Goldfeder`s Ecker-Cup 2003


Noch nie hat eine Hochsee-Langstreckenregatta im Mittelmeerraum mehr Aufsehen erregt als der heurige Ecker-Cup. Grund genug, dieses Ereignis im nachhinein von mehreren Seiten zu beleuchten. Nachfolgender Artikel wurde in der Yachtrevue publiziert und geschrieben hat ihn keine geringere als Judith Duller-Mayrhofer. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Judith zu den besten Yachtjournalisten deutscher Sprache zählt. Was ihr in der Redaktion den Respektsnamen "Goldfeder" eingebracht hat. Dass Judith, im Zivilberuf Psychologin ("aha!") hinter die seelischen Kulissen schauen kann, beweist sie nachfolgend meisterhaft. 

Nebenbei, den zweiten Absatz („In jedem Mann…“)sollten sich alle beweibten Segler zu Gemüte führen, sofern sie glauben, das Joch der Ehe besonders dann zu spüren, wenn sie gegen den heimischen Widerstand zum Segeln gehen wollen.

 Jedes Wort lesen, nachdenken, ausdrucken, einrahmen - und der besseren Hälfte unterm Christbaum legen!

 B.S.


Wir sind die Helden

Ecker Cup. Drei Länder, drei Meere und tausend Meilen. Es war schlimm zwischen Zadar und Orhaniye, Sturm bis neun Beaufort und ständiges Gegenanknüppeln brachte die Teilnehmer an den Rand ihrer Belastbarkeit. Wer ankam, durfte sich als Sieger fühlen.

Text: Judith Duller-Mayrhofer, Fotos: Georg Gindl

40 Knoten, in den Böen deutlich mehr. Stockfinstere Nacht in einem unbekannten Revier. Seit fast 20 Stunden saß Bernd Schreglmann ohne Unterbrechung am Kartentisch, um sein Schiff sicher in den Zielhafen Orhaniye zu bringen. Seine Augen waren gerötet vom Schlafmangel und der Anstrengung des Navigierens, sein Magen knurrte. Eine Landjägerwurst vor ewigen Zeiten, mehr war nicht drin gewesen. Hart am Wind knüppelnd, krachte die Oceanis 473 immer wieder in die Wellentäler, Schreglmann hatte größte Mühe, sich auf seinem Sitz zu halten. Seit dem Start vor fast zwei Wochen hatte ihnen der Wind bis auf wenige Stunden stets auf die Nase geblasen, das Bordleben war zum Erliegen gekommen, der Cup zur knochenharten Arbeit mutiert. Dazwischen Weltuntergangsstimmung vor Zakynthos: Ein Gewitter, wie es keiner noch erlebt hatte, der Himmel binnen Minuten pechschwarz, eine Sturzflut, die aus einem Feuerwehrschlauch zu kommen schien, mit riesigen Tropfen, wie Steine auf ihre Köpfe prasselnd. Damals, als er im Blindflug die gewaltigen Böen abwetterte, war der Gedanke zum ersten Mal durch seinen Kopf geblitzt, jetzt tauchte er wieder auf: Werden wir heil ankommen?

*

In jedem Mann (seltener in Frauen) steckt ein Abenteurer, der sich mit dem Motorrad durch die Sahara, zu Fuß aufs Dach der Welt oder im Waschtrog über den Atlantik träumt. Üblicherweise machen die Erfordernisse des Broterwerbs in Kombination mit einer missbilligenden Ehefrau diesen Phantasten nach und nach mundtot, bis er schweigt und den Traum von der Suzuki im Saharasand gegen die Realität einer Sandburg im All-inclusive-Club eintauscht. Das ist vernünftig und erwachsen; und es gibt den Männern dieses gewisse traurige Grau, das ihnen gar nicht steht.  

Kurt Ecker – und dafür wird er von den Seglern geliebt – zaubert dieses Grau aus den Gesichtern, hat er doch einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden. Sein 1000-Meilen-Race bietet Abenteuer, das man sich leisten und zudem mit Broterwerb und Ehefrau leidlich verbinden kann. Welche Lücke er mit diesem Konzept gefüllt hat, beweist der dramatische Anstieg der Teilnehmerzahlen. Waren 1990, bei der Premiere, die nach Alexandria führte, 20 Yachten am Start, drängten sich heuer rund vier Mal so viele Schiffe an der Linie. Mehr als 500 Menschen waren dem Lockruf des Abenteuers gefolgt – wenn auch auf höchst unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlichen Vorstellungen.

