Thalassas Shakedown-Cruise(2)




Im September haben wir, Carla und ich unsere neue THALASSA in der Werft in Les Sabels in Frankreich abgeholt und durch die Biskaya nach Gibraltar gesegelt. Wir mußten nochmals kurz nach Germany heimfahren, unser Schiff in Gibraltar zurücklassen, denn ich hatte beruflich noch 8 Wochen abzudienen, bevor ich von meiner Tätigkeit freigestellt, nicht pensioniert, wurde. Eigenartiges Gefühl, vom Präsidenten verabschiedet zu werden und am nächsten Morgen mit dem Gefühl aufzuwachen: "Jetzt bist du nur noch Segler". Es ist der dritte Start in unserem Leben in eine Zukunft auf dem Wasser. Die erste dauerte vier Jahre, die zweite wiederum vier Jahre. Und die Dritte?

7.2.01 - der mit der Kälte kam

Nicolai, Entwickler des Tracecare-Systems (Yachtüberwachung per Satellit) hat im Rucksack eine Überraschung dabei, die auch den Zöllner am Flugplatz ungläubig macht. Wie sollen wir ihm auch erklären, dass der Plastikbecher zusammen mit der biederen Luftpumpe Unglaubliches schafft? Unser Besucher, gerade dem Yuppy-Alter entwachsen, hat immerhin den Flugpreis nach Monastir als Wetteinsatz riskiert. Es war in Gibraltar, als der Nichtsegler Nicolai es verwunderlich fand, dass wir Yachtsleute uns lange den Kopf zerbrechen, wie wir an Bord zu Eis und kaltem Bier kommen, notfalls hierfür gleich die letzten hundert Amperestunden aus der Bordbatterie saugen: "In 10 Sekunden mach ich Dir Eis, per Hand und ganz ohne Strom! Wetten!"

Sicher gibt es jetzt nachträglich ne Menge Leute, die darin nichts besonderes sehen, dies so was immer schon gewusst haben. Aber, Nicolai hat es vorgemacht und für mich, der ich ein ganzes Schiff im Hinblick auf die Kälteerzeugung konzipiert habe, ist dies schlicht ein Wunder - freilich physikalisch erklärbar. Hinterher.

Also das "kleine Genie", wie wir seither den schlacksigen über 1,80 großen Nicolai nennen, ließ sich den Plastikbecher mit Wasser füllen, per Laser-Thermometer (unentbehrlich auf einer Yacht) mit 30, 5 Grad Celsius gemessen, deckelte einen teekannengroßen Behälter mit Silikagel darauf und schloss das Ganze mit einem Schlauch an eine klistierähnliche gläserne Luftpumpe an. "Selbstgebaut", wie Nicolai bemerkte. Während er langsam die Pumpe betätigte, dozierte er: "Das Geheimnis liegt in einer Verschiebung des Taupunktes!"

Nach weniger als gestoppten 10 Sekunden begann das Wasser im Becher zu brodeln und das kleine Genie murmelte den inhaltsschweren Satz: "Nach Kochen kommt Kälte!" Kaum gesagt, erstarrte das Wasser. Zischend entwich die Luft aus dem jetzt geöffneten Ventil und meine Finger fanden im Plastikbecher Eis, erstarrtes Wasser mit Null Grad.

(zahlreiche Besucherkommentare zu dem Eistrick finden sich hier)

Ein wenig ließ er sich den Stolz doch anmerken, mich so verblüfft zu haben. "Mann, Ihr schwimmt in der Energie und verheizt fossile Brennstoffe für Euren Gin Tonic!" warf er mir an den Kopf und meinte dabei sicher alle Yachtsegler.

Freunde, bevor Ihr glaubt, ich sei einem Umweltengel erlegen, gebe ich noch ein Geheimnis aus Nicoleis fahrbaren Untersatz (Vierradantrieb) preis: Auf seinem Tacho erscheint schon mal die dreihundert  - plus!

Trotzdem: Die Lehre hat gewirkt, THALASSA stellt auf Sonnenenergie um. Morgen geht es los!

5.2.01 - Yachtytreff

Der Reiz der Marina in Monastir liegt darin, dass sie auch im Winter "bewohnt" ist. Während viele Liegeplatzfabriken im nördlichen Mittelmeer in den kalten Monaten wie ausgestorben wirken, herrscht hier Yachtleben. Klar, in erster Linie sind die vergleichsweise niedrigen Preise schuld, dass sich die Langfahrtsegler hierher verziehen, um bessere Jahreszeiten abzuwarten. Denn die meisten Yachties können keineswegs aus so üppigen Budgets schöpfen wie Arbeitnehmer in Deutschland beispielsweise. Aber niedrige Preise gleichen dies aus: zwei Gurken, zwei Paprika, vier Tomaten, zwei Zwiebeln - macht 600 Mellimes (eine Mark), ein Brot 25 Pfennige. Taxi innerhalb Monastir darf - offiziell - ebenfalls nicht kosten, dafür erzielt die Flasche Whiskey im Laden 160.- DM. Ansonsten sind Autos, Videokameras und ähnliche "Konsumgüter" unbezahlbar. Deutsches Rindfleisch gibt es auch in den teuren Touristen-Lokalen nicht und manche Speisekarte trägt stolz den Hinweis, dass ihr Fleisch nur aus lokaler Produktion stammt. Also recht gesund das Ganze!

Keine Pflicht, es hat sich halt so ergeben! Die Yachties treffen sich jeden Sonntagmittag zum Grillen. Der Holländer mit dem wunderschönen Motorsegler aus Stahl besorgt die Kohle (die Kosten werden umgelegt) und bringt sie mit der Schippe zum Glühen. Die Yachties bringen Salat und Fleisch in rohen Mengen und dann sitzt man rotweintrinkend in der Mittagssonne und erzählt sich davon, dass man zu Hause ja wohl Schneeschippen müsste. Im Gegensatz zu sonstigen Mittelmeermarinas, wo sehr befahrene Segler wohl die Ausnahme sind, trifft man hier auf viel Erfahrung. "Warst Du auch in Pitcairn?" oder "wie seit Ihr mit dem Seeräuberproblem im Roten Meer umgegangen?" Und auf viel Erlebnisse: "Als unser Schiff damals in der Antarktis vom Packeis zerdrückt wurde..." Aber auch um technische Erfahrungen drehen sich die Tischgespräche. Bist Du zufrieden mit Deinen Solarzellen? Wie lange musst Du täglich die Maschine laufen lassen? Komisch, kein Mensch kommt hier auf die Idee, nach dem Segelstand des Reachers zu fragen oder Trimmfragen aufzuwerfen. Segeln ist halt Fortbewegung. Das ist Mittel zum Zweck für die Yachties hier. Im Mittelpunkt bleibt die Frage: "Wie lebt es sich am besten?" 

