tage späte schon auf unvorstellbare 170(!) Knoten.

Die Wetterkarte gab die Route vor, sodass wir uns da keine großen Gedanken machen mussten: Möglichst Süden gewinnen, damit wir endlich unseren Parasail statt des schwächelnden Groß-Segels setzen konnten. Wegen der Benutzung der Dirk als Großfall-Ersatz waren wir inzwischen von der Werft beruhigt worden: Bei einfach gerefftem Groß wäre die Dirk lediglich um 11 Prozent schwächer als das normale Fall - also, bei Vorsicht, kein größeres Problem zu erwarten.

Trotzdem waren wir froh, als wir vorgestern endlich unseren Parasail setzen konnten, denn der Wind war jetzt ziemlich achterlich. Bei 20 Knoten Wind hatten wir auch bald die erwarteten acht bis neun Knoten drauf. Im Bewusstsein auf einen gemütlichen Resttörn genossen wir unseren Sundowner, als plötzlich nach Einbruch der Dunkelheit der Wind aufbriste. Ich stand hinter den Instrumenten und beobachtete den Windmesser, der kontinuierlich nach oben stieg, obwohl keine Wolken am Himmel waren, die ich dafür verantwortlich machen konnte. Mit dem Wind stieg die Geschwindigkeit. Bald waren 13 Knoten auf dem Speedo unter lautem Rauschen erreicht, um ein paar Sekunden später bei drei Knoten stehenzubleiben.

Sofort war mir klar, dass wir jetzt ein ernstes Problem hatten und ich brauchte gar nicht erst nach oben zu schauen, um Gewissheit zu  bekommen, was los war: Der Spi war weg. 200 Quadratmeter Tuch fehlten. Statt der Düse des Parasails sah ich oben den klaren Sternenhimmel. Sch.....

Keine Panik! Der Spi war natürlich nicht richtig weg, sondern schwamm ein paar Meter von der THALASSA entfernt im Wasser. Trotz der Dunkelheit konnte ich ihn gerade schemenhaft wie eine riesige Qualle ausmachen. Was halfs? Carla und ich torkelten im schweren Seegang auf Vorschiff und begannen den Spi aufs gischtüberschäumte Deck zu ziehen. Eine mühselige Arbeit, die Stunden in Anspruch nahm. Denn dank der zahlreichen eingearbeiteten Düsen hatte der Parasail nunmehr hervorragende Treibankereigenschaften. Es war uns beiden schlicht nicht möglich, die salzwassergefüllten Stoffsäckchen in einem Zug aufs Deck zu bringen. Zentimeter für Zentimeter zerrten wir den Stoff über die Reling, und gewannen bei jedem Senken und Steigen der Rümpfe in der schweren Dünung. Irgendwann waren alle 200 Quadratmeter an Deck. Die Genua wurde aufgerollt und weiter ging es.

Was war geschehen? Noch in Trinidad hatte ich den Parasail "verbessert", indem ich einen meterlangen Stropp am Spi-Hals anbrachte. Geizig wie ich bin, benutzte ich dafür nicht ein Stück meiner neuen Liros-Schoten, sondern ließ mir von einer anderen Yacht einen alten Tampen schenken. Und den setzte ich zwischen Fall und Spinnaker, auf beiden Seiten mit einem kleinen Palstek versehen. Und dieser Stropp, optisch ausreichend dimensioniert, der immerhin eine Woche sechs Windstärken auf dem Weg nach Kolumbien ausgehalten hatte, hatte seinen Geist aufgegeben, war schlicht zerissen.

Meine Schuld! Jetzt waren wir auch ohne Spinnaker-Fall, denn das hing unerreichbar am Mastaustritt 20 Meter über Deck. Die Dünung...

Trotzdem schon eine Menge Pech! Zuerst das Großfall, jetzt das Spinnaker-Fall. Auch beim Großfall hatte ich - nachträglich betrachtet - ein leichtes Schuldgefühl. Denn schließlich hatte ich den Block, der uns das Problem eingebrockt hatte, gegen den schwereren von der Werft gelieferten Lewmar-Block ausgetauscht. Allerdings schon vor einem Jahr, noch im Mittelmeer.