 

Bernd Schreglmann eben. Der gebürtige Oberösterreicher nahm zum sechsten Mal teil, zum zweiten Mal trug er als Skipper die Verantwortung. Gemeinsam mit seiner Mannschaft ging er an das Unternehmen Ecker Cup systematisch heran. „Ein Jahr vorher gab es das erste Crewtreffen, da haben wir festgelegt, welches Schiff wir chartern wollen, und die Basics besprochen“, plauderte er aus dem Nähkästchen. Man entschied sich für eine Oceanis 473, die zwecks Kennenlernens im Frühjahr probegesegelt wurde. In weiteren sechs Crewtreffen wurden Verbesserungen diskutiert, logistische Fragen gelöst und alle auf eine gemeinsame Linie eingeschworen. „Der Ecker Cup ist die einzige Möglichkeit, als gewöhnlicher Badesegler unter dem Dach einer organisierten Veranstaltung an seine Grenzen zu gehen“, analysierte Schreglmann. Der Kick, der süchtig macht, stellt sich seiner Erfahrung nach durch den Ausstieg aus dem Alltag ein. „Du bist komplett weg von allem, was dich sonst beschäftigt oder belastet, dein Leben wird zwei Wochen lang vom Segeln bestimmt, und es bläst dir so richtig das Hirn frei!“ geriet der Journalist, der für die Salzburger Nachrichten schreibt, noch am Tag vor dem Start ins Schwärmen.

Ganz anders der Zugang von Stefan Kurus und seiner bayerischen Crew. Die klassische Fahrtensegler-Partie ohne Regattaerfahrung entschied sich in lustiger Runde spontan zur Teilnehme. „Wir wollten Urlaub mit Anforderung verbinden, Spaß beim Segeln haben und gemeinsam außergewöhnliche Situationen erleben und meistern“, schilderte der Rosenheimer die Motivlage seiner Leute. Speziell vorbereitet habe man sich dafür nicht, nur in Sachen Verpflegung blieb auf der Bavaria 47 nichts dem Zufall überlassen, wie die in der Pantry aufgeklebte Speisekarte bewies. Sie sah vier Mahlzeiten pro Tag vor, wobei die Palette von asiatischem Hühnerragout bis zu Fleischpflanzerln mit Kraut und Kartoffelsalat reichte. Der ausgeklügelte Plan stammte von Crewmitglied Frank Stommel, der als diplomierter Küchenmeister all die Leckereien daheim vorgekocht, vakuumiert und eingefroren hatte. „Wir haben 179 Kilo Verpflegung mitgebracht“, erzählte er stolz, „darunter jede Menge selbst gemachte Marmelade und Kuchen.“ 

Vorkehrungen anderer Art traf Günther Kawasser, ebenfalls ein Ecker-Cup-Novize. Als Mitglied des Wiener-Linien-Segelteams, das auf einer Bavaria 44 an den Start ging, las er sich nicht nur fachlich ein, sondern besuchte eigens einen zweitägigen Erste-Hilfe-Kurs, um für alle Fälle gerüstet zu sein. „Wir wollen nicht Letzte werden“, steckte er im Vorfeld sein Ziel ab, „ich bin schon sehr gespannt, ob es unter Stress zu ernsthaften Reibereien an Bord kommen wird.“

 

Tausend Meilen unter Druck

Wie auch immer sich die Teilnehmer auf den Ecker Cup vorbereitet hatten, sie alle mussten sich den gleichen Bedingungen stellen. Und die waren so hart wie selten zuvor. Schon beim Start in Zadar blies es mit 30 Knoten gegenan, vier Yachten mussten nach wenigen Meilen umkehren, weil die Segelgarderobe den Belastungen nicht standgehalten hatte. Sturm auf die Nase, das sollte das Motto bleiben, für Abwechslung sorgten lediglich Regen und aufreibende, schwer einschätzbare Windpausen. Nach fünf Tagen liefen die ersten Yachten im Etappenziel Preveza ein, als Zwischensieger wurden Hubert Mayer und seine Crew auf einer Dufour 45C abgehupt.