Der Hafenkapitän, Monsieur Chabane, hat ein Herz für Yachties, hat ihnen sogar neben dem Innenhof mit den vielen Katzen einen eigenen Clubraum mit polyglotter Bibliothek ("Schubladenaufschrift: "English", "Francais","Deutsch und andere") zur Verfügung gestellt. Für den Fall, dass es am Sonntag regnet. Aber auch für "Clubveranstaltungen". Wer will geht am Montag dorthin, hört sich Kurzvorträge des australischen Skippers über das Barriereriff an oder in ein paar Wochen über "Kap Hoorn von West nach Ost an". Letzten Winter hat hier ein deutscher Langfahrtsegler sogar einen Kurs über Astronavigation abgehalten - man weiß ja nie! Alles kostenlos - das ist eine solche Selbstverständlichkeit, dass man es gar nicht erwähnen sollte. Schließlich ist man ja unter sich!

Kurzum: Der Duft der großen weiten Segelwelt, hier in Monastir steigt er in die Nase.

 

3.2.01 - Beamtentreff

Nach einem kurzen Ausflug zur BOOT in Düsseldorf schwebt unsere Tunis-Air-Maschine auf den Flughafen von Monastir ein - keine acht Kilometer von der Marina entfernt. Schwer bepackt mit Solar-Zellen - vielleicht ist die Sonnenenergie doch die Zukunft, jedenfalls auf Yachten - bleiben wir vor dem uniformierten Zöllner hängen: "Open!!!"

Mit röter werdender Hautfarbe beginne ich die vielen (Hausfrauen-)Knoten zu lösen. Derweil hält der Beamte eine Fernbedienung für meine Camera in die Höhe: "Video???" Seine Finger krabbeln in unserem Gepäck, die wuchtigen Solar-Panels, jedes 56 Watt groß, interessieren plötzlich nicht mehr. Und dann holt er triumphierend eine Videocassette aus der BMS-Tasche raus, dann noch eine und dann noch eine. Die Warteschlange hinter uns beginnt zu tuscheln, der Beamte winkt einen seriös wirkenden Zivilisten herbei, einen Dolmetscher, wie sich herausstellt: "Der Zollbeamte bittet mich zu übersetzen, er sei nur um Ihre Sicherheit bemüht, man möge Verständnis haben, so sind eben die Gesetze hier und alles werde in Kürze bestens erledigt, Nur die Videos, müsse man sich ansehen, zwei Tage lang, die Vorschriften eben..."

Mein Puls normalisiert sich, aber was zum Teufel will man mit den Videos? Inzwischen hält der wühlende Zöllner eine CD in die Höhe. "Nein, keine Lieder, Daten für Computer, Du verstehen?" Der Chef kommt, trägt meine handbeschriftete CD triumphierend zum Zollcomputer (tunesische Staatsfarben mit Zollemblem auf dem Screensaver) und hat schon den SETUP ausgeführt. "Bobby Schenk's ASTROCLASSIC" verdrängt das Zollemblem und ich radebreche mit Deutfinger und ein paar Brocken halbfranzösisch: "Cest moi!"

Mit der Frage "What language?" entpuppt sich der dunkle Oberzöllner mit den vielen goldenen Sternen auf der Uniform als Computer-Kenner, lässt sich den heutigen Sternenhimmel über Monastir zeigen. Mein Astroclassic ist seitdem auf dem Behördencomputer: Ziemlich sinnlos, aber besser als Viren!

Acht Kilometer sind es mit dem Taxi zur THALASSA, sechs fuffzig (De Mark) kostet es.

Morgen hat sich Nicolai, der Mann, der von sich behauptet, er könne aus Wasser eigenhändig Eis machen, angesagt. Mein Wetteinsatz war, sicher schon gewonnen, der Flugpreis aus Deutschland. Denn, ein Landmensch mit Steckdose zu Hause kann sich nicht vorstellen, wie energieintensiv die Produktion eines Eiswürfel ist. Eis mit Hand - unmöglich!

Ach ja, die Videocassette: In ein paar Tagen könne ich sie abholen! Warum? - Achselzucken - Hier in Tunis kann man mit Satellit alles empfangen, jeden deutschen Schmuddelsender! Und jetzt soll zensiert werden: Captain Hornblower, Ecker-Cup 2000, Hawai von James Mitchener, die oberen Zehntausend (Luis armstrong)  und so fort. Macht 15 Stunden, im Schnellgang immer noch sieben Stunden.

Als wir den Flughafen verlassen, blicke ich zurück: 20 Beamte, in schwarzen Uniformen: Voll beschäftigt mit vielleicht 500 Mark Monatsgehalt - wenig echte Aufgaben, aber stolz! Ist das nicht viel besser als arbeitslos oder sozialhilfeberechtigt?

9.1.01 - Datenmengen

Gestern ist offensichtlich der hunderttausendste Besucher meiner Homepage registriert worden. Ich habe auch einige E-Mails hierzu auf meinem Mail-Server. Einige sind weit über ein Megabyte groß. Nachdem ich immer noch mit dem Handy arbeite, kann ich sie praktisch nicht runterladen. Es sind nicht nur die Kosten von einigen hundert Mark pro E-Mail(!) sondern es ist ausgeschlossen, dass hier die Telefonverbindung stabil genug ist, stundenlang nicht abzubrechen. Werde mich also um eine Telefonleitung zur THALASSA bemühen. In diesem Zusammenhang fällt immer wieder das Zauberwort vom "Internetcafe". Gibt es hier selbstverständlich nicht weit vom Hafen mit 15 Terminals auch. Aber was hilft der Zugriff aufs Internet, wenn keine Möglichkeit besteht von der CD zu laden oder größere Datenmengen runterzuholen.

Prima: Es hat sich die Möglichkeit ergeben, direkt von Monastir nach Düsseldorf zur BOOT zu fliegen. Ich werde dort in Halle 16 Stand G67 bei Eckeryachting sein. Muss mich ja bedanken für den tollen Preis, den sie für den hunderttausendsten Besucher gestiftet haben. Hoffe, dass ich den Sieger (es ist ein er) morgen vorstellen kann.