Damit hatte es sich ausgespinnakert. Was letztlich, bis heute keine große Rolle gespielt hat. Denn der Passat zeigte sich auch in den letzten Tagen von seiner heftigsten Seite, blies im Durchschnitt mit 6 Windstärken, sodass mir - ehrlich gesagt - ganz wohl dabei war, kein so großes Tuch mehr  oben zu haben. Nachdem der Kurs nach Nukuhiva strikt achterlichen Wind bedingte, segelten wir die letzten 4 Tage nur noch vor der Genua, ohne Groß, denn das hätte das Vorsegel ja abgedeckt. Entsprechend waren die Etmals, keines mehr über 150 Seemeilen.

Noch 300 Meilen sind es jetzt nach Nukuhiva, 3500 Seemeilen liegen hinter uns. Den Rest werden wir auch noch mit Dirk und Rollgenua schaffen. Das erste, was ich auf einem ruhigen Ankerplatz machen werde? Die Falls einscheren und ein Ersatzfall dazu. Allein die Tatsache dessen Existenz wird beruhigend sein.

Jetzt gilt es noch, eine weitere Schwierigkeit zu meistern, nämlich diesen Bericht mit dem Satellitentelefon ins Internet zu stellen. Das hat sich in letzter Zeit als zunehmend schwieriger - und teurer - erwiesen. Niemals klappte die Datenübertragung auf Anhieb. Und wenn mal nach zahlreichen (und gebührenpflichtigen) Fehlversuchen die Daten endlich flossen, brach häufig die Verbindung kurz vorm Ziel zusammen. Schon beim Einwählen gab es fast immer Probleme. Da meldete das Iridium "Authenticating", die Verbindung lief, und plötzlich wart es aus - ohne Fehlermeldung oder sonstwas. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass den Betreibern das so ganz recht sein könnte, denn das vergrößert den Umsatz. 

Jedenfalls - so gut das Iridium zum Telefonieren ist, zur Datenübertragung mittels Iridium benötigt man einen dicken Geldbeutel. Die paar Mark Gebühren pro Minute sagen jedenfalls nichts über die tatsächlichen Übertragungskosten aus.

 

5. August 02 - Landfall im Paradies

Die letzten Tage des 4000-Meilen-Törns waren angebrochen. "Jetzt haben wir nur noch ein Drittel", "nicht mal mehr 1000 Meilen", "drei Viertel liegen hinter uns", "jetzt kämen wir schon mit unserem Spritvorrat und der Maschine hin" - so bauten wir uns gegenseitig auf. Die Segelei war eintönig geworden, denn der Wind blieb achterlich, immer so um die 20 Knoten und Schwell, dass einem manchmal Angst wurde! Mit unserer "Restbesegelung" konnten wir unsere Segelgarderobe nicht mehr variieren. Die Genua zog wie ein behäbiger Ackergaul den Kat nach Westen. Platt vor dem Wind schwankte der Geschwindigkeitsmesser zwischen dreieinhalb und - selten - sechs Knoten. Aber nach vierundzwanzig Stunden kamen wir immer auf über 120 Meilen. Im Juli wollten wir mindestens ankommen, waren wir doch am 1.Juli losgesegelt. Carla stellte fest, dass wir schon lange keinen Monat  mehr gehabt hatten, in dem wir sowenig Geld ausgegeben hatten. Nämlich Null Euro, Mark oder Dollar - logisch.

Noch 200 Meilen, noch 100 und dann nur noch zweistellige Meilenbeträge! Der Wind ging zeitweilig auf einen einstelligen Betrag zurück, aber Fahrt blieb im Schiff. Dann der große Moment, wo auf dem UKW-Radio die Sender-Suchfunktion nicht mehr das ganze Band vergeblich durchlief, sondern bei 99 MHz stehen blieb und laut, deutlich Tamoure-Musik zu hören war. Am Montag waren wir genau 4 Wochen unterwegs und hatten - frühmorgens noch 99 Meilen nach Nuku Hiva, der Hauptinsel im Marquesas-Archipel. Optimal war das, selbst, wenn wir noch alle unsere Fallen gehabt hätten, hätte uns das nichts genützt, denn die letzten Meilen segeln wir auch mit dem Vorsegel allein in 24 Stunden. Ein Ankommen in der Nacht vermeiden wir an unbeleuchteten Inseln. Am Abend dann endlich der Schrei: "Land Ahoi!"