 

Auch die zweite Etappe von Preveza nach Orhaniye verlangte den Teilnehmern alles ab. Bis zu neun Beaufort wurden in der Ägäis serviert, und das wiederum aus der falschen Richtung. Die Materialprobleme häuften sich, ein Skipper erlitt einen Bandscheibenvorfall, eine Bavaria 47 wurde im Sturm entmastet. Unterm Strich meisterten die Seglerinnen und Segler die an sie gestellten Aufgaben aber hervorragend. „Die fachliche Qualifikation der Teilnehmer ist enorm gestiegen“, urteilte auch Kurt Ecker, der die Stürme auf dem Dreimaster Khersones miterlebt hatte, „in den Anfangsjahren hätten wir bei Wind bis neun Beaufort weit mehr Ausfälle gehabt.“

Für sich nutzen konnte die schwierigen Bedingungen Hubert Mayer aus Vöcklabruck, der sich nach den Line honours in Preveza auch den Gesamtsieg nach berechneter Zeit holte. „Dank meiner erfahrenen Crew haben wir eine sehr gleichmäßige Steuerleistung geboten“, ließ sich der 42-jährige Verkaufsleiter bei der Donau-Versicherung nach dem Zieldurchgang in die Karten blicken, „während es auf anderen Yachten nur einen Top-Steuermann gab, konnten wir unser Niveau wirklich 24 Stunden lang halten. Das hat den Ausschlag gegeben.“ Dazu gesellte sich eine kluge Taktik, zu der übrigens ein Telefonjoker beitrug: „Ein Freund hat uns aus Österreich per Handy Wetterinfos durchgegeben, denn unser Internetzugang hat in Griechenland nicht funktioniert“, erzählte Mayer, der am Attersee auf einer Trias ambitioniert Regatten segelt. Der Router, im Zivilberuf Anwalt, verlegte für die Zeit des Ecker Cups sein Büro nach Hause und war rund um die Uhr für seine Kumpels erreichbar – das nennt man einen echten Freundschaftsdienst. Der Sieg nach gesegelter Zeit und damit das Blaue Band ging an den Kroaten Zˇarko Juraga auf der First 47.7 Tankerkomerc, der sich damit einen lang gehegten Traum erfüllte.

Theorie und Praxis

Apropos Traum: Fanden die Fleischpflanzerln von Stefan Kurus & Co tatsächlich bei Windstärke neun den Weg vom Kühlschrank in die Pfanne? „Unser Frank hat unter widrigsten Bedingungen täglich eine warme Mahlzeit serviert“, zog der bayerische Skipper zufrieden Bilanz, „das war enorm wichtig für die Moral unserer Truppe, hat Leib und Seele zusammengehalten.“ Dennoch ging die Regatta an die Substanz. „Die Nacht, in der wir den Peloponnes umrunden wollten, wird mir ewig in Erinnerung bleiben“, schilderte Kurus, „Wind volle Kanne dagegen, extreme Dunkelheit, enormer Seegang. Wir haben am Funk diverse Seenotfälle mitgehört und keine Meile Höhe machen können, das war so frustrierend.“ Die Bavaria 47 wurde übrigens unkonventionell geführt: Das Team hatte drei gleichwertige, eigenverantwortliche Skipper nominiert, denen jeweils zwei Mann zugeordnet waren, der offizielle Chef Kurus blieb als „Graue Eminenz“ im Hintergrund und hätte nur bei Uneinigkeit des Triumvirats eingegriffen – was aber nicht notwendig war. Wiewohl sich das System bewährt hat, werden die Bayern dem Ecker Cup in Zukunft fern bleiben. „Es war hochinteressant und wir haben unsere Grenzen kennen gelernt, aber ein Mal im Leben reicht“, zog Kurus einen Schlussstrich, „es gibt bessere Möglichkeiten seinen Jahresurlaub zu verpulvern.“

Günther Kawasser hingegen fing Feuer, das Segelteam Wiener Linien will beim nächsten Mal wieder dabei sein. „Das Zwischenmenschliche hat viel besser funktioniert als erwartet“, resümierte er, „Je stärker der Wind, desto besser haben wir zusammen gehalten. Ich habe das Gefühl, dass mich am Wasser nichts mehr erschüttern kann.“ So fand Kawasser Schlaf nur bei völliger Erschöpfung, weil das Liegen in seiner Bugkoje einer Fahrt mit der Hochschaubahn gleichkam, und musste gemeinsam mit seinen Kollegen aus zwei Steuerständen einen basteln, nachdem ein Gelenk der Kettensteuerung gebrochen war. Ihr Ziel haben die U-Bahn-Jungs übrigens problemlos erreicht: Als Vierte der Gruppe E platzierten sie sich sogar in der vorderen Hälfte.

Und Bernd Schreglmann? Er ist angekommen, natürlich, wenn auch um gute drei Kilo leichter. Und durfte sich über einen tollen fünften Platz in der starken Gruppe C freuen. „Es war der härteste Cup von allen“, ist er sich sicher, „.ich hab mich zwischendurch immer wieder gefragt, was ich hier verloren habe, wie ich das vor meiner Familie, meinen Kindern verantworten kann. Ob ich noch einmal teilnehmen werde, kann ich jetzt nicht sagen.“

Mein Tipp: Er wird. 