8.1.01 - um die Ecke

Sehr angenehm: Zahlreiche Fahrtensegler aus allen Kontinenten sind hier, um im winterlichen Mittelmeer auf den Frühling zu warten. Dass hier nicht jeden Tag Sonnenschein ist, beweist der heutige Montag und die Berichte der Segler. An Sylvester -  das war unser Auslauftag - hatten sie hier 70 Knoten Wind, der immerhin den Travellift samt Yacht umschmiss und leider auch vier Menschenleben kostete. Genau in dieses Wetter wären wir reingelaufen, wenn wir "fahrplanmäßig" gestartet wären. So hatten wir einen harten, aber keinen unsicheren Törn über 910 Meilen (lässt sich sekundenschnell aus den C-Map-Karten rauslesen) in 5 Tagen und 23 Stunden. Was ja für Mittelmeerverhältnisse ganz gut ist, zumal wir als vorsichtige 2er-Crew das Geschwindigkeitspotential des Kats  - vor allem in der Nacht - sicher nicht ausgeschöpft haben. 

Gestern war ich im Mast, was mit den patenten Anlegesprossen eine Sache von Sekunden war - mit entsprechend bösen Kommentaren von Carla wegen fehlendem Sicherheitsgurt. "Das Großfall hatte sich losgearbeitet", erklärte ich, worauf die Co-Skipperin konterte: "Du willst sagen, Du hast es nicht durchgesetzt!"

7.1.01 - easy going

Mit Monastir haben wir einen Volltreffer gelandet. Beste Marina, nicht überkandidelt, Super-Personal. Wenn unsere muffigen ausländischen Kellner in renommierten Spitzen-Gaststätten Münchens auch so freundlich wären wie hier, dann gäbe es dort bestimmt weniger Ressentiments.

Was einige interessieren dürfte: Die Liegeplatzpreise hier. Für ein 10m-Boot sind pro Monat 115.- DM, für ein 12m-Boot 180.- DM und für ein 15m-Boot 390.- zu zahlen. Hinzu kommen Steuern, Strom und Wasser. Katamarane zahlen lediglich 30% Aufpreis. Leider ist die Marina mit 300 Booten ziemlich ausgebucht.

6.1.01 - Cap Bon

Gutes Kap, welch schöner Name für so einen Felsen, wo das Schiff wieder Richtung Süden abbiegen kann. Uns verschaffte es ein paar Minuten Nervosität, ja auch ein wenig Angst. Bei Flaute, aber gehöriger Dünung hatte ich gestern abend am Kap den Kurs ziemlich eng um den riesigen Felsen gelegt, was dank der elektronischen C-Map-Karten und des heute hochgenauen GPS kein Problem ist. Damit waren wir in einer "restricted area", also eines Gebietes mit Einschränkungen. Auch diese Informationen sind auf den Daten-CDs und sie sagten mir, dass dort fischen verboten sei. Als es schon stockfinster war, wurden wir plötzlich gleißend angestrahlt und ein vielleicht 15 Meter langes Motorschiff schoss auf uns zu. Polizei? Militär? Das Schiff legte sich vor unseren Bug und aus ein paar Meter Entfernung wurden wir angeschrien. Ich verstand gar nichts, bemerkte aber, dass die Leute dort drüben keine Uniformen trugen. THLASSA dümpelte im Leerlauf und das fremde Boot umkreiste uns unter Schreien.  Die Männer bedeuteten uns, wir sollten hier verschwinden, was ich schnell tat. Eine halbe Stunde fuhr das fremde Schiff noch hinter uns her, bis es verschwunden war.Eine vernünftige Erklärung habe ich keine. Vielleicht hatten sie dort Netze ausgelegt und wir waren im Begriffe gwesen, reinzulaufen und sie zu beschädigen? Also ganz harmlos?

Jetzt, am frühen Morgen, liegt Monastir 20 Meilen voraus. Ich hab alle interessanten Kartenausschnitte, wie auch schon für die letzten hundert Meilen, vom C-Map-Computer ausgedruckt. Mit Papier in der Hand fühl ich mich bei einer Ansteuerung doch sicherer.

Das Einlaufen in Monastir ist problemlos. Ein freundlicher Hafen empfängt uns. Und was für mich noch wichtiger ist, die Beamten sind es auch. Die tunesischen Zöllner betreten das Boot mit großer Höflichkeit, interessieren sich nach dem Woher und Wohin und fragen zurückhaltend, ob sie das Boot besichtigen dürfen. Was aber der Clou ist: Sie haben Schuhüberzüge mitgebracht, die auf Bootsausstellungen üblicherweise für die Besichtiger von Neubooten zur Verfügung stehen, damit die Bodenbretter nicht verkratzt werden. Hier bringen die Beamten das in der Aktentasche mit. Das ist Respekt. Hab ich noch nirgendwo in der Welt erlebt. Respekt!

5.1.01 - um die Ecke

Heut schaut schon wieder alles anders aus. Die Sonne scheint, die Wassertemperatur steigt langsam, Zehntelgrad für Zehntelgrad, auf die 20 hin. Eng war es in der Nacht noch geworden, als ein Carrier von hinten aufkam und uns aufs Korn nahm. Freundlicher Kontakt auf Kanal 16. Unser "we are strict under sails and keep course and speed" erwidert er wohlwollend, dass er uns an seiner Backbordseite passieren würde. Beruhigend, dass er das auch tut. Aber nur in wenigen Metern Abstand. Unendlich lange dauert es, bis sich die paar hundert Meter Stahl an uns vorbeigeschoben haben.

Als wir in der Morgendämmerung "um die Ecke biegen", kommt ein Militärboot auf uns zu. Mit superbiederen Erklärungen können wir es vermeiden, dass unser Schiff durchsucht wird. Die sehr freundlichen Militärs bedanken sich "for Your cooperation" und stieben davon. Ich hab ja nichts gegen Durchsungen, aber was ich fürchte, sind Anlegemanöver im Schwell der offenen See.

Wir passieren die Hundeinsel am Eingang zum Golf von Tunis. Ein Leuchtturmwärter soll auf der Insel wohnen und bei bestem Wetter soll man sogar an einer Kurzpier anlegen können. Probieren wir nicht aus. Von wetteronline.de erfahre ich für morgen Gegenwind. Das müssen wir uns nicht unbedingt antun. Deshalb geht es "im Eiltempo" weiter.

4.1.01 - hart

Günstiger Wind  bläst von der Algerischen Küste. Wir wandern mit fünf bis sieben Knoten dahin. Unser nächstes Ziel heißt jetzt zunächst Monastir, wo wir den Frühling abwarten wollen. Zu den Schönheiten des Fahrtensegelns gehört auch die Liegezeit in (guten) Häfen. Zunächst aber wollen wir Tunesien erreichen.