Die Sonne hatte uns die Sicht auf Nuku Hiva verblendet, aber in der Abenddämmerung traten die scharfkantigen Umrisse der Insel im Westen über den Horizont:

 

Damit neigte sich unser Törn, wahrscheinlich der längste, wenn wir nochmals um die Welt segeln, dem Ende zu. Es ist schon merkwürdig: Wir Segler betrachten die Segelei ja doch als eine der schönsten Dinge auf der Welt. Und wenn wir unterwegs sind, freuen wir uns auf den Moment, ja fiebern ihm entgegen, wo das Segeln zu Ende ist. Die Engländer bringen es auf den Punkt: Das schönste am Segeln ist "the drink on the other side of the ocean!"

Wir waren froh über das Ende dieses Törns. Zuviel Aufregung, zuviel Langeweile. Und auch dankbar, denn so selbstverständlich ist es nicht, dass eine kleine (Familien-) Crew ein doch ziemlich stattliches Schiff sicher und gesund über den größten Ozean der Welt führt.

 

Das Timing paßte. Bei Sonnenaufgang zeigte sich die Ostecke von Nuku Hiva, ein Daumensprung nach backbord davon war die Bucht von Taiohae. Bald darauf stieg der so typische Geruch nach Palmen und Copra in unsere Nasen, wir wir ihn viele Jahre nicht mehr wahrgenommen hatten und wie er wohl gerade für die Marquesas Inseln mit ihren kathedralhaften Vulkanmassiven typisch ist. Ein Hahn durchbrach in der Ferne die Stille mit lautem Gekrähe und unter Maschine tuckerten wir auf den Richtfeuern in die Bucht.

Die Landschaft hier zu beschreiben, sollte man unterlassen. Denn man wird immer daran gemessen, was der große Seepoet Moitessier vor 30 Jahren  in seinem grandiosen Buch "Kap Hoorn der logische Weg" niedergelegt hat. "Das große grüne Schweigen" hat er die Stimmung bei seiner Ankunft auf den Marquesas Inseln genannt. Oder Melville... Oder Gauguin, der die Landschaft so gemalt hat, dass im alten Paris um die Jahrhundertwende biedere Bürger plötzlich inselsüchtig geworden sind.

Die Baie de Taiohae würde sicher hundert Yachten Platz bieten. Nur fünf  bewohnte Fahrtenyachten liegen  hier. Drei zeigen Schwarz-Rot-Gold am Heck. Von den Crews ist nichts zu sehen, sie schlafen noch. Unser Anker fällt, die Maschinen stoppen. Carla hat den "Anleger" schon eingeschenkt. Schweigend sitzen wir im Cockpit und sehen der Sonne zu, wie sie langsam über die Felskanten hochsteigt. Wir sind in der Südsee.

Es ist unser vierter Besuch auf den Marquesas. Das erste Mal kam die 10-Meter-Yacht THALASSA vor über 30 Jahren hierher. Was hat sich geändert?

Man ist versucht, vorschnell zu antworten: "Nichts!" Das stimmt zwar nicht ganz, kommt der Wahrheit aber ziemlich nahe. Gut, es gibt jetzt Fernsehen, primitiv ohne Satelliten, das französische Staatsfernsehen über die großen Antennen. Ein Dentist hat sich auch hierher verirrt - ein Segen für die süßigkeitsverliebten Polynesier mit ihren grauenhaften Zähnen. Internetzugang wird auch angeboten für 30 Dollar die Stunde im Schneckengang von vielleicht 19 Kbaud. Aber sonst? Die Preise sind wie eh und je so hoch, dass sie schon fast eine Touristenattraktion sind und, weil darauf vorbereitet fast schon amüsieren. Ein Maßstab: 6 Euro 50 kostet die Dose Bier in einem der beiden Lokale an der Uferstraße. Das Steak (eingeflogen aus Neuseeland) ist mit 22 Euro genauso teuer wie die Miesmuscheln (ebenfalls eingeflogen aus Neuseeland). Wir regen uns schon lange nicht mehr auf über die Preise, denn offensichtlich sind sie den Möglichkeiten der einheimischen Bevölkerung angemessen. Das Restaurant ist jedenfalls täglich überfüllt mit polynesischen Familien nebst Kind und Kegel.

Nach unserem ersten Essen mit viel Butter, Baguette und Poisson Cru (roher Fisch - die polynesische Spezialität) sind wir in der gleißenden Sonne zu müde, um die 500 Meter zum Beiboot zu laufen. Ein Suzuki hält an: "Braucht Ihr einen Lift zum Boot?" Die beiden dicken polynesischen Frauen kichern, während wir einsteigen. Es ist schön, wieder in Polynesien zu sein!

 

 

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