Kraftakt

Logistik

Wer 1000 Meilen vom Start entfernt eine unvergessliche Siegesfeier für 670 Personen ausrichten will, muss früh aufstehen Passend zum Jubiläumsveranstaltung hatte Kurt Ecker eine Attraktion ersten Ranges als Begleitschiff gechartert: Den ukrainischen Rahsegler Khersones, einen der letzten Windjammer, die unter Vollzeug die Weltmeere befahren. Die Traditionsyacht, die über eine Segelfläche von 2.700 Quadratmetern verfügt, wurde extra von der Ostsee nach Zadar gesegelt. Dort waren zwei Schlepper nötig, um den 109 Meter langen Dreimaster in den Hafen zu verholen. In Folge gab die Khersones das Start- und Zielschiff, diente den Teilnehmern als schwimmende Basisstation und war grandiose Location für Eröffnung und Preisverteilung. Neben der 40-köpfigen Stammbesatzung und 70 Seekadetten beherbergte der Windjammer die 30 Mann große Ecker-Service-Crew samt Nähmaschine, Werkzeug und Ersatzteilen, den Bordarzt, die Wettfahrtleitung um Wolfgang Legenstein, die Band, die bei der Siegerehrung aufspielte, Medienteams sowie rund 80 Fans und Angehörige, die ihre Mannschaft auf dem schweren Weg nach Süden begleiten wollten. 
Ein Lkw-Sattelzug brachte unter anderem 115 Tische und Bänke, 1.800 Kilo Leberkäse, 1.200 Liter heimischen Wein, 3.000 Liter Mineralwasser und 2 Kubikmeter Pokale von Österreich nach Zadar, eigens gecharterte Flugzeuge transportierten Mensch und Material aus der Türkei zurück in die Heimat. 
„Die Vorbereitungsarbeiten für den Cup dauern rund ein Jahr“, erzählte Kurt Ecker, „in den letzten drei Monaten, wenn alle Details finalisiert werden müssen, ist unser Büro beinahe lahm gelegt.“ Dennoch wird es eine 11. Auflage des Ecker Cup geben. Ob in zwei oder drei Jahren steht noch nicht fest, fix ist hingegen eine Obergrenze von 80 teilnehmenden Yachten. „Mehr ist organisatorisch nicht zu bewältigen“, bedauert Kurt Ecker. Also: Rechtzeitig anmelden!

 

Die Sieger beim Cup der Stürme

1000 Meilen Race. Den inneren Schweinehund haben alle besiegt, den Wanderpokal durfte Hubert Mayer nach Vöcklabruck mitnehmen

 

Die zehnte Auflage des auch Ecker Cup genannten Events startete am 20. Oktober in Zadar. Die erste, 450 Meilen lange Etappe führte nach Preveza nördlich der Insel Levkas im Ionischen Meer. Weitere 550 Meilen waren es bis zum türkischen Zielhafen Orhaniye.

76 Teilnehmer (71 im Ziel), Wettfahrtleiter Wolfgang Legenstein, ohne Spinnaker, acht Gruppen, Wertung nach Offshore-Yardstick.

 

Gesamtwertung nach Offshore-Yardstick

 

Platz  Skipper                                            Yacht                    Gruppe            h:min

 

  1.  Hubert Mayer                                     Dufour 45C                 C     177:46,7

  2.  Armin Huber                                       Bavaria 42                  F      189:54,8

  3.  Zˇarko Juraga, CRO                            First 47,7                     A     190:39,2

  4.  Klaus Czap                                          Sun Odyssey 45.1       C     192:15,6

  5.  Herwig Schinagel                                Sun Odyssey 43          G     199:13,9

  6.  Johann Pierecker                                Bavaria 47                  B     199:22,2

  7.  Christian Haidinger                             Dufour 44 Racing       C     204:11,3

  8.  Mathias Schlager                                 Van de Stadt               H     204:41,9

  9.  Wolfgang Sprick                                 Feeling 416                 D     211:27,9

10. Zbynek Hercik                                    Bavaria 37                  H     214:57,5

 

„Gesegelte Zeiten“ (etwaige Motorstunden berücksichtigt)

 

1. Zˇarko Juraga, First 47.7 (165:33,0); 2. Hubert Mayer, Dufour 45C (168:00,0); 3. Clemens Moritzer, First 47.7 (179:05,0); 4. Johann Pierecker, Bavaria 47 (179:26,0); 5. Christian Haidinger , Dufour 44 Racing (180:22,0)

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