Das Mittelmeer liegt außerhalb der Tropen und hat somit eine ausgeprägte Winterzeit, wie wir schon in Gibraltar mit seinem miesen Wetter erleben mussten. Die Nächte sind jetzt schon etwas wärmer, obwohl wir ganz gut eine Heizung gebrauchen könnten. Aber bewusst haben wir auf eine solche wegen des Gewichts und der zusätzlichen Technik verzichtet, denn wir werden uns, hoffentlich, die nächsten Jahre nur noch in den Tropen oder in warmen Jahreszeiten aufhalten.

Jetzt sind wir den fünften Tag auf See und üblicherweise sind wir dann gegen alle Anfeindungen aufkeimender Seekrankheit gefeit. Bei diesem Törn war dies trotz des zum Teil recht rauhen Wetters von vorneherein kein Thema - ein weiterer Vorteil des Katamarans. Bis jetzt ist übrigens noch kein einziger Gegenstand vom Tisch gefallen, obwohl wir ziemlich achtlos alles abstellen.

Dabei bleibt es auch, als es nachmittags wieder anfängt zu pfeifen. Das Groß kommt schnell runter, die Schlitten am Mast gleiten wirklich gut. Die Spitzenwerte am Windmesser erreichen satte 40 Knoten. Was aber schlimmer ist, die Seen werden höher, vier Meter vielleicht hoch, und steiler. Im Mittelmeer habe ich noch nie solche Seen gesehen. Unser Kat schaut ja am Steg ziemlich hoch aus, jedenfalls so hoch, dass man vernünftigerweise nicht mehr auf den Steg runterspringt. Jetzt aber kann ich nach oben sehen, um manchmal grünes Wasser zu sehen, das glücklicherweise nicht an Bord kommt. Trotzdem lege ich den Sicherheitsgurt an, als meine Wache beginnt. Denn, wenn eine richtige See einsteigen würde, dann würde im Cockpit alles aufschwimmen und blups...

Carla bemerkt, dass sie sich in Zukunft in die Törnplanung nicht mehr dreinreden lässt, was quasi mir die Verantwortung für dieses Winterwetter zuschiebt. Tatsächlich ist das Mittelmeer im Sommer ja meist ein Baderevier, aber außer der Touristensaison kann es ziemlich böse werden. Wie man sieht.

3.1.01 - moderate

Der Wind ist abgeflaut, Algier querab. Unter der vollen Genua dümpeln wir nur noch so mit vier Knoten dahin. Das Groß würde auf diesem Vorwindkurs auch nicht mehr bringen, weil es das Vorsegel abdecken würde. Spinnaker? Ohne mich in der finsteren Nacht. Schmetterling? Dazu ist die See noch zu lebhaft - die Restdünung!

Gegen Mittag ist die Dünung weg. Wir setzen die Genua und lassen eine Maschine, der Batterien wegen, mitlaufen. Nachmittag preien wir über UKW einen potthäßlichen, aber riesigen Carrier an und fragen, wieweit er uns auf dem Radarschirm ausmachen kann. Derzeit steht er an BB 2,3 sm weit weg. Er erzählt, dass er uns schon seit geraumer Zeit auf dem Radarschirm monitort. Dann aber meldet er sich nicht mehr. Probieren wir es halt beim nächsten Biggy! Es ist ja wichtig, wieweit man als Kunststoffschiff von den Großen ausgemacht werden kann. Denn der nachts vorgeschriebenen Beleuchtung unter Segel - rot/grün - traue ich nicht all zu viel zu.

2.1.01 - Endlich der richtige "Wind"

Gegen 10 Uhr kommt Wind auf, zunächst zaghaft, sodass wir nur so mit 3 Knoten dahinschleichen, dann setzt sich der Südwester durch und erreicht bald 15 Knoten. Das ist ausreichend für ständige fünf bis sieben Knoten am Speedo. Das hört sich nicht nach viel an für einen Kat wird man denken, aber hier spielt der Doppelrümpfer einen weiteren Trumpf aus. Während eine Einrumpfyacht in der deutlichen Dünung mit Wind von fast achtern erbärmlich rollen würde und die Segel mit wenig Halt rumschlagen ließe, bleibt die THALASSA eisern wie ein Zug auf Kurs. Nur ganz selten kippte die Genua ein, obwohl sie fast vom Groß abgedeckt wird.

Das ist jetzt wichtig, denn der Sollkurs müsste so 75 bis 80 Grad sein und die sind schwer zu halten, denn vom Wind her wäre 90 Grad viel besser, aber das würde uns wiederum zu nahe an die algerische Küste bringen. Und von diesem Revier hat man in letzter Zeit nicht mehr viel gutes gehört. Die Politik eben!

Der Wind wird stärker, bei 20 Knoten steigt die Geschwindigkeit schon mal auf 8 Knoten. Dann 9 und 10 Knoten. Reffen? Ich springe aufs Vorschiff und muss erleben, dass auch ein Kat nicht immer strohtrocken segelt. Ich stehe sozusagen im Regen bei strahlendem Sonnenschein. Ganz heftig wird es, wenn Carla in den Wind geht, um das Groß bis zum ersten Reff runterzulassen. Aber nach einer viertel Stunde ist das Reff drin. Dann belehrt uns der Windmesser, dass man keine halben Dinge machen soll. 12 Knoten durchs Wasser bei 35 Knoten Wind gefällt unserer THALASSA mit ihrer kleinen Crew nicht. Also hole ich das ganz Groß, dessen steifes Tuch willig in die Lazy Jacks fällt. Doch ganz patent, wenn es auch Nachteile - schamfilen - hat! Dann laufen wir bei steiler See allein vor der halb gerollten Genua.

Aber anders als bei einem Mono ist es kein Rumtorkeln vor dem Wind, sondern wiederum rollt THALASSA wie auf Schienen. Und die Geschwindigkeit passt auch mit sechs bis acht Knoten. Dabei fühlen wir uns ganz gut, bis eine See die Steuerbordtreppe hochkommt und sich für ein paar Sekunden im ungefähr zehn Quadratmeter großem Cockpit breitmacht, als ob sie hier zu Hause wäre - gewöhnungsbedürftig. Nachdem aber alle Stauräume im Cockpit selbstlenzend sind, ist der Spuk nach wenigen Sekunden vewschwunden. Hab mich schon gewundert, warum die bei der Werft das so konstruiert haben. Hat eben alles seinen Sinn. Dabei kommt mir der Gedanke an die beiden Stangen, die die Lukenöffnungen im "Salon" nach unten sperren und auf denen mit Ausrufezeichen in dickem Rot steht: "remove before sailing". Klar, die Notluken sind nicht nur gesetzlich vorgeschrieben und haben nur dann einen Sinn, wenn sie im Falle einer Kenterung  öffnen sind.

Schon sieht es so aus, als ob der Wind nachlassen wollte, aber da holt er nochmals tief Luft und steigt in den Böen bis 40 Knoten an. Jetzt wird die See wirklich konfus und rollt pausenlos von achtern bedrohlich hoch heran. Im Mittelmeer hab ich selten so eine giftige See erlebt. Nicht vorstellbar, unter solchen Bedingungen was anderes zu tun, als vor dem Wind abzulaufen - in unserem Fall sowieso die richtige Richtung. Höchst unangenehm, doch auch unter diesen Umständen halte ich die Gefahr einer Kenterung für ausgeschlossen und möchte jetzt nicht auf einem Monohull sein. 

Plötzlich ist in der gleißenden Sonne ein Frachter auf Gegenkurs neben uns. Über Kanal 16 angepreit, begrüßt er uns: "Wollte mal nach Euch schauen, ob bei Euch alles in Ordnung ist. Ziemlich rauh hier draußen, oder?" Ich schlag ihm vor zu tauschen: Er solle hier unten weiterfahren, ich steig zu ihm in die warme Funkbude!". Seine Antwort: "Never!"

Am Ende hat er noch gute Wetter-News von Meteo France: "4 bis 6, seas becoming moderate"

1.1.2001 - Prost Neujahr

23°21'N und 2°53'W zeigt der GPS genau um Mitternacht. Wir haben die Gibraltar-Zeit und damit die deutsche Zeit als Neujahr gewählt. Der Himmel ist kristallklar und alle Sternbilder sind gut zu erkennen. Leider kein Wind, sodass wir bei nur (wegen Spritsparen) 2000 RPMs durch die Flaute schieben. Runde 6 Knoten machen wir damit. Sicher verlieren wir einen halben Knoten wegen der Muscheln an den Schrauben. Aber ich hab keine Nerven gehabt, nochmals bei 16 Grad im Hafen von Gibraltar rumzutauchen, nachdem ich mir schon beim ersten Mal die Finger an den scharfen Kalktieren zerschnitten habe. Carla hat neue Superkleidung für uns angeschafft. Von Bernd Michael Schröder (BMS), der uns schon seit 20 Jahren bekleidungstechnisch betreut. Zunächst wollte ich meine bewährte Kleidung nicht aufgeben, aber die Wärmebüx von BMS ist noch ein paar Grad wärmer. Damit brauchen wir uns keine Gedanken mehr um die fehlende Heizung auf der THALASSA machen.

31.12.00 - Segeln ins Neue Jahr

Wir haben uns entschieden. Wir laufen aus und segeln linksrum. Zwar sehr wenig Wind, fast Flaute, aber immer noch besser als Sturm! Das ist die zweite Neujahrsfeier auf See. Zunächst geht es mit den Temperaturen einigermaßen. Das hat uns etwas Sorge bereitet, denn schließlich ist es tiefster Winter, im nördlichen Europa spricht man von Schneekatastrophen. So schlimm ist es nicht hier in der Alboran-See. Gegen Mitternacht hole ich diei Signalpistole, um das Neue Jahr einzuschießen, mit weiß natürlich. Und auch nur einen einzelnen Stern, denn die Patronen waren mit 25.- DM pro Stück ja auch nicht billig.

30.12.00 - wieder nix.

Nachts flaut der Wind völlig ab. Das wird ein gemütliches Auslaufen. Aber morgens pfeift es schon wieder. Beim Hafenmeister die Bestätigung: "very rough seas". In Tunesien spricht man wegen des stürmischen Wetters von einem "desaster" und CNN meldet Windgeschwindigkeiten in Algerien von 100 kmh. In den Sturm wären wir reingelaufen, wenn wir gestern die ruhige Phase "genutzt" hätten. Uns treibt niemand. Sagen wir uns immer wieder. Also noch ein Hafentag. Die Druck-Vorhersagekarte auf wetteronline.de verspricht gutes Wetter für morgen, Sonntag. Erst recht für Montag und Dienstag, ein kleiner Trost! Eigentlich haben wir mit wetteronline die allerbesten Erfahrungen gemacht. Faszinierend, wie man dort Vorhersagen für die nächsten fünf Tage runterladen kann. Heute hab ich gestoppt. Mit dem Handy brauche ich dreieinhalb Minuten für 2 Karten.

O.k., wenn man draußen ist, muß man mit jedem Wetter fertigwerden. Aber bewußt in schlechtes Wetter hineinlaufen - das ist was für Urlauber. Aber heuer möchten wir schon noch raus!

 

29.12.00 - wir sehen die Sonne wieder.

Jetzt steigt die Stimmung mit dem Luftdruck, aber die Wetterkarte spricht immer noch Windstärken bis 9 - abflauend. Es wäre nicht gut, auch nur die Restdünung mitzubekommen, also setzen wir unsere Hoffnungen auf morgen.

28.12.00 - eingeschneit!

Klar, in Gibraltar gibt es keinen Schnee, aber die Stimmung ist die Gleiche bei 15 Grad. Die Yachten reissen im Hafen so heftig an den Leinen, dass nicht dran zu denken ist, eine Gangway auszubringen. So hängt man halt auf dem Schiff rum. Heute morgen sah es nach Wetterbesserung aus, der Meteoliner machte einen Sprung nach oben, aber dann kam eine Stunde später schon wieder der Knick im Druckverlauf nach unten. Wenn es so weitergeht, dann können wir auch die nächsten Tage nicht auslaufen..."

27.12.00 - ganz was Neues!

Gleichgültig wo wir sind, und in den Segelbüchern anderer Autoren ebenfalls nachzulesen: Da, wo wir sind, herrscht Wetter, wie es noch niemand erlebt hat. Nicht so hier: Ein älterer Herr: "Das Wetter kenne ich. Vor 10 Jahren war es schon mal so, da hatten wir auch drei Wochen Regen und Sturm in Gib!" Wettervorhersage: "Bis 9 Bft.!"

26.12.00 - 40 Knoten Wind im Hafen!

Sind wir froh, dass wir nicht raus sind. Nicht acht Bft, sondern neun waren es draußen. Im Hafen, in der letzten Ecke, hab ich immer noch 40 Knoten Wind auf dem Instrument gelesen. Wir können uns nicht erinnern, je solch schlechtes Wetter gehabt zu haben. Vielleicht hatt der Hafenmeister doch recht, als er am 23.12. acht schlechte Tage vorhersagte.

25.12.00 - No Go!

Das Wetter ist europaweit mies. Alle 10 Minuten pfeift hier eine Regenböe durch. Vorhergesagte acht Beaufort bedeuten ein absolutes No Go - wie die Flieger sagen würden. Und Besserung ist nicht in Sicht. Macht nix, wie haben Zeit.

24.12.00 - Friedliches Fest?

Selten so ein Sauwetter erlebt, seit Tagen rainig cats and dogs. An ein Auslaufen ist bei Sturmwarnung, Böen bis 35 Knoten in der geschütztesten Hafenecke, Blitz und Donner nicht zu denken.

23.12.00 - Besinnliches Fest?

Sehr besinnlich scheint dieses Christfest nicht zu werden. Es regnet und pfeift, wie ich es selten erlebt habe, auch in den Tropen nicht. Eingekauft ist, im großen und Ganzen sind wir fertig, was noch fehlt ist der Sprit. Mit dem Fernstecher blicke ich zur Fuelstation rüber, manchmal ist da ordentlicher Seegang. Das gefällt mir nicht. Denn unser Kat mit seinen 2 Maschinen lässt sich zwar im Hafen bestens manövrieren, aber nur wenn kein Wind geht. Die riesigen Aufbauten fangen den Wind bestens und dann sind 2 Mann an Bord halt in engen Häfen keine mächtige Crew mehr. Heute werden die Regenfälle gelegentlich von Windstillen unterbrochen. Die sollte man ausnützen und Sprit bunkern, dann wären wir fertig zum Auslaufen und bräuchten nur noch auf günstige Winde warten. Denn der große Trumpf beim Leben auf dem Wasser ist ja der fehlende Zeitdruck.

Kaum hat der Wind für einen Moment aufgehört zu pfeifen, ruft mir ein Arbeiter vom Vorschiff der Nachbaryacht rüber: "Sturmwarnung!" Ich blicke mich um, ob Carla das gehört hat, denn dann gäbe es heute kein Tanken mehr.

30 Minuten später liegen wir an der Tankstelle und haben auch schon 500 Liter Diesel aufgefüllt. Eine böse Überraschung gibt es bei der Rückkehr zu unserem Liegeplatz. Die Steuerbordmaschine verstummt plötzlich. Kein Sprit - unmöglich? Ich werde doch nicht eine Leine...? Sch..., tatsächlich hängt unser Steuerbordrumpf in einer der Mooringtrossen. Einen blöderen Zeitpunkt hätte ich mir nicht raussuchen brauchen. Quer vor den anderen Yachten liegend, gefesselt von einer 22mm-Leine mit einer Sturmwarnung im Rücken. Und das Ganze in der Abenddämmerung und vor großem Publikum, das aufgescheucht auf den anderen Yachtern rumtrennt.

Tauchen? Nicht mit mir bei 15 Grad Wassertemperatur (weiß ich von www.wetteronline.de). Ich schick Carla zu Hafenmeister um einen Taucher. Einer schaltet sofort: "300 Pfund!"

Aber da hab ich meinen inneren Schweinehund schon überwunden. Wo ist mein Neoprene-Anzug. Ganz weit weg, denn ich war mir sicher, dass ich den wahrscheinlich niemals brauchen würde. Aus den Tiefen der Stauräume hole ich den Nassbiber und zwänge mich rein. Der ist in den letzten Jahren aber ziemlich eimgelaufen! Wollt ich schon nicht mitnehmen, denn was mach ich in den Tropen mit einem Taucheranzug?

Saukalt spüre ich das Wasser an Kopf und Händen. Ich komm kaum runter, denn einen Bleigürtel hab ich ja nicht im Flugzeug angeschleppt. Dann sehe ich zwei Trossen am Z-Drive hängen. Zwar reiß ich mir die Hände an den Muscheln an der Schraube blutig, aber dann ist THALASSA frei. Das Gefühl ist irre. Nach Jahren hinterm Schreibtisch hab ich mal wieder das Gefühl, was Vernünftiges geleistet zu haben.

Jetzt warten wir auf den Sturm - Fröhliche Weihnachten.

22.12.00 - Abenteuer an Land

Strömender Regen und Böen aus Osten machen das hier bleiben noch leicht. Ich versuch nochmals Geld zu organisieren, das ist ja heute so leicht. Früher wurde man beim Langfahrtsegeln praktisch nur Traveller-Schecks, und zwar in Dollars, los. Meistens bei Barclays. Wenn es auch auf einer Südseeinsel keine Hütte gab, das Schild am einzigen Betonhaus lautete sicher: "Barclays". Meist kam uns die Monopolstellung ziemlich teuer.

Heute ist alles ganz anders. Da gehst Du mit den Plastikkarten zu einer "Geldmaschine" (wie die Engländer sagen) und holst Dir die Pfunde. Am Anfang der Mainstreet treffe ich den ersten Automaten, natürlich vor Barclays. Also Karte reinschieben und... halt die Pinnummer hab ich doch auf einen Zettel, wo ist denn der...?

Gerade will ich die Zahlen reintippen, da piepst die Geldmaschine und der Bildschirm erklärt, dass die Karte wegen Zeitüberschreitung eingezogen wird. Das darf doch nicht wahr sein? Ohnmächtig und zitternd vor Wut ziehe ich die Quittung für meine Karte aus dem Schlitz. "Card Capture" steht drauf und "THANK YOU"! Gegen einen Straßenräuber aus Fleisch und Blut könnte man sich wehren.

In der Bank geht es hoch her. Zwischen hunderten von Kunden wieseln uniformierte Angestellte herum und mein Gesicht ist mindestens so rot wie die ekelhaften Weihnachtsmützen auf deren Köpfen. Die erste Banklady erklärt mit unüberhörbaren Stolz: "Ja, unsere Maschinen sind richtig schnell, wenn die Kunden (ja, sie sagte wirklich  "Kunden") so trödelig sind". Und meine Karte würde ich nächste Woche wiederbekommen. Im übrigen wäre die sowieso nichts wert. Weil sie nicht von Barclays sei.

Gute Nachrichten auf dem Boot. Nicolai Walter von Transcare, kündigt an, dass sein System in ein paar Tagen wieder läuft, sodass dann fortlaufend die genaue Position der THALASSA im Internet ist. Dass er mir handmade  Eiswürfel versprochen hatte, hat er nicht vergessen. Sein Nachsatz im E-Mail strotzt vor richtig gutem Selbstvertrauen:

"PS:
Es schrieb euch der Mann, der in unter 10 sec. aus Wasser Eis machen kann !!!
Ah, ich hatte vor ca. 2000 Jahren einen Kollegen, der aus Wasser Wein machen konnte.
Der ist aber gekreuzigt worden, weil er niemanden sein Trick verraten hat. "

Cool, was?

21.12.00 - Keine Schmuggler mehr - what's wrong with Gibraltar?

Carla macht den Schiffshändler ausfindig. Früher war hier das Reich von Charley Rodriguez, sicher der berühmteste ship chandler des Meds. Als wir vor vielen Jahren zum ersten Mal mit einer Charteryacht hier waren., lernten wir Charley kennen. Unser damaliger Capt'n flüsterte mit ihm auf der KILENA, einer 14-Meter-Ketsch aus Holz, ziemlich lange, bis die Yacht beladen wurde. In Marokko, unserer nächsten Station, durfte unser Skipper nicht mehr an Land. Der Zöllner klärte uns auf: "Viertausend Flaschen Whiskey sind schon ein bisschen viel!"

Charley gibt es nicht mehr. Die Speedboote mit bis zu sechs 200-PS-Außenborder am Heck sind verschwunden und die Fights zwischen den Schmugglern aus Gibraltar und den spanischen Zöllnern in der Bucht von Algeciras längst Legende. Der Sohn von Charly Rodriguez betreibt die Bar "Charleys". Gleich dahinter entdecken wir einen Tante-Emma-Laden mit der Nachfahrin von Rodriguez. Sie ist vom gemütlichen Typ "englische Hausfrau" und sie quittiert unsere Bestellung mit den Worten: "You must have a big boat". Nicht, dass wir sooo viel saufen, aber Whiskey ist immer noch die beste Trinkgeldwährung rund um die Welt.

Tatsächlich haben wir ein riesiges Schiff. Karton um Karton verschwindet irgendwo. Wir entdecken Stauräume neu. Ein Hoch auf den Katamaran. Klar, wegen des Gewichts segeln wir  Komma 15 Knoten langsamer, dafür ist der Sundowner jeweils stärker.

Wann laufen wir aus? Carla mosert: Eine Yacht läuft nicht aus, das tun Badewannen...

20.12.00 - Afloat again!

Ärger mit Beamten? Aber doch nicht ich! Bei strömenden Regen und 15 Grad hüpfen wir in Schlapfen und Ölzeug zwischen Autos umher, die sehnsüchtig die nächsten 100 Meter überqueren wollen, zur spanischen Granze hin. Gibraltar ist skurril: Geographisch eindeutig Spanien zugehörig, spricht die Demokratie eine ganz andere Sprache. 90 Prozent und mehr wollen Engländer bleiben, basta. Und so stauen sich eben die Autos an der Grenze nach Spanien, das aus seinem Zorn darüber keinen Hehl macht. Als Carla und ich zum ersten Mal vor dreißig Jahren hier waren, gab es keine Grenze. Das heißt, sie war schon da, aber geschlossen. "The good old days, when the border was closed", sagen die Leute hier. Wieviel Lächerlichkeit kann sich Europa noch leisten?

Die Beamten beim Zoll lachen auch - vor Freundlichkeit, als wir unsere 2 Tohastsu-Außenborder abholen. Bringen sie sogar noch zum Schiff, und tragen sie die Gangway rauf. Wozu zwei Außenborder?

Wer kennt das nicht: Yacht liegt vor Anker und einer ist mit dem Beiboot zum Einkaufen gefahren. Der Rest der Crew sitzt missmutig an Deck und starrt zum Ufer, das Schiff wird zum Gefängnis. Der kleine Tohatsu mit 2.5 PS gehört zum  kleinen Bananaboot, 20 Kilo schwer und gut für drei Personen. Der große mit fünfeinhalb Pferdestärken soll (und wird) das größere Bananaboot mit 40 Kilo zum Gleiten bringen. O.K., es gab mal eine Zeit, wo es seemännisch war zu rudern. Das hat meist dazu geführt, dass man sich die Ankerplätze nicht nach der Sicherheit, sondern leichten Erreichbarkeit ausgesucht hat, letztlich also nicht sehr seemännisch war. Und schließlich, wer zu Hause mit 200 Pferdestärken im Auto zum Einkaufen fährt, braucht sich über unsere 2 PS nicht mokieren.

Hier hier zeigt das Platzangebot eines Katamarans wieder seine Stärken. Es gibt einen (fast) idealen Anbringungsort für die Außenborder, nämlich am Heck. Freilich nur dann, wenn dieses nicht mit einem(!) Schlauchboot "belegt" ist. Was nicht der Fall ist bei den Klapp-Bananbooten, die an der Reling gefahren werden. Damit entfallen auch Davits und die Wind-Selbststeuer-Anlage kann auch ungestört arbeiten. Wobei wir uns keine Illusionen machen brauchen: Vorlicher Wind ist für die Windpilot nicht erreichbar, In diesem Fall muß eine Pinnensteuerung die Windpilot ansteuern, elektrisch zwar, aber eben nur mit einem halben Ampere. Funktioniert auf der THALASSA hervorragend. Mit den Motoren achtern bleibt auch das gefährliche Benzin "außenbords". Die Kanister für die Benzinvorräte sind im Cockpitboden verstaut, mit Lenzöffnungen nach unten. Vor Seewassereinflüssen wegen der exponierten Außenborder habe ich keine Bedenken. Man muss einmal gesehen haben, wie die Leute in der Südsee mit ihren Außenbordern umgehen, wo der Outborder ja eine Art Haushaltsgerät im täglichen Einsatz - rund um die Uhr- ist. Deshalb ist meine Wahl auch auf die "Japaner" gefallen. Denn was sich in der Südsee bewährt hat, lässt uns sicher nicht im Stich.

Langsam rückt der Auslauftermin näher. Aber erst soll mal das Schiff in einen technisch perfekten Zustand gebracht werden und alles gecheckt werden. Es ist nicht lustig, draußen feststellen zu müssen, dass dies und jenes nicht funktioniert. Es gibt Anzeichen, dass wir Weihnachten auf See verbringen werden. Warum nicht? Schon einmal haben wir den Heiligen Abend auf See verbracht, kurz vor Kap Hoorn. Einer der wenigen hl.Abende, an die ich mich genau erinnern kann. 

19.12.00 - Abschied vom Beamtenland.

"In der Ruhe liegt die Kraft", meinte die Taxifahrerin, die uns zum Flugplatz in München brachte. Die kann leicht reden, denn schließlich hat nicht sie, sondern Carla bis weit nach Mitternacht das Gepäck sortiert und in die Segeltaschen gestopft. Früher verabscheute ich Koffer auf einer Yacht, aber ohne dieses Gepäckstück ging es nicht, denn immerhin schleppte ich einen neuen Amateur-Kurzwellensender mit. Und auf unserem Kat ist soviel Platz, dass man den Kunststoffkoffer nur irgendwo in einer der vorderen Luken versenken braucht, wo er wahrscheinlich nie mehr auftaucht. Jahrelang. Ab jetzt ist unser zu Hause unsere THALASSA, die irgendwann mal auch in die Südsee kreuzen soll. Den Abschied aus Deutschland machte mir ein Bundesgrenzschutz-Beamter ganz leicht:

Es ist schon richtig, wie Carla meint, dass es mit mir ganz schlimm wird, wenn ich an einen Uniformträger gerate. Vielleicht so ein ähnliches Syndrom wie mit dem Schoßhund und den Postboten. Aber dieses Mal kam es knüppeldick und ich war, Ehrenwort! - gänzlich unschuldig. Meinte sogar Carla. Auf meine schüchterne Bitte hin, man möge doch die Garantiekarte für den Kurzwellensender abstempeln (wegen Rückerstattung der Mehrwertsteuer, weil Gibraltar mehrwertsteuerfrei ist) fing ich mir eine Belehrung ein, die sich gewaschen hatte: Man müsste den Ausweis, die Pässe, das Ticket und die Orginalrechnung vorlegen. Auf eine Yacht ginge das sowieso nicht, weil das, wie ein Auto, ein Beförderungsmittel sei. Auf meinen Hinweis, dass dann jeder Tanker auch Mehrwertsteuer zahlen müsste, wurde ich weiter aufgeklärt, dass Berufsschiffe eben gewerblich fahren. Als ich dann meine Autoreneinnahmen ganz vorsichtig als "gewerblich" bezeichnete, nunmehr aber - immer noch schüchtern - doch auch den Namen des Beamten wissen wollte, war es ganz aus: "So, zunächst stellen sie sich als Privatmann vor, dann sprechen Sie von gewerblich! Jetzt kopiere ich die Garantiekarte, dann stelle ich Ihre Personalien fest, dann mache ich einen Bericht, um diese Widersprüchen zu ermitteln und dann bekommen Sie meinen Namen. Und überhaupt, Sie haben diesen Raum betreten, obwohl Sie ja gar nicht der erste waren, jetzt sind noch andere Personen da und das ist ja ganz kritisch wegen des Steuergeheimnisses. Schließlich ist die Verletzung des Steuergeheimnisses strafbar." Mit gesenktem Haupt nahm ich meine grüne, selbstverständlich ungestempelte, Garantiekarte und schlich davon.

Der Gin Tonic wollte im Flugzeug nicht mehr schmecken und ich hatte nur den Wunsch, dass ich hoffentlich mit meinen "Kunden" niemals so umgegangen bin. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Wenn ja, möge man mir verzeihen!

Warum wollen wir auf einem Segelschiff leben? Einer der Hauptgründe ist es, dorthin zu segeln, wo Menschen freundlich sind. Südsee eben. Zwei Wege führen dorthin. Gleich lang, gleich weit. Über den Atlantik durch den Panamakanal, oder durch das Rote Meer über Madagaskar, auch "Tahiti des Indischen Ozeans" genannt. Wenn wir also aus Gibraltar in den nächsten Tagen auslaufen, müssen wir eine Entscheidung für die nächsten Jahre treffen: Entweder links oder rechts abbiegen. Nein, wir haben nicht Seekarten für die ganze Welt dabei. Das wären sicher an die tausend Stück, wobei der Platzbedarf auf einem Kat keine rolle spielt, wohl aber das Gewicht. Was wir haben sind zwei(!) CDs, wo die ganze Welt drauf ist. Von daher also sind wir unabhängig.

Als wir spätabends und todmüde in der Dunkelheit auf dem Steg vor der THALASSA stehen, wissen wir uns in einer anderen Welt. Schiffsnachbar Stephen, erst hier in Gibraltar kennen gelernt, kommt entgegen, hilft Taschen und Koffer schleppen. Er hat wochenlang die THALASSA beaufsichtigt, die Maschinen laufen lassen und gelüftet. Eine Bezahlung lehnt er (vergeblich) ab. Das sei doch unter Yachties nicht üblich.

Kaum sitzen wir auf dem Schiff, klingelt das Handy: "Ich stehe vor der THALASSA, aber eine Klingel gibt es da nicht" meinte Nicolai von der Firma Transcare. Er wollte am Sonntag nach München kommen, schaffte es nicht und kreuzte deshalb in Gibtaltar auf, um eine Weiterentwicklung seines Moduls auf der THALASSA zu installieren, mit dessen Hilfe - vollautomatisch - die jeweilige Position der Yacht ins Internet übertragen wird. Das dient nicht zur Navigation. Wäre auch pervers, von Bord die Position ins All zu schicken, um sie dann anschließend im Internet nachzuschauen. Ganz abgesehen davon, dass der Internetzugang von hoher See aus eines der letzten Probleme in der weltweiten Kommunikation auf Yachten ist. Doch davon mehr, viel mehr. Denn das ist das große Thema unter Blauwassersegler in den nächsten Jahren -  Stichwort "Pactor II".

Für jetzt ist die Lösung von Transcare wohl der beste Diebstahlschutz, den es gibt, denn überall auf der Welt kann die Position der THALASSA im Internet auf 10 Meter genau abgelesen werden. Auch Freund und Besucher meiner Homepage werden jederzeit feststellen können, ob der faule Schenk zu lange auf einem Ankerplatz rumfleetzt.

Nicolai gehört zu jenen jungen Menschen, die mit Chips und Programmiersprachen aufgewachsen sind, aber auch mal auf der THALASSA eine Platine austauschen und defekte Sicherungen in Sekundenschnelle orten können. Stellt grundsätzlich mal alles in Frage und meint, dass er das Problem mit der Kühlung und dem Strom locker lösen kann. Bringt es so rüber, dass man am Ende das schon glaubt, trotzdem eine hohe Wette dagegen hält, weil es halt unwahrscheinlich ist. Macht Spaß in Gesellschaft solcher Typen!

In den nächsten Tagen soll es losgehen. Morgen steht mir noch ein schwerer Gang bevor. Ich muss nämlich zum Zoll, also zu Uniformträgern. Meine Außenborder von Tohatsu für die Banana-Boote sind eingetroffen.